Reisebericht Norwegen und Wacken

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Reisebericht Norwegen und Wacken

#1 Beitrag von blahwas » 5. Aug 2014 22:59

Die Idee war, zwei Wochen Frankreich auf dem Motorrad zu machen, vor allem Motorrad zu fahren und im eigenen Zelt an wechselnden Orten entlang des Weges zu übernachten. Das hat letztes Jahr mit einem Freund auch schon prima funktioniert. Mangels Mitfahrer war ich dieses Jahr allerdings flexibel, wo es denn hingehen sollte. Am letzten Wochenende meines Urlaubes lockte das Wacken Open Air mit zwei meiner Lieblingsbands, die man nicht so oft live sieht: Slayer und Emperor. Norwegen soll ja auch schön sein. Wie sieht das Wetter in Frankreich aus? 35°C, täglich Gewitter mit 15 mm Niederschlag. Okaay. Und in Norwegen? 20-30°C, keine Niederschläge. Für die nächsten 14 Tage.

Moment, 14 Tage kein Regen in Norwegen? Wo muss ich unterschreiben?! Normalerweise regnet es da auch mal 4 Wochen am Stück und die Motorradfahrer ertrinken in ihren Helmen, wenn sie nicht vorher erfroren sind. Und dann liegt auch noch das Wacken Open Air am Rückweg, liegt ja schließlich eh sehr weit im Norden, so spare ich auch noch 800 km Autobahn.

Also mal kurz im Internet rumgefragt wo man da so hinfahren sollte, viele Tipps bekommen und eine Route zusammengebastelt:

Link zu Motoplaner

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4250 km ist okay :thumbup:
Neben Motorradfahren mache ich auch noch etwas Kultur, und zwar in Form von Stabkirchen. Von zweien nehme die Adresse mit, ich gucke die kürzeste Fährenverbindung nach Norwegen aus (Hirtshals-Kristiansand). Nichts wird vorgebucht, weder Fähren noch Übernachtungen. Nur das Wackenticket wandert sicher eingepcakt in den Koffer. Die mir wichtigen Bands spielen erst am Freitag der zweiten Woche. Das macht 2-3 Tage für den Weg nach Norwegen, 2-4 Tage in Wacken - bleiben also 7-10 Tage rein zum Motorradfahren in Norwegen.

Sonntag abend wird gepackt, dabei nehme ich wieder mal neben Packrolle, Topcase und Tankrucksack auch die Koffer mit. Die brauche ich zwar vom Platz her nicht wirklich, aber praktischer als alles in die Rolle zu würgen ist das schon. Archie's Camping POI Sammlung wandert auf das Navi. Da in Norwegen alles teuer ist nehme ich 8 Packungen Müsliriegel und reichlich Brot mit. Außerdem einen 5 Liter-Kanister für Trinkwasser. So sollte ich mich unabhängig ernähren können. Wild zelten ist zwar erlaubt, es gibt aber auch reichlich Zeltplätze.

Wegen der angekündigten Hitze lasse ich die Windschutzscheibe samt Halter und die Griffschalen daheim. Sollten doch Kälte oder Dauerregen passieren, habe ich noch Regenkombi und Lenkerstulpen dabei. So geht es Montag früh um 9:30 in Düsseldorf auf die Autobahn, immer Richtung Norden, mal sehen wie weit ich heute noch komme. Die Musik im Helm kommt vom Handy, hält mich wach und treibt mich an. Das Wetter ist anfangs arg feucht, später wird es dann aber trocken. Den ersten Snack nehme ich bei Bremen ein.
Die Fahrt läuft gut und ich denke nicht daran, aufzuhören. Pausen alle 90 Minuten, es gibt schöne Rastplätze hier.

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Bei einem Tankstopp in Dänemark sehe ich dann dies hier:

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Metallspähne auf der Hinterradfelge - sehen zwar gut aus, andere bezahlen teuer Geld für aufwändige Lackierungen, aber ich hatte die nicht bestellt. Also rufe ich einen mir bekannten erfahrenen Motorradfahrer an und lasse mich beraten. Er googelt sich dann einen Wolf und schickt mir per SMS einige Herkunftsmöglichkeiten, die ich alle ausschließen kann. Also weiter. Gegen 19 Uhr mitten im langweiligen Dänemark wird mir klar, dass das wohl heute noch klappen wird mit der Fähre. 800 km bin ich schon gefahren, und ich kein Popoweh noch kein einziges Mal gegähnt. Das nennt man dann wohl Vorfreude bzw. gute Ergonomie.

Es gibt laut Internet zwei Fährlinien, Color Line und Fjord Line. Ich folge in Hirtshals einfach den Autos, und diese fahren alle zur Color Line. Am Checkin gibt's einen kleinen Rückstau, aber ich bekomme noch einen Platz auf dem Boot. Einfach Perso und Visakarte rüberschieben, PIN eingeben und fertig. Die Wartezeit überbrückt man damit, mit anderen Motorradfahrern zu quatschen. Diese kommen aus Norwegen, sprechen gut englisch und fahren gerne große Cruiser, z.B. Goldwing mit Anhänger. Das sieht man bei uns auch nicht so oft.

Die Überfahrt an sich ist laaaangweilig, aber ich habe noch etwas zum Glotzen auf dem Handy dabei. Hier werde ich dann doch langsam müde. Deutlich nach Mitternacht spuckt uns die Fähre in Kristiansand wieder aus, im Navi ist der nächste Zeltplatz Richtung Westen. In einem Tunnel verpasse ich eine Abfahrt und gerate so auf die kurvige Küstenstraße. Da kommt doch trotz Dunkelheit, klebriger Kontaktlinsen und Müdigkeit noch Richtig Fahrspaß auf! Ist ja schließlich Norwegen hier.

Am Zeltplatz baue ich dann bis halb 2 das Zelt auf und gehe erstmal schlafen. Sehr guter erster Tag, habe mit einem Tag Anreise statt erwarteter zwei direkt mal einen weiteren schönen Fahrtag dazu gewonnen. Zufrieden krieche ich bei angenehmen 20°C in den Schlafsack. Es dämmert im Norden - das gefällt mir. Obwohl ich heute 950 km gefahren bin, bin ich nicht sonderlich erschöpft. Versys und guten Klamotten sei Dank!
Zuletzt geändert von blahwas am 14. Aug 2014 13:31, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Reisebericht Norwegen und Wacken

#2 Beitrag von blahwas » 5. Aug 2014 23:04

Di 22.7.

Meine erste Mission morgens nach dem Zeltaufbau: Die Herkunft der Metallspähne an der felge klären. Dazu habe ich die bekannte Kawasaki Deutschland Technik-Hotline angerufen: Die Spähne kommen wahrscheinlich vom Kettenrad oder Ritzel, daher sollte die Kettenflucht geprüft werden. Dei Kettenflucht sieht für mich okay aus. Der Kawamann braucht 15 Minuten, um mir eine Werkstatt in der Nähe zu nennen. Ist zwar wieder in Kristiansand wo ich gerade herkam, aber hey, sind ja nur 15 Minunten. Dazu kamen leider nochmal 15 Minuten Suche, da die Innenstadt von Kristiansand ein Einbahnstraßengewirr sonder gleichen ist, und da mein Navi noch dazu zu den Sperrungen oder Richtungen oft eine andere Meinung hat. Die Werkstatt entpuppt sich als kleiner Hondahändler. Auffällig war, dass gut ein dutzend gebrauchte 20jährige Japaner mit 50-100 tkm auf der Uhr zum Verkauf stehen - XJ900 & Co - für 50000 Kronen = 6000 Euro, dafür auch mit 3 Monaten Garantie. Wenn ihr mal ein Fahrzeug bei den bekannten Onlinebörsen einstellt, wundert euch also nicht, wenn ein Norweger (oder Schwede) sich meldet.

Der Händler kam dann auch gerne gucken. Er hat die Herkunft der Metallspähne schnell beurteilt: Es sind die Rollen der neuen Kette, die sich dem Profil der alten Ritzel anpassen. Die werden nämlich nicht nur in der Seitenansicht spitzer, sondern auch in Fahrtrichtung betrachtet. Er kann sich vorstellen, dass man damit weiterfahren kann, besonders auf den norwegeischen Straßen, wo man angeblich eh nur 60, 70 km/h fahren kann (Watt? Wo bin ich denn hier gelandet?!), legt aber einen Wechsel des gesamten Kettenkits nahe, auch wegen der hohen Geschwindigkeiten in Deutschland. Bei ihm würde es mit Arbeit rund 300 Euro kosten. Okaaaay. Ich muss weg! Für die Beurteilung will er kein Geld. Stattdessen bekommt er eines meiner zwei aus Deutschland mitgebrachten Dosenbiere. Marktwert hier: fünf Euro. Er freut sich.

Beim Nachgrübeln zurück auf der Strecke wird mir klar, dass das so schlimm nicht sein kann: Der alte Kettensatz war von den Rollen her ja noch nicht fertig, sondern von den Laschen her. Die sind beim aktuellen Satz aber noch wie neu. Also weiterfahren. Nach der Tour kriegt die Versys eine große Inspektion bei Kawa Düsseldorf, den Termin habe ich schon vorher gemacht habe, und der darf dann gucken, ob ihm am der Kette irgendwas auffällt.

Stavenger steht als Tagesziel auf dem Programm. Dazwischen liegt eine eher öde Europastraße. Die wäre zwar in Niedersachsen sicher ein Highlight, hier ist sie aber eher ein nerviges Ärgernis. 2 Spuren, 1 pro Richtung, Tempolimit 80, gerne auch mal kilometerweit 60 und wenig ernstzunehmende Kurven. Nope! Da werfe ich doch lieber etwas ins Navi... und genieße die schöne Küstenstraße. Außer an der Küste. Denn wie Überall, so ist diese auch hier vollgebaut und überlaufen. Zwar nicht Edersee-überlaufen, aber in Sachen Verkehrsfluss erstezt ein Wohnmobil 10 Autos. Auch beim VW-Bus scheint in der Anleitung zu stehen, dass er 1x pro Jahr in Norwegen mit Tempo 30 spazieren gefahren werden muss. Dafür kann es auch mal hübsch sein.

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Dazwischen locken aber diverse Kurvenstrecken mit abwechslungsreichen Radien und Bögen, und die Aussicht wird auch mit jedem Kilometer besser. "Krisitansand is not bad, but the West coast is something else", sagte der Honda-Mann in Kristiansand noch. Wie Recht er damit hatte! Der fährt sicher auch selbst Motorrad.

Einzelne Strecken zu nennen wäre jetzt müßig, einfach selbst hinfahren :)

Aber Vorsicht! Wer Hauptstrecken vermeiden will und dazu Zwischenziele in die Landkarte nagelt, sollte sich VORHER vergewisseren, dass "[ ] Ungefestigte Wege vermeiden" so eingestellt, wie man das mag. Man kann hier nämlich noch richtig Schotter fahren. Wenn man es kann. Und wenn man es will. Ich bin da jeweils eher so "meh" (bzw. "naja"). Und so kam es dann auch! Immerhin, der Schotter war sehr fein und in den Spuren der Autos eigentlich auch schon komplett abgetragen. Drunter ist verfestiger Boden, insofern war ich teilweise mit Tempo 80 unterwegs. Besondere Tempolimits gibt auf diesen Wegen ja keine. Hilfreich dabei war, dass es 3 Monate nicht geregnet hat. Wieder mal herrscht eitel Sonnenschein. Bis auf einen Schauer, der sich gewaschen hat (und mich). Der war aber sowas von überdeutlich zu erkennen, dass ich bequem 20 Meter vor den ersten Tropfen in die Regenpelle schlüpfen konnte. Die war bitter nötig, denn diese Tropfen waren hart wie Stahl und die Autos im Gegenverkehr schoben eine Bugwelle vor sich her. 10 Minuten später war der Spuk dann auch schon wieder vorbei. So kann das weitergehen!

Da ich doch recht müde bin habe ich dann schon gegen 18:30 einen Campingplatz aufgesucht, südlich von Stavenger (Tagesziel fast erreicht). Wieder mal kostet die Dusche extra. 15 Kronen. Dafür bekommt man in Frankreich fast noch die Übernachtung dazu... Meine Zeltplatznachbarn heute sind 4 Motorradholländer. Da muss irgendwo ein Nest sein ;) Also Zelt aufbauen, duschen, Handtuch dabei vergessen, egal, Bier rein, Müsliriegel und Knäckebrot rein und dann ab ins Zelt, Bericht schreiben, mit den Liebsten kommunizieren und Augen zu, Schlaf nachholen.

Zunächst wird aber 2 Minuten geschraubt, denn zur Feier des ersten Fahrtages in Norwegen streckte die Sicherung meiner USB-Dose (und des Nebellichtes) mal wieder alle Zweie von sich. Ersatz ist dabei, kein Werkzeug nötig, alles easy. Die Nacht wird unruhig, weil man die Autobahn vom Zelt aus hören kann.

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Re: Reisebericht Norwegen und Wacken

#3 Beitrag von blahwas » 5. Aug 2014 23:10

Nittwoch 23.7. - Stavenger-Bergen-Duskeland

Dank cleverer Platzwahl für das Zelt bin ich unverschwitzt aufgewacht und konnte zügig abbauen. Dann gings auf die Bahn und immer weiter nach Norden - Norwegen halt. Die E39 ist an sich nicht uninteressant, man darf auch fast überall überholen, sogar im Tunnel (oder ich deute die unterbrochene Linie falsch), allerdings ist doch recht viel Verkehr und vor allem, vor allem aber ist das Tempolimit maximal 80, und oft auch eher 60 wenn Häuser oder eine Kreuzung in der Nähe sind. Unter der Annahme, dass man nicht gelasert wird, ist diese Strecke sicherlich spaßig zu bereisen. Die Blitzkästen nehmen anscheinend nur Frontfotos auf. Das zerrt etwas an meinen Nerven, trotz gelegentlich toller Aussichten und diesem nordischen Flair, dem man sich einfach nicht entziehen kann.

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An der Westküste gibt es reichlich Wasser. Das stellt die Straßenbauer vor zahlreiche Möglichkeiten:
A) umfahren - Küstenstraße, die sind am Fjörd entlang schlängelt. Schöne Streckenführung, oft aber auch bebaut.
B) Fähre - laaanggweilig, eher was für Genießer. Plaudermöglichkeit mit Gleichgesinnten. Hatte davon heute 3 oder 4. Ich musste nie lange warten. Bei einer kam ich so knapp an, dass ich am Schalter mit "pay onboard!" durchgewunken wurde. Onboard fand ich aber niemandem zu payen, na dann halt nicht ;) Dafür kaufe ich onboard einen Snack.
C) Brücke - teuer in der Konstruktion, aber ab der entsprechenden Höhe auch spektakulär anzusehen. Sehr episch zu befahren.
D) Tunnel - noch teurer, anfangs noch irgendwie beeindruckend, nach dem dritten kilometerlangen Tunnel mit Natursteinwänden aber dann nicht mehr. Auf manchen Abschnitten folgt Tunnel auf Tunnel. Ich entdecke sogar einen Kreisverkehr im Tunnel mit drei Anschlüssen, der extra blau beleuchtet wird, damit man aufmerksam wird. Die Archäologen kommender Generation werden sich jedenfalls wundern, warum gerade hier so viele unterirdische Autorennbahnen (mit Tempolimit 80) gebaut wurden.

In Bergen, der zweitgrößten Stadt Norwegens, habe ich mir die Stabkirche von Fantoft angesehen. Diese war eines meiner Reiseziele.

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Das ist eine mit Teer wetterfest gemachte Holzkirche von 1444, die 1992 abgebrannt ist, weil sie jemande als Symbol der Christianiserung Norwegens nicht in den Kram passte. Kulturbanause! "Leider" mag ich seine Musik. Mittlerweile interessiert er sich mehr für Ariertum als Relgion und lebt in Frankreich, wo er kürzlich wegen Vorbereitung eines Sprengstoffanschlages weggeknastet wurde... Ich habe also die Rekonstruktion besichtigt. Die ist so originalgetreu, dass sie wie ein Original wirkt. Das war schon etwas mystisch. Auch wenn sie wirklich kleiner ist, als man denkt. Die Textur auf dem Holz ist unbeschreiblich.

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Fahrerisch war es in Bergen mörderisch heiß. Trotzdem gucke ich mir noch die Innenstadt an. Dazu rolle ich einfach mal durch und gucke, ob irgendwas einladend aussieht. Das war leider nicht der Fall. So bei der zweiten Dönerbude mit Kebap für 8 Euro ist mir klar, dass das hier nichts für mich ist. Auch sonst ist alles arg modern, dienstleistungsorientiert und irgendwie "verwestlicht".

Lustig waren noch zwei Fahrschulmoppeds. In Norwegen fährt der Fahrlehrer offensichlich auf dem Sozius mit.

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Dann lieber weiter nach Norden!

Im Fjördland kann man schlecht von den Hauptstrecken runter, ohne viel Zeit zu verlieren. Irgendwann tue ich es dann doch - ich bin ja schließlich in Norwegen zum Motorradfahren, und nicht, um möglichst schnell wieder daheim zu sein! ;) Das macht sich dann auch richtig gezahlt, sowohl fahrerisch als auch landschaftlich. Angesichts der Fahrweise der Einheimischen sinkt auch meine Behördenparanoia und es stehen hier und da sogar dreistellige Zahlen auf dem Tacho!

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Irgendwann bin ich doch mal müde und gebe den nächsten Zeltplatz ins Navi. Kurz vor der Auffahrt denke ich mir so, nee, macht doch gerade zuviel Spaß. Wo ist eigentlich der nächste Supermarkt? 35 km nach Norden? Gebongt! Der Kurvenspaß geht weiter und vertreibt die Müdigkeit. Mit frischem Abendessen eingedeckt kommt der nächste Zeltplatz ins Navi: 35 km in meine Reiserichtung? Naklar! Und auch schon wieder Fahrspaß. Die Dorfjugend auf meiner Route fährt Subaru Impreza mit Brüllrohr und Riesenrädern, will aber nicht spielen. Naja, man kann halt nicht alles haben.

Der Zeltplatz ist der dritte in Norwegen und er gefällt mir auf Anhieb am besten. Kostenloses WLAN inklusive, wenig los, natürlich aufgebaut, unverfestigte Wiese, und nicht im Hörweite einer Hauptstraße, dafür mit Bachrauschen! Und mit 110 Kronen dazu noch der günstigste bisher. Noch ein Grund, sich von den E-Straßen fern zu halten.

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Am Zeltplatz baue ich das Zelt auf, wobei es sich als schlechte Idee entpuppt, stehend den Beutel mit den Zeltteilen drin auszuschütteln: Alles fällt mir auf bzw. vor die be-badelatschten Füße. Inklusive des HAMMERS. Der fällt aber glücklicherweise VOR die Füße. Merken: Das künftig sein lassen. Nach dem Zeltaufbau und Abendessen montiere ich noch eine weitere USB-Dose an die Versys. Die bisher montierte lädt meine Elektronik nicht ausreichend schnell, außerdem hatte ich sie idiotischerweise mit den Nebelscheinwerfern zusammengeschaltet, so dass immer beides eingeschaltet sein muss. Auf einer Fahrpause z.B. auf der Fähre ist mir das dann doch zu heikel, auch wenn die Zahlen eigentlich eine andere Sprache sprechen. Zufrieden geht's in den kuscheligen Schlafsack.

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Re: Reisebericht Norwegen und Wacken

#4 Beitrag von blahwas » 5. Aug 2014 23:14

Schon wieder heiß heute. Auf dem Motorrad ist das aber kein Problem. Morgens bin ich gut losgekommen und habe mich auf den Trollstigen gefreut. Doch zunächst drohen lange Überfühhrungsetappen, die ich mir aber dank Umplanung über einsame Nebenstrecken versüßen kann, oft am Wasser entlang. So kann ich Fahrspaß und Aussicht ohne Stess genießen. Top!

Der Trollstigen ist ein Pass mit Hammer Aussicht oben und einem charakteristischen Wasserfall. Ich fahre vorsichtshalber erstmal schnell unter und wieder rauf und gucke dann erst gemütlich von oben. Traumhafter Ausblick!

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Auf den Weg ins Tal finde ich eine ominöse ausgeschilderte Sehenswürdigkeit: Ein Schotterweg, der links abzweigt, dann eine Schleife macht und unter sich selbst durch zurück zur Straße führt. Hä?

Nach dem Trollstigen kommt wieder mal ein elend langer Tunnel, dann wird's aber richtig schön. Geiranger ist so eine Art Fjörd-Hochgebirge und bietet neben alpinem Fahrvergnügen zusätzlich auf einer teueren mautpflichten Stichstraße ganz oben einen genialen Rundum-Ausblick namens Dalsnibba. Den genießen außer mir natürlich auch noch andere. Besonders fällt mir ein Rumäne auf, der mit seiner R1200GS Adventure auf dem Weg zum Nordkap ist. Wir freuen uns beide wie bekloppt über dieses Highlight auf dem Weg.

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Zurück auf dem Hauptpass kommt erneut massiv Fahrspaß auf, es geht richtig Alpenpass-mäßig ins Tal runter, inklusiver unterhalsamer Überholmanöver.

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Unten im Tal in der Bucht sind zur Zeit vier Kreuzfahrtschiffe. Diese laden dort die Gäste aus, und sie werden per Bus zum Aussichtspunkt gekarrt. Daher kommt das also.

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Die Wolkenschicht im Tal kommt übrigens auch von den Schiffen - nicht viel Wind, da. Dafür sind sehr viele Autos im Tal. Es gibt einen riesigen Stau und ein fuchtelnder Fußgänger bedeutet mir, mich einzureihen. Mit kommt auch ein Krankenwagen rückwarts entgegen, dann machen wir das mal lieber. Da es hier richtig heiß ist, spreche ich eine Frau mit Funkgerät an: Es gibt wohl eine Polizeisperre ganz unten, die wegen eines Norwegen-weiten Terroralarms alle Fahrzeuge kontrolliert. Sie meint, ich kann ruhig vorbeifahren. Der fuchtelnde Mann von eben sieht das anders, "you have to wait like everybody else" und wünscht mir viel Spaß mit der Polizei weiter vorne. 50 überholte Autos später sagt mir Polizei dann ich solle anhalten und warten, da ein Streifenwagen die Kolonne anführen soll. Das tut er dann auch 20 Sekunden später und wir fahren am Anlegesteg vorbei - warum, ist mir unklar. Am Ende der Autoschlange in der Gegenrichtung dreht der Streifenwagen um und gibt den Verkehr hinter sich so frei für die folgende Passstraße.

Wir fassen mal kurz zusammen: Vor mir liegt eine Passstraße und ca. 10 Autos, davor kommt lange Zeit gar nichts, da die Straße vorher gesperrt war, und es gibt einen Terroralarm in ganz Norwegen, der die Polizei komplett beschäftigt. Tja, da hoffe ich natürlich, dass sie erfolgreich ist bei ihren Bemühungen und sich dafür auch richtig anstrengt und z.B. auch weniger Zeit mit irgendwelchen Geschwindigkeitsmessungen verbringt. So auch auf dieser Straße jetzt gerade eben :) Ich mach's kurz: Es hat Spaß gemacht, und in den Alpen fahre ich auch nicht anders. Ich warne noch einige entgegenkommende Motorradfahrer, dass sie unten im Tal die nächsten 30 Minuten nur Leid und Elend erwarten und heize gepflegt weiter - Position 1 will schließlich verteidigt werden.

Später auf einer Fähre lerne ich (auf Position 1) ein Pärchen aus Tschechien kennen, die auf einer R1200GS Adventure unterwegs zum Nordkapp sind. Sie waren vorher schon wochenland auf Island und Faröer unterwegs. Aktuell machen sie eine 3monatige Skandinavientour, und zwar als Vorbereitung für eine 3jährige Weltreise. Die erste Etappe soll dann die Afrikanische Westküste sein, und zwar die komplette. Ich wünsche viel Glück! An der Ausrüstung wird es kaum scheitern, 4 Zusatzscheinwerfer, 7"-Navi mit OSM-Karten und alles von Wunderlich, was der Katalog hergibt, er dazu noch in einer Mesh-Motorradhose, die sich bis zum Gesäß seitlich öffnen lässt. In Fahrpausen träger er die Beine unter den Hosenträgern, so dass das ganze irgendwie nach sommerlichen bayerischen Lederhosen aussieht. Der Mann hat anscheinend tatsächlich die Protektoren-Shorts erfunden!

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Nach dieser Fährenfahrt geht es für mich bald zum nächsten Zeltplatz. Inzwischen bin ich aber anspruchsvoller geworden. Der Zeltplatz soll bitte nicht direkt an der Hauptstraße liegen. Im Urlaub mehr Verkehrslärm als daheim ist schon komisch, und das war die letzten Tage leider so. Aber nicht heute! Heute finde ich einen ruhigen Zeltplatz. Das sieht man ja schon auf dem Navi. iGo mit Matze-Skin ist da sehr hilfreich. An der sehr freundlichen Rezeption bekomme ich noch einen WLAN-Key (Haupthaus und Nähe) und den Hinweis, dass ich auch den Strom am Haupthaus nutzen darf. Dankesehr!

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Schon am Weg zu meinem Stellplatz fallen mir zwei Hayabusas auf, und eine sehr rothaarige Frau grüßt sehr aufgeschlossen. Nach dem eleganten Zeltaufbau (habe die Stange nur fast ins Gesicht bekommen) gehe ich dort nochmal vorbei und bekomme von Knut und seiner Tochter, beide aus Dänemark und auf je einer Hayabusa unterwegs, mit Hund. Ich bekomme direkt mal ein Bier in die Hand und einen Stuhl unter den Hintern. So lässt sich der Abend aushalten! Falke mit Hund:

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Als die beiden schlafen gehen, gehe ich zum Haupthaus den Berg rauf (hätte Mopped fahren sollen) und gönne meinem Laptop den Saft und mir das Netz... Moment, der Zettel mit dem WLAN-Zugang ist noch im Zelt? Berg runter, Berg rauf (hätte Mopped fahren sollen), gemütlicher Abend. So weit nördlich wird es nie ganz dunkel. Um Mitternacht kann man noch bequem zur anderen Seite des Fjords gucken. Ein Buch lesen ohne Lichtquelle zwar nicht mehr, aber man findet sich noch problemlos zurecht. Im Prinzip ideale Bedingungen, um nonstop Motorrad zu fahren, wäre da nicht das individuelle Schlaf- und Erholungsbedürfnis. Dem ich jetzt nachkomme. Gute Nacht, Norwegen!
Zuletzt geändert von blahwas am 6. Aug 2014 00:12, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Reisebericht Norwegen und Wacken

#5 Beitrag von framic » 5. Aug 2014 23:17

toller Bericht, geile Bilder !
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Re: Reisebericht Norwegen und Wacken

#6 Beitrag von everyday » 5. Aug 2014 23:21

:top:
Servus Johannes, wie immer super Bild/-Wort/-Satzwahl, werde ihn morgen früh komplett lesen, dann ist er sicher fertig (als Admin kannst Du ja "durchschreiben"). ;)
fahr so als ob Du sie geklaut hättest

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Re: Reisebericht Norwegen und Wacken

#7 Beitrag von blahwas » 5. Aug 2014 23:21

Freitag, Atlantic Road

Morgens gibt es gaaanz leichten Nieselregen. Man wird zwar nicht nass, aber das Zelt wird auch nicht trocken. Dann kommt es halt auf die Packrolle statt in die Packrolle, Hauptsache, Schlafsack und Isomatte bleiben trocken. Wer weiß, wie das Wetter heute abend sein wird. Klamottentechnisch ein Fall für Membran rein und Fleecepulli drunter. Außerdem kommen die Lenkerstulpen ans Mopped, da meine dicken Handschuhe wegen Undichtigkeit noch zur Reperatur sind. An dieser Stelle schöne Grüße an die Firma Louis und ihre Hausmarke Vanucci, die dazu über 4 Wochen brauchen und auch keine Ersatzhandschuhe zur Verfügung stellen, "weil das Winterhandschuhe sind und es ist gerade Sommer!" Achso. Für 99 Euro hätte ich halt gerne länger als 1 Saison trockene Pfoten, und das mit Jacke-über-Handschue und Heizgriffe-vs-Membram weiß ich auch schon, kthx.

Der erste Weg heute führt zur Atlantic Road, und über die Hauptstrecke nach Kristiansund (nicht zu verwechseln mit Kristiansand). Auf dem Weg dorthin wähle ich Nebenstrecken und die Atlantic Road eher nur dort, wo nötig - die nehme ich am Rückweg mit. Ja, Rückweg, Kristiansund wird der nördlichste Punkt dieser Reise sein.

Die Atlantic Road ist vor allem wegen der Brücken spektakulär zu fahren. Links Altantik, rechts Bucht, reichlich Felsen beidseitig. Der Nieselregen hat aufgehört und es klart immer weiter auf.

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Am Ende der Brücken kommt - Überraschung - ein elends langer Tunnel! Dieser hier ist auch mautpflichtig, und zwar als erste nicht-touristische Strecke auf meiner Reise auch für Motorräder. Die regulären Mautstellen für Tunnels, Brücken und Wasauchimmer sind nämlich immer "Moto 0 Kr" bzw Pfeil nach ganz rechts auf eine ziemlich kurze Schranke mit genug Platz selbst für die dickste Adventure-Versys in Schräglage und Hanging Off. Hier dagegen ist Blechen angesagt. Naja, da muss man halt durch. Im Tunnel geht es erst 3 km steil bergab, dann 2 km eben, dann 3 km steil bergauf. Alles dreispurig, wobei aus beiden Richtungen überholt werden darf, nur kurz vor den "Knicken" nicht. Der Elbtunnel im Hamburg ist dagegen eine Eisenbahnunterführung.

Kristiansund ist eine Stadt auf diversen Inseln mit diversen Bootsanlegestellen dazwischen für Fracht, Kreuzfahrten, Fähren, Yachten, Fischer, was auch immer. Maritimes Flair also. Ich gönne mir ein Schrimps-Brötchen, das nach gar nichts schmeckt, und kaufe im Supermarkt noch etwas ein. Ziemlich belebt, hier. Aber halten tut mich hier auch nichts, also weiter. Bzw. wieder zurück. Tunnel rein, runter, durch, rauf, anhalten, bezahlen, Kleingeld fallen lassen, Geldbeutel fallen lassen, aufsammeln, einpacken, weiterfahren.

Am Atlantic Highway sehe ich dann wieder den Wegweißer "Stavkirke 10"? Aber hallo, also außerplanmäßig liiiinks, sind ja nur 10 km. Sieht dann auch ganz nett aus:

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Kann bei der nächsten Sintflut wahrscheinlich auch als Ruderboot bzw. Galeere verwendet werden :)

Am Weg zurück zur Atlantic Road lotst mein Navi mich über 8 km Schotter, was an einer besonders langsamen Stelle auch noch haarig war, da ich die Karre in einer Kehre fast abgewürgt habe, weil ich doch nicht im zweiten Gang war, sondern im dritten. Ganganzeige, komm wieder her! Freundlicherweise geht die Versys aber nicht aus und ich kippe nicht um. Danke, Kawa!

Die Atlantic Road selbst führt dann weiter die Küste entlang, durch Minidörfer und zu diversen Touristenattraktionen. Nach dem zweiten "Point of not that interesting" lasse ich das dann aber auch sein: Meer. Achso. Meer. Ahja. Ich nehme noch wahr, dass der Veschlussstopfen meines Trinkwasservorratskanisters abgehauen ist und improvisiere mir etwas aus Panzerband und einem Müllbeutel. Auf Dauer wird das keine Lösung sein. Habe ich eigentlich Blumendraht dabei? Im nächsten Supermarkt finde ich auch keine guten Kanister, nichtmal mit destilliertem Wasser drin (so wie meiner ursprünglich einer war). Also wird das wohl doch eine Dauerlösung, zumindest bis zum Ende der Tour.

Auf den Nebenstrecken Richtung Süden treffe ich die beiden Bekanntschaften von gestern wieder, was mich sehr freut. Auch sie winken jeweils sehr eifrig. Die sind jeweils auf dem Weg zum Nordkapp und lassen wohl keine Nebenstrecke aus.

Mein Weg nach Süden führt mich wieder über diverse Fähren und durch die diverse Tunnel. Auf einer Fährte treffe ich zwei Belgier auf zwei typischen Reisemoppeds: ZX10R und Street Triple R, wüst umgebaut und mit einem Nummerschild, das selbst auf der Fähre schon flattert. Rockt weiter, Jungs! ;)

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Ich fahre nicht genau den gleichen Weg nach Süden, den ich zuvor nach Norden gefahren bin, aber manche Abschnitte sind gleich. Zum Beispiel der Geiranger-Pass, den ich sehr mag. Das bereue ich sicher nicht :) Irgendein entgegenkommender Autofahrer zeigt mir den Stinkefinger, keine Ahnung warum: Beide Räder auf der Straße, Fußrasten, Knie und Lenkerenden in der Luft, ich auf meiner Spur, er auf seiner; kürzlich überholt hat ihn auch kein Mopped, da mir keines entgegenkam - schlecht gefrühstückt? Frust, weil er in der Kolonne hinter dem unvermeidlichen Wohnmobil festhängt und nicht überholen kann? Oder habe ich ihn die Tage zuvor geärgert und er hat mich so schnell wieder erkannt? Ich werde es wohl nie erfahren... Wenn er das mit jedem Motorradfahrer macht, dann wette ich, dass ihm das innerhalb einer Woche jemand abgewöhnen wird.

Oben geht's dann links, vorher kam ich von rechts (aus dem... Tunnel!). Hier geht es endlos auf einem Hachplateau geradeaus, so einsam, dass das Tempolimit sogar 90 statt der sonst üblichen 80 beträgt. Die Monotonie wird nur kurz unterbrochen von einem Norweger, der auf seiner Ur-GSX-R 750 mit gerissener Kette neben der Straße steht. Sein Bruder ist aber schon mit dem Hänger unterwegs. Ansonsten hätte ich aushelfen können, ich habe Ersatz-Kettenglieder dabei. Zwar kein Nietwerkzeug, aber einen Hammer. Steine gibt es auch reichlich.

In Lom treffe ich noch zufällig auf eine ziemlich imposante Stabkirche, sogar mit Mauer und Friedhof außenrum.

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Die Patina auf dem Holz ist unfassbar, mit Worten nicht zu beschreiben, und mit Bildern kaum - das sieht zwar aus wie gemalt, sieht in Echt aber tatsächlich genauso aus - nur plastischer!

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Das Wetter wirkt nachmittags schon länger so, als würde man in den Regen fahren. Aber stundenlang passiert es doch nicht. Die nächste Pause mache ich an einem großen See und schnacke mit einem weiteren Motorradfahrer, der seinen Hund immer dabei hat (hier ein Dackel auf einem Cruiser, ebenfalls im Tankrucksacke, der Fahrer trägt große Mengen Lederfransen spazieren) und außerdem treffe zwei autofahrende Polen, die mich anquatschen.

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Bei der Pause suche ich mir einen geeigneten Zeltplatz auf dem Navi. Inzwischen bin ich aber NOCH anspruchsvoller geworden. Der Zeltplatz soll bitte nicht direkt an der Hauptstraße liegen, und auch nicht am Wasser. Insekten lieben ja Wasser, aber ich liebe Insekten nicht. 30 Minuten sind es bis zum Idealplatz, also nochmal rauf aufs Mopped und ab dafür. Es beginnt wieder zu nieseln und meine Motivation sinkt. Das Tempolimit zu erreichen ist doch eigentlich völlig ausreichend. Die 2 Autos da vorne, die sollen mal vor fahren, ich halte mich aus der Gischt raus. Offensichtlich höchste Zeit für Feierabend!

Der Plan mit den Ansprüchen an den Zeltplatz geht allerdings nicht auf, denn der von mir auserkorene Zeltplatz liegt anscheinend am Ende einer 10 km Schotterpiste, was mir im Regen jetzt und schon eher am Ende meiner Konzentrationsfähigkeit irgendwie nicht so in den Kram passt. Stattdessen nehme ich den nächstbesten: An der Hauptstrecke, am Wasser (rauschend!), und dann auch noch hochverdichtete Wiese, also eher Parkplatz mit 2 cm Gras drauf, damit die Wohnmobile und -wagen nicht einsinken. Meine Zeltnägel kommen dagegen jedenfalls kaum an, und mit dem Hammer macht man sie nur krumm und sich die Finger taub. Der Zeltaufbau verläuft also wenig erbaulich. Dafür free wifi im Haupthaus, allerdings wird man um 22 Uhr rausgeworfen. Bzw. kommentarlos eingesperrt. Pöh, nehme ich halt den Notausgang, mir doch egal, dass ich den von außen nicht verschließen kann. Duschen kostet auch wieder 10 Kr und im ganzen Waschbereich gibt es keinen einzigen Haken und auch keine Ablagefläche. Dafür interessante andere Gäste, z.B. einen Schweden auf KTM 690 Enduro (140kg!) und 3 Russen auf BMW F800GS/Triumph Tiger.

Ganz Abends mache ich noch ein Abschlussplanung - sieht so aus, als wäre ein Abend in Oslo zeitlich noch machbar, wenn ich 400 km am Tag fahre. Bisher waren es gefühlt eher mehr als das, aber so genau verfolge ich das nicht. Ob mit oder ohne Oslo entscheide ich später, je nachdem, wie es läuft. Jetzt erstmal Ruhe.
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Re: Reisebericht Norwegen und Wacken

#8 Beitrag von blahwas » 5. Aug 2014 23:26

Sa, Route 7 Geilo

Die Nacht auf dem Zeltplatz an der Hauptstraße war erholsamer als erwartet. Morgens schien es auch wenig heiß zu werden - die Membran durfte am Mann mitfahren. Vorher habe ich noch schnell die Caravan-Fahrer nebenan um Strom angeschnorrt, auf dass ich auch heute abend wieder am Laptop Reisebereicht schreiben kann. So sind die Wohnmobile also doch zu etwas gut ;)

Heute ging es weiter Richtung Süden. Nach der anfänglichen Überbrückungsetappe wurde die Landschaft zunehmend hochgebirgiger. Das gipfelte dann in einer Bergstraße, die immer weiter führt, rauf auf die Berge, runter ins Tal, ohne großartige Abzweige. Traumhafte Aussichten inklusive, und wenig Verkehr.

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Auch eine Schotter-Stichstraße wollte erkundet werden:

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Das Navi vermeldet 115 km bis zum nächsten Abzweig - willkommen in Norwegen. Tatsächlich biege ich dann aber doch mal früher links ab, weil die Straße einfach noch besser aussah. Es ist der kostenpflichtige Trollvegen. Nach 2 km findet auch das Navi diesen Weg besser als den alten und so wird es dann eben dieser. Die Strommasten stören zwar den Ausblick, aber fahrerisch ist es abwechlungsreich. Auf der Südseite wird die Straße zwar sehr schmal, aber alle langsameren Fahrzeuge vor mir fahren rechts ran, um mich überholen zu lassen. Auch die entgegenkommenden PKW sind sehr vorsichtig, wie eigentlich im ganzen Land.

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Sehr fair! Richtung Tal kommen zunehmend Spitzkehren dazu.

Wer mich kennt, weiß ja, dass ich wahrscheinlich der allerbeste Motorradfahrer der Welt bin ;) Nur Spitzkehren, die können ein oder zwei Leute auf der Welt normalerweise vielleicht noch etwas besser. In diesem Urlaub aber nicht mehr, die Hüftsteifigkeit ist völlig verflogen. An dieser Stelle schönen dank an meinen Kawaheini den freundlichen Kawasaki-Partner in Düren, der bei der letzten Inspektion das Ansprechverhalten im unteren Drehzahlbereich deutlich bessert hat - auch ohne o2-Eliminator (aka Lamdasondenattrape). Es flutscht also einfach wunderbar. Fahrspaß!

Mit Aussicht!

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Unten im Tal meldet die Versys Durst: FUEL! Kein Problem, denke ich mir, Norwegen hat 'ne prima Tankstellendichte, sicher ist hier im Ort noch eine, aber vielleicht doch mal aufs Navi gucken, Umleitung, Tankstelle, omgwtf, 130 km? Das schaffe ich nicht mehr! Der größte Schock des Urlaubs bisher! Also einen Fußgänger zum anquatschen gesucht, kann ja wohl nicht wahr sein, aber keinen gefunden. Also angehalten, POI-Suche rund um meinen aktuellen Ort - 450 Meter?! Soll mir sehr recht sein. Die Umleitungsfunktion stand wohl noch auf "alphabetisch sortiert" statt "nach Entfernung sortiert", d'oh! 450 Meter später gieße ich also zufrieden wieder mal 16,5 Liter in den Tank. Den Liter- oder Gesamtpreis rechne ich schon gar nicht mehr um, tanken muss ich eh. Der Verbrauch müsste eigentlich sehr niedrig sein hier, mit dem Dauertempo 80 und wenig Heizerabschnitten...

Es folgt eine Überführungsetappe, die für meine Ansprüche monoton ist, für norddeutsch-Heimatverbundene oder Cruiserfahrer aber vermutlich wie Weihnachten und Geburtstag gleichzeitig ist: Sanfte Schwünge in sehr großen Radien, mal hier was zu gucken (Fels), mal dort (Wasser). Immer mal wieder Tunnel. Ich komme wieder am Tunnel mit dem unterirdischen Kreisverkehr vorbei, den ich schon auf dem Weg von Bergen nach Norden hatte. Der gemeinsame Streckenabschnitt fällt aber kurz aus, bald darauf verlasse ich die E-Straße.

Bei einem der Tunnel hatte ich schon während der Planung gesehen, dass man ihn auf der alten "vorher"-Strecke umfahren kann und dort auch zwei Zwischenziele reingesetzt, damit das auch klappt. Und dann klappt das auch! Diese Strecke führt durch eine Schlucht und ist ziemlich eng, da der Hang rechts übersteht. Ein massiver Schilderwald warnt davor. Fahren tut hier praktisch keiner mehr.

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Nach wenigen km zeigt sich sehr zu meiner Freude eine Stabkirche auf der linken Seite, die von Borgond nämlich, die nehme ich doch gerne als Pause mit. Diese hier ist fast komplett schwarz, von einem Friedhof und einer Mauer umgeben und lässt sich prima von unten fotographieren :) Dazu gibt es auch noch ein Musuem über archäolgische Funde, das ganz interessant ist.

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Die nächste Überbrückungsetappe führt an einem reißenden Fluß entlang. Auf der Straße wird zwischen 80 und 90 gefahren. Ein Tesla Model S (Elektrolimosine mit 400 PS und 500 km Reichweite zum Preis eines vernünftigen 5er BMW, 50% Ladekapazität in 30 Minuten; sieht man in Norwegen häufiger als gleich alte 5er BMW/E-Klasse/Audi A6) überholt mich, hängt dann aber im Verkehr fest. So überhole ich dann erstmal alles. Später taucht er wieder im Rückspiegel auf - der mag wohl gerne spielen. Ein paar km gucken wir mal, wer wo Vorteile hat - ich in Kurven und auf Engstellen, er bei "weniger Angst vor Radarfallen", dann muss ich auch schon abbiegen. Und zwar auf die Straße Nr. 7 Richtung Geilo, die mir die nette Dänin vorgestern noch so sehr empfohlen hat. Also nix wie hin da, das klingt ja schon gut!

Kaum bin ich 10 km auf der Straße, taucht auch schon die nächste Stabkirche auf. Diese ist besonders klein und kostet 50 Kr Eintritt, dafür ist sie aber auch besonders alt, original und ich erhalte eine ganz persönliche Führung.
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Re: Reisebericht Norwegen und Wacken

#9 Beitrag von blahwas » 5. Aug 2014 23:27

Fortsetzung von Samstag:

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Oben an den Säulen sieht man noch ein paar alte nordische Götter. Als das Christentum eingeführt wurde, war man wohl nocht recht flexibel mit der Auslegung der zehn Gebote, bzw. man konnte den Leuten ja nicht alles wegnehmen, was sie an ihrer alten Religion so mochten. Interessant ist auch die Geschichte die Kirche, die zwischenzeitlich teilweise abgerissen wurde: vorher - nachher:

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Innenaufnahme:

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Eines der Wandgemälde ist in besonders schlechtem Zustand, weil eine Bäuerin aus dem Umland es als Altholz gekauft und zum Brotbacken verwendet hat. Die anderen Gemälde sind in sehr gutem Zustand, weil die historische Kirche keine Fenster hatte, sondern nur sehr kleine Löcher. Darunter auch eines, durch das die Leprakranken von außen am Gottesdienst teilnehmen konnten. Auch die Sakramente haben sie durch ein Loch in der Wand erhalten, dessen Stopfen noch original erhalten ist.

Zur weiteren Urlaubsplanung fällt mir so im Gespräch mit der Führerin noch ein, dass ich zwar zeitlich noch Oslo besuchen könnte, aber keine Lust auf Stress habe und lieber mal zwei bis drei Tage weniger km am Tag fahre und mich mehr einfach nur im Zelt entspannen will. Ist ja Urlaub! Heute müssen es also keine 500 km sein, 300 reichen völlig. Oder auch 250.

Nun aber genug Kultur und Theorie, die Durchblutung der Beine stimmt inzwischen wieder, langsam wird's warm in den Klamotten mit Membrane, und das hier ist ein Motorradurlaub! Es geht weiter auf Runde Nr. 7 und rauf in die Berge. Leider zeichnen sich am Himmel dunkle Wolken und einige Regenschwaden ab. Ich verdränge es einige Zeit lang gekommt, aber auf Dauer wird die Membrane dafür nicht reichen, und kalt wird es auch schon. Also rangefahren, Regenkombi ausgepackt, Tankrucksack eingepackt, das lose auf die Packrolle geschnallte Zelt mit Müllbeuteln eingepackt, und weiter geht's. Nach 200 Metern die erste Irritation: Das ist ja genauso kalt wie vorher? Der aufmerksame Leser hat's germerkt: Der Punkt "Regenkombi anziehen" fehlte. Die hatte ich nur lose irgendwo aufs Mopped gelegt. Da liegt sie jetzt nicht mehr. Also umgedreht, gesucht, gefunden, an einer saublöden Stelle angehalten (mitten auf einer laaaangen Geraden links, wobei 20 Meter weiter rechts ein riesiger Parkplatz ist) und auch gleich angezogen. Zum Glück kann ich dazu die Handschuhe einfach anlassen.

Route Nr. 7 führt mich auf eine Hochebene mit traumhaften Aussichten. Der Regen ist mal stärker, mal Niesel, mal ganz weg - aber später im Tal geht's dann richtig los. Allmählich ist es auch schon 15 Uhr und ich beginne, die Augen nach einem Zeltplatz offen zu halten.

Bei Zeltplätzen bin ich ja anspruchsvoll ;) So sollte es gerade nicht in Strömen regnen, wenn ich das Zelt aufbaue, und er sollte weder direkt am Ufer sein, noch völlig überlaufen. Letzteres ist ein für mich neues Kriterium, bisher war hier überall eher wenig los, nur heute sind irgendwie alle unterwegs. Ob's am Samstag liegt? Diese Suche gestaltet sich jedenfalls als ziemlich zeitraubend, und als ich endlich fündig werde, sind es doch wieder deutlich über 300 Tages-km. Dafür erlebe ich zwischenzeitlich noch die konfuseste Tunnelanordnung aller Zeiten. Man schraubt sich durch zwei verschiedene Tunnel, die übereinander angeordnet sind, aber in verschiedenen Drehrichtungen, den Berg hinab. Weil man nicht weiß, was da kommt, auch recht vorsichtig - technisch wären hier aber auch sicher deutlich über 120 km/h möglich, man sieht halt nur nicht besonders weit in Rechtskurven im Tunnel.

Link zu Motoplaner mit Tunneldrehwurm

Überhaupt fällt mir heute wieder auf, dass man Norwegen wohl am besten auf einem Cruiser bereist - oder einer uralten japanischer Supersportlerin, die man der Polizei notfalls mit geringen Schmerzen übergeben kann, weil man dauernd deutlich über 100 km/h fährt - die Straßen und der Verkehr geben das her. Dazu ein dickes Bündel Geldscheine und die Rufnummer eines Taxidienstes...

Mein Zeltplatz für heute ist weiter oben am Berg vom Eisfjord in Lofthus und voller Caravane. Mit Aussicht!

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Allerdings stehen auch zwei Versys 650 aus Dortmund direkt an der Rezeption. Ich zelte mal daneben und gucke, wo die Fahrer sind - sie scheinen auf dem Anhänger angereist zu sein. Trotz intensiver Suche sind die Fahrer aber nicht aufzuspüren, und auch sonst ist der Zeltplatz motorradfrei. Pünktlich zum Zeltaufbau um 18 Uhr droht auch hier ein Gewitter, dessen Regen bis nach 21 Uhr geht. Genug Zeit für mich, im Zelt zu entspannen und auf dem Laptop einen Reisebericht zu schreiben ;) Regen und Wind sind massiv aber das Aldizelt hält dicht. Top!

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Re: Reisebericht Norwegen und Wacken

#10 Beitrag von blahwas » 5. Aug 2014 23:33

Sonntag - Route 7, Telemark

Die Nacht war mies, da vom nächsten Dorf (1 km entfernt) laute, schlechte Coverversionen von 80er Rocksongs rüberwehten, und zwar bis 2 Uhr morgens. Dort war anscheinend ein Festival. Merke: Zeltplatz künftig ohne Festival daneben.

Heute morgen sieht es nach Schauern aus, also mal wieder mit Membran losgefahren. Die E13 verläuft am Ostufer des Sørfjord und ich erreiche bald Odda. Alle paar Hundert Meter bieten Stände frische Kirschen an. Ganz findige Anbieter lassen sich die Touristen fürs Selbstpflücken extra bezahlen. Ich erreiche schnell Odda, und damit das Ende der besonders schönen Strecke, jetzt ist wieder Strecke machen angesagt.

Unterwegs regnet es dann zunehmend stärker, und das Navi zeigt "nächsten Abzweig in 150km links" an. Au weia. Immerhin gibt es etwas zu gucken, links Berg, rechts Wasser, dahinter Berg, mitunter auch mit Wasser obendrauf oder an der Seite:

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Man sieht und erlebt übrigens mehr, wenn man die Tunnel umfährt, wo es möglich ist. Oft gibt es noch die alten Straßen. Teilweise sind sie als Alternativroute ausgeschildert, teilweise als Fuß- und Radwege markiert, teilweise sind sie auch völlig unmarkiert. So oder so, es lohnt sich! Meiner Meinung nach auch im Regen. Meine Ausrüstung hält alles draußen, aber leider auch drinnen...

Beim Tankstopp Mittags gönne ich mir mal etwas gekauftes zu essen: Bacon-Hotdog. 57 Kronen (knappe 7 Euro) für Brötchen, Wurst mit Speck drum und Zugang zur Senfflasche. Schmeckt auch nicht besser als bei Ikea, sondern eigentlich sogar wesentlich schlechter - wobei der Bacon schon ganz nett ist. An der Tankstelle treffen sich zufällig insgesamt 7 Motorradfahrer aus 5 verschiedenen Ländern und es wird eifrig gefachsimpelt - nur was ich da für ein Mopped habe, das errät keiner :) Eine Nasenbär 649 GTM (Gammeltravelmoto), natürlich!

Nach der E13 kommt die E134. Die schlängelt sich durchs Inland, wobei sie Richtung Oslo führt und vielleicht deshalb ziemlich viel Verkehr trägt. Ich habe also reichlich Gelegenheit zum Überholen und mein Reisetempo nähert sich dem dreistelligen Bereich. Dazu trägt auch ein inländischer Yamaha R1-Fahrer bei, der etwa mein Tempo fährt, aber zimperlicher überholt. Es ist wohl besser, das alles zu lassen, und ich habe keinen Zeitdruck, also fange ich gegen 15 Uhr schon mit der Campingplatzsuche an.

Bei Campingplätzen bin ich ja anspruchsvoll. Er sollte nicht an der Hauptstraße liegen, keinen verdichteten Boden haben, kein Musikfestival in 10 km Umkreis haben und Internet wäre eigetnlich auch mal wieder schön. Ich steuere also einen Platz an, der 15 km in eine Seitenstraße hinein liegt, und somit weit weg von der Hauptroute (wo alle 3 km einer DIREKT dran liegt). Dieser existiert zwar und ist auch gut besucht mit überdachten Wohnwagen (wer macht denn sowas?), es hängt aber ein Schild "Private - No Camping" am Eingang. Was sagt man dazu.

Den nächsten, bitte, natürlich. Der ist 5 km weiter die Seitenstraße rein, das passt. Auf dem Weg dorthin sehe ich einen Wegweiser nach links in einen Schotterweg rein mit Zeltsymbol und der Zahl 3. DAS sieht doch mal ruhig aus! Also rein da... aufgeschottert, hochgeschottert, Spaß dabei entwickelt, und dann von einer Längsfurche überrascht worden, der die untere Hälfte des Motorrads unbedingt folgen will. Gut, wenn das so ist, dann steuere ich die obere Hälfte halt auch mal in diese Richtung. Mit den Rädern am Boden fährt es sich langfristig halt doch besser. Und bei der Gelegenheit öffne ich das Visier, damit ich sowas künftig VORHER sehe - die Regentropfen am Visier verhinderten das nämlich bisher.

Den Zeltplatz erreiche ich ohne Sturz und ohne Verkehr, scheint wirklich ruhig zu sein. Die Aussicht von hier oben ist phänomenal, es stehen hier und da ein paar Hütten, da und dort Zelte und ingesamt keine zehn Autos und alles sieht sehr gemütlich und gut in die Natur integriert aus. Sollte das der Hauptgewinn sein? Ich klingele Kristin von der Rezeption herbei, sie erklärt mir alles, zeigt mir meinen Zeltplatz hinter einer Hütte nah am Waschhaus, wo ich auch meinen Laptop laden darf, mit WLAN-Accesspoint direkt daneben und fragt ob alles okay ist. Na, aber sowas von. Dann hätte sie gerne 150 Kronen. Auaaaaa. Aber da muss man dann wohl durch.

Beim Zeltaufbau, ich habe noch die Motorradkombi an, fallen mir Dutzende Mini-Insekten auf, die sich sehr für mich und insbesondere meine Augen interessieren. Ganz schön lästig. Und die Zeltnägel wollen auch schon wieder nicht in den Boden, dieses mal aber wegen Wurzeln und Steinen. Why is nothing ever easy? Bei der ersten Selbstwäsche sehe ich dann auch schon vier Insektenstiche an meiner Stirn - die Viecher sind effizient. Das WLAN verbindet sich sofort, überträgt aber keine Daten, Handynetz ist erstmalig in Norwegen auch nicht vorhanden - na herzlichen Glückwunsch, irgendwas ist ja immer. Auf meine Nachfrage hin wird das Internet aber repariert und die Insektenplage verzieht sich, als der Himmel aufklart - na also, geht doch.

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Fehlt eigentlich nur ein Bier.

Abends plane ich den Rest der Reise: Morgen nochmal fahren und Campen, Dienstag dann tagsüber fahren und eine späte Fähre nach Dänemark nehmen. Dort direkt am nächstbesten Platz schlafen gehen und am Mittwoch weiter reisen. In Flensburg wartet ein Hinterreifen auf mich und in Wacken ein Open Air :) Oslo ist gestrichen - Extrazeit wird auf der Küstenstraße von Nordosten runter nach Kristiansand genutzt.

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Re: Reisebericht Norwegen und Wacken

#11 Beitrag von blahwas » 5. Aug 2014 23:40

Montag - Telemark, Nordsee

Die Nacht auf dem Zeltplatz "zur Mücke" dauert lange, da mein Zelt morgens im Schatten liegt. So richtig erholt bin ich aber nicht, eher etwas matschig in der Birne. Zeigen sich da etwa schon Effekte der einseitigen Ernährung? Egal, noch schnell alle elektrischen Geräte mit 230V-Stecker im Waschhaus eingestöpselt, Zelt abbauen, einpacken, anziehen, Geräte zurückholen, Wasserflaschen voll, Blase leer und ab dafür.

Die Schotterstrecke ist im Trocknen doch angenehmer zu fahren als im Nassen. Es geht zunächst zurück zur Hauptstrecke E134. Bald aber kommt auch schon die Stabkirche Heddal, die als einer schönsten in Norwegen gilt. Zumindest von außen beeindruckt sie durch Größe und Vollständigkeit.

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Weiter geht es dann heute über Nebenstrecken, die ich mir selbst daheim anhand von "hey, das sieht kurvig aus!" ausgesucht habe. Das macht auch Spaß, allerdings ist auch hier alles flüssig im vierten Gang und aufwärts zu fahren, bremsen muss man eigentlich nur vor Ortsdurchfahrten und zahlreichen besonders schmalen Brücken und Unterführungen. Der Straßenzustand abseits der Hauptwege ist irgendwo zwischen Deutschland und Belgien, also eher naajaa. Beim sportlichen Angasen auf solchen C-Strecken fällt dann auch auf, dass man voll beladen an der Versys ruhig mal die Dämpfung hinten zudrehen könnte. Aber am vorletzten Fahrtag in Norwegen fange ich mit Fahrwerksverstellerei jetzt auch nicht mehr an. Obwohl man da eigentlich sogar während der Fahrt rankommen könnte, wenn man es geübt hätte. Sogar die Federvorspannung hinten steht noch auf Stufe 1 (von 7, komplett weich), was für mein Gewicht an sich ja schon als nicht optimal gilt, aber ich mag das halt so, und mit den ca. 40 kg Geraffel dabei würden die meisten wohl Stufe 5 bis 7 wählen.

Da heute Montag ist, kann ich wieder Essen einkaufen gehen, und dabei schlage ich richtig zu: Bananen, Salami, Brot, Omlett-Konserve, Krabbensalat. 250 NOK, da bezahle ich mal lieber mit VISA, soviel Bargeld habe ich nicht mehr. Am nächsten Feldwegabzweig mache ich Pause und genieße mein Mahl.

Landschaftlich ist heute nicht viel tolles dabei, links Nadelwald, mittig Straße, rechts Nadelwald. Immer mal wieder ein paar Felsen und vielleicht mal ein See. Kennt man inzwischen. So schwinge ich mich weiter Richtung Kristiansand, wobei ich noch einmal übernachten will, obwohl das Navi Ankunftszeit 21 Uhr anzeigt. Ein Abschnitt meiner Route ist laut Navi unbefestigt und wird von ihm deshalb gemieden - da es in Echt aber befestigt ist, fahre ich durch und kürze die Route so um 2 Stunden ab. Ganz klar, ich brauche noch ein paar Umwege, sonst verschenke ich ja noch kostbare norwegische Fahrzeit! Ich plane also anstelle der Küsten-"Autobahn" Oslo-Kristansand (zweispurige sehr breite E-Straße mit sehr viel Verkehr) die direkte Küstenstraße und dort es nicht geht, geht es ins Hinterland und wieder zurück. Der Hinterlandweg ist eher so belgisch holprig und schmal, aber eine nette Abwechslung. Die Küstenstraßen machen dagegen richtig Laune, zumindest dort, wo sie nicht direkt an der Küste entlang führen.

Auf so einem Abschnitt finde ich auch den heutigen Zeltplatz. Bei Zeltplätzen bin ich ja anspruchsvoll. Er sollte gerade zur Hand sein, wenn man seit Stunden irgendwie unkonzentriert unterwegs ist und sich für morgen noch etwas Strecke aufsparen will. 150 NOK soll er kosten, es werden aber 130 NOK draus, als ich mein gesamtes norwegisches Kleingeld auf den Tisch kippe und sage "it's my last day in Norway". Dafür gibt es einen Privatstrand, ...

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... unbegrenztes Duschen und eine Waschmaschine - alles nutzloses Zeug also ;) - und KEIN Internet, aber immerhin Handynetz. Naja!

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Re: Reisebericht Norwegen und Wacken

#12 Beitrag von blahwas » 5. Aug 2014 23:57

Dienstag, Nordsee, Hinterland, Abreisetag

Ich baue ein letztes Mal das Zelt ab und verstaue wieder mal alles in den Taschen und Koffern. Der Plan ist, heute noch in Norwegen rumzubummeln und dann abends eine späte Fähre nach Dänemark zu nehmen, und dort je nach Fitness vielleicht noch ein paar km zu machen, aber sicherlich noch einmal in Dänemark zu übernachten.

Ich fahre also mal die Küstenstraße, ...

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... mal die Strecken im Hinterland, und dabei kommt richtig Fahrspaß auf: Im Hinterland gibt es die Straße 404, die doch gar nicht so schwer zu finden ist, und auf der und in deren Umfeld es gut einsehbare und enge Kurven gibt. Hier setzt dann auch das erste Mal in diesem Urlaub eine Fußraste auf - damit wäre die motorradfahrende Eroberung Norwegens meinerseits dann auch formell besiegelt ;)

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Man kann in Norwegen an vielen Stellen schöne Pausen machen. So eine nehme ich dann auch mal heute mit und genieße meine freie Zeit. An dem See kommen mehr Motorräder als Autos vorbei, die wenigsten davon mit viel Gepäck - Insiderstrecke?

Wer's selbst rausfinden will: Motoplaner

Irgendwann ging es dann doch wieder nach Kristiansand rein, wieder den Autos hinterher, wieder alle Color Line, von Fjord Line war nichts zu sehen. Dieses Mal war die Wartezeit länger, aber es waren auch mehr Motorradfahrer zum Quatschen da: Ein R100GS Gespann aus Dänemark (Eigentümer hat kein Auto, nur zwei Gespanne), eine deutsche FJR, eine holländische V-Strom 650 und eine Norwegische R100RS.

Nach der Fähre ging es für mich noch eine Stunde geradeaus durch Dänemark und dann auf der erstbesten Campingplatz.

Bei Campingplätzen bin ich ja anspruchsvoll - naja, nein, Hauptsache, nicht direkt an der Autobahn. Wieder hochverdichteter Boden. Immerhin konnte ich mit meinen restlichen norwegischen Kronen bezahlen und den Rest von der VISA-Card abbuchen lassen. Ansonsten reichlich Mücken, Schweineduft und eine französische Familie als Nachbarn, die eher kontaktscheu waren, und sehr erstaunt, als ich mich am nächsten Morgen in akzentfreien Französisch verabschiedet habe :)

Dazwischen lag eine erholsame Nacht volle Vorfreude auf die nächsten Tage in Wacken.

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Re: Reisebericht Norwegen und Wacken

#13 Beitrag von blahwas » 6. Aug 2014 00:00

Mittwoch bis Sonntag: Wacken

Mittwoch ging es nach Flensburg, wo ich mir einen neuen Hinterreifen montieren lassen habe. Den hatte ich schon eine Woche vorher bestellt, da ich befürchtet habe, mit einem völlig blanken Hinterreifen zurück zu kommen. Da ich eine Großveranstaltung besuchen wollte, fand ich das wenig reizvoll. Der Händler hat 1 Stunde für die Montage gebraucht. Da ich Anweisungen geben musste, gab es immerhin Rabatt. Und ich liebe den norddeutschen Dialog. blahwas kommt rein: "Hallo." Alle Mitarbeiter im Chor "Moin Moin!" :)

Und dann war Wacken!

Das Feeling begann so ziemlich genau am letzten Aldi auf dem Weg, wo ich noch etwas Einkäufe nachgelegt habe. Ich habe alte Freunde dort getroffen, so dass ich zumindest keine Bierkiste auf die Versys schnallen musste, aber so ganz ohne will man da ja auch nicht auflaufen. Als akkreditierte Mitglieder der noblen Kasten der VIPs (bin halt nicht nur in Motorrad-Foren unterwegs) haben wir einen eigenen Zeltplatz, auf dem man nachts auch schlafen kann, weil da nicht Dauerparty ist. Die ist 100 Meter weiter am "normalen" Zeltplatz.

Jedenfalls haben wir einen schönen Flecken erwischt:

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Abends mal geguckt was aufm normalen Zeltplatz so los ist:

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Da geht was :)

So schön das Sozialverhalten in Wacken ist, irgendwann ist aber auch wieder gut mit Kindergartenparty und man macht sich einen gediegenen Altherrenabend. Die Wacken Getränkebecher eignen sich auch prima aus Teelichter.

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Aufm inneren Festivalgelände ist's auch schön:

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Bild

(Slayer, mit Hintergrundbild zum Gedenken an ein verstorbenes Bandmitglied)

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Neben Slayer gucke ich noch Emperor, J.B.O., Russkaja, Knorkator und ein wenig Chtonic. Essen bereitet Tim Mälzer zu und Gosch aus Sylt - beide sind mit Fressbuden im VIP-Bereich vertreten. Bin sehr zufrieden. Burger mit Ponnes 9 Euro - günstiger als in Norwegen, und 6.- ohne Pommes ist für das Gebotene völlig in Ordnung. Bier kostet pro Liter 10.- oder aufm Zeltplatz 2.- pro 0,5 Liter Dose. Wasser in Trinkbeuteln darf mit reingenommenwerden und kostenlos aufgefüllt werden, was den Anwesenden Sanis angesichts der Hitze (immernoch Traumwetter!) jede Menge Arbeit spart.

So verbringe ich 3 komplette und 2 halbe Tage in Wacken und fühle mich sauwohl dort. Zum Motorradfahren komme ich zwischendurch auch, einem Mitstreiten gehen die Kippen aus, und auf dem Gelände darf anscheinend nur einer der Sponsoren seine gedrehten Socken verkaufen. Idealer Vorwand für eine sinnlose Ausfahrt zur Dorftankstelle mit anschließender Tour über den Nachbarzeltplatz. Davon gibt's auch ein Video, das gibt aber nicht viel her.

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Bei Interesse und wenn ich mal Zeit habe poste ich vielleicht Auszüge.

Samstag 18 Uhr bremse ich meinen Alkoholkonsum und steige auf Wasser um. Mitternacht bin ich schon am schlafen, und um 7 Uhr früh bin ich bereits hellwach. Entsprechend ist um 8 Uhr das Zelt abgebaut und die Versys bepackt und abfahrbereit.

Der Verkehr fließt zwar noch flüssig, aber die Polizei schickt einen trotzdem erstmal quer Richtung Osten auf die A7, statt auf die A23. 30 Minuten Umweg, na toll. Auf dem Weg dorthin wird überholt, was nicht bei 3 auf den Bäumen ist - also ALLES. Noch mehr Wohnwagen, aber hier wenigstens sympathisch abgerockte statt piekfein weißer wie in Norwegen.

Auf der Autobahn fließt der Verkehr bis weit nach Niedersachsen hinein, dort raste ich an einem Subway. Mit dem wahrscheinlich langsamsten Personal der Welt. Mit fällt so beim Essen bzw. Aufstoßen am Rande auf, dass ich ja gar nicht mehr in Wacken bin und mich wohl auch nicht mehr so verhalten sollte. Andererseits, wäre doch schade. Ich verhalte mich ja auch auf dem Motorrad immer so, als wäre ich gerade in Frankreich...

... entsprechend gestaltet sich der Weg durch den Autobahnverkehr, der zwar noch fließt, aber nicht mehr mit 100 km/h. Alle wollen links fahren, die wenig routinierten Ferienautofahrer können nicht in den "maximalen Durchfluss"-Modus umschalten (siehe A3 Köln-Leverkusen zu Berufsverkehrszeiten). Aber was geht mich das an. Immerhin bleibt man so wach.

Ich will noch zu meiner Freundin. Die hat mich jetzt immerhin 14 Tage nicht gesehen, und morgen muss ich wieder für vier Tage auf Dienstreise. Aber vorher muss ich dringend mal duschen und frische Sachen anziehen. Also fahre ich erst nach Hause.

Da mein Navi mittlerweile streikt (Ladeproblem im Aktivhalter) bin ich etwas ratlos, als die Tankanzeige bei Wuppertal Reserve anzeigt - Reststrecke 20 oder 40 km wäre interessant gewesen. Riskieren oder nicht? Ich hatte die ganze schöne Tour über keine Panne, ich will jetzt auch keine. Wuppertal hat doch überall Tankstellen, also nehme ich die erstbeste Ausfahrt. Das war eine schlechte Idee, denn ich lande auf der nächsten Schnellstraße (Richtung Remscheid). Also die nächste Ausfahrt ebendieser genommen. Das war eine schlechte Idee, denn ich lande auf der nächsten Schnellstraße und erstmal in 1 km Tunnel. WTF. Am Ende des Tunnels zücke ich das Handy mit Navi und versorge mein Navi per USB-Kabel mit Strom, prompt lädt es wieder, geht wieder an und zeigt mir der Weg zur Tankstelle eine Autobahnausfahrt früher durch die Innenstadt. Dort tanke ich nochmal voll und dann ab nach Hause.

Dort umgezogen, geduscht, grob ausgepackt, und wieder los. Eigentlich wollte ich das Auto nehmen, aber das hatte ich ja vor dem Trip zwecks TÜV zur Werkstatt gebracht, wo es jetzt (Sonntag!) im abgesperrten Hof steht. Versys will ich eigentlich nicht nehmen, weil die Kette immernoch ein Fragezeichen ist. Also rauf auf meine treue Honda NTV! Das war aber leider nichts, denn ich hatte 3 Wochen vorher meinen Roller verkauft und ihm zwecks Probefahrt Starthilfe mit der Batterie der NTV gegeben, ohne die Batterie danach wieder ordentlich einzubauen. Nachdem ich das passende Bordwerkzeug rausgesucht habe (Kreuzschraubendreher) stelle ich fest, dass die Kreuzschrauben für die Batteriepole fehlen. Argh, die habe ich wohl irgendwie in die Wohnung geräumt. Die hole ich jetzt nicht wieder raus, denn es ist warm, ich habe es eilig und von der Tiefgarage in den ersten Stock ist es auch nicht so kurz. Dann nehme ich halt doch wieder die Versys, die fahre ich ja sonst kaum zur Zeit ;) Am Ende des Tages sind es dann 620 km im Sattel der Versys geworden. Am Ende so eines Trips ist man immer erstaunt, wie agil die Versys eigentlich ohne Koffer, Topcase, Wasserkanister und Packrolle ist. Ich musste jedenfalls 4x Laufen, um das gesamte Gepäck in die Wohnung zu kriegen.

Aber irgendwann hat auch dieser Tag sein Ende, und um 21 Uhr bin ich wieder daheim und kann versuchen, mich auf die kommende Arbeitswoche einzustellen - also erstmal für den Flug online einchecken und ein Taxi für 7 Uhr früh bestellen. War der Arbeitslaptop eigentlich schon immer so langsam? Alltag, ich hör dir trappsen...
Zuletzt geändert von blahwas am 7. Aug 2014 21:16, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Reisebericht Norwegen und Wacken

#14 Beitrag von blahwas » 6. Aug 2014 00:02

Tatsächlich gefahren bin ich etwa diese Route (Motoplaner):

Bild

4900 km? Kann ja mal passieren. Statt 4250 geplanter? Ganz okay :)

Fazit Norwegen
Norwegen ist ein tolles Reiseland. Man fühlt sich jederzeit absolut sicher. Die Leute sind höflich und zurückhaltend, nahezu alle können Englisch und sind nicht sauer, wenn man sie auf Englisch anspricht. Es gibt nahezu überall Handyempfang und man kann praktisch überall mit Kreditkarte bezahlen. Die Tankstellendichte wäre selbst für eine Aprila Dorsoduro 1200 ausreichend (ohne Gewähr!). Landschaftlich gibt es einmaliges zu sehen und wer auf Wasser steht, kommt hier voll auf seine Kosten. Das gleiche gilt für Schotter. Derart viele legal zu befahrende Schotterstrecke findet man in Deutschland nicht.

Von den Strecken her gibt es viele zum Gucken, aber wenige zum dynamischen Motorradfahren. Dafür sind die Kurvenradien zu weit, die Tempolimits zu niedrig (außerorts 80) und die Bußgelder zu hoch (fragt gar nicht erst). Immerhin, Überholverbote gibt es fast überhaupt keine und man verbraucht weniger Reifenprofil. Das fahrerische Highlight war für mich der Geiranger mit seinem mautpflichtigen Aussichtspunkt. Auf den E-Strecken regiert die fahrerische Monotonie, die man allenfalls durch konsequentes Überholen lindern kann - auch wenn es nichts bringt, weil weiter vorne schon wieder die nächsten Autos mit knapp unter Tempolimit fahren. Der Weg zum Nordkap hoch muss eine geeignete Therapie für Schlaflosigkeitspatienten sein. In Fjord- und Küstennähe hat man viele Tunnels und Fähren. Die langen Tunnels auf den Altstrecken zu Umfahren lohnt sich, wenn die Zeit es zulässt.

Ich hatte immenses Glück mit dem Wetter: Nur zwei Tage mit Regen und kein Dauerregen, nahezu immer über 20°C. Das ist eigentlich fast schon gemogelt, da überhaupt von "Motorradfahren in Norwegen" zu sprechen...

Norwegen ist bekanntlich nicht billig. Aber wer ein wenig geizt, der schafft es wieder nach Hause, ohne dass der Gerichtsvollzieher schon vor der Wohnungstür wartet. Benzin ist nicht viel teurer als bei uns. Maut für Brücken oder Tunnel zahlt man auf dem Motorrad meistens keine, sonst 7-12 Euro. Fähren über die diversen Fjorde kosten 6-11 Euro. Da wildes Zelten erlaubt ist (wenn man dabei nicht offroad fährt und keinen Müll hinterlässt), sind alle anderen Ausgaben vermeidbar. Auf Campingplätzen habe ich für Zelt und Motorrad zwischen 10 und 18 Euro pro Nacht bezahlt. Hütten kosten um die 50 Euro und Hotels ab 70 Euro - zumindest, was ich so gesehen habe, umfassend informiert habe ich mich darüber nicht. Lebensmittel sind teurer als bei uns, insbesondere alkohlische: 0,5l Bier im Supermarkt nicht unter 3 Euro.

Insgesamt war mein Norwegenurlaub schlecht vorbereitet, da ich mich erst sehr kurzfristig überhaupt dafür entschieden habe. Daher lies insbesondere die Routenplanung der ersten Tage zu wünschen übrig und ich war zuviel auf Europastraßen unterwegs. Je nach Region kann es aber auch aufwendig bis unmöglich sein, diese komplett zu vermeiden. Auch über die Sehenswürdigkeiten hätte ich mich vorher informieren können, anstatt einfach pauschal nur Stabkirchen auszuwählen. Couchsurfing oder Airbnb wären zwei Möglichkeiten gewesen, mehr über Land und Leute zu erfahren - allerdings hätte ich dafür die zeitliche Flexibilität meiner Reise aufgeben müssen, also habe ich mich dagegen entschieden.

Fazit Ausrüstung
Motorrad: Die Versys hat wieder mal seinen Job getan ohne jede Macke. Die Kette hat mir anfangs Sorgen gemacht, dank fachmännischem Rat wurden meine Bedenken aber zerstreut. Das Motorrad ist richtig, richtig dreckig geworden (Schotter+Regen). Am Rückweg habe ich einen Hinterreifen in Flensburg wechseln lassen, was von der Restprofiltiefe genau gepasst hat.

Elektronik: Das Navi hat unterwegs schlecht geladen, was ich mit einem Sprühstoß Ballistol auf die Kontakte und reduzierter Helligkeit aber in den Griff bekommen habe. Die USB-Dose hat einen Wackelkontakt entwickelt. Gut, dass ich eine zweite dabei hatte, die ich dann montiert habe. Das Akkupack hat seinen Zwecke erfüllt, außer, dass es das Helmheadset als einzigen Verbraucher nicht laden will - wahrscheinlich nimmt es zu wenig Strom. Das ist aber kein Problem, dann lädt man parallel halt Handy oder Gopro. Ich hatte drei Geräte mit 230V-Anschluss dabei, die ich nicht am Motorrad laden konnte: Rasierer, Zahnbürste (ja, so faul bin ich) und Laptop. Ich habe nie für Strom bezahlt und konnte die Geräte doch nahezu immer nutzen. Strom findet man überall wenn man sucht: Im Waschraum, im Fernsehraum, beim Caravan nebenan, usw.

Mobilfunk: Ich habe keine norwegische SIM-Karte geholt und auch kein Auslandspaket auf meine Karte gebucht. Der Tarif von 15 ct pro MB im 1KB-Takt erschien mir ausreichend günstig. Wenn es ganz hart kommt, greift das Maximum von 59,50 Euro pro Monat. Normalerweise verbrauche ich mobil keine 20 MB im Monat. Allerdings erhalte ich schon am fünften Tag im Ausland eine SMS, der Maximalbetrag sei nahezu erreicht. Das heißt, ich hätte in 5 Tagen 400 MB durch das Mobilfunknetz ziehen müssen. Das kann ich nicht nachvollziehen, denn mein Handy ist mit Datendiensten sehr sparsam. Mal sehen, ob ich dazu mit meinem Provider noch eine Einigung erzielen kann, oder ob ich abgewimmelt und mit Zusatzkosten (Einzelverbindungsnachweis) ausgebremst werde.

Klamotten: Die Rev'it Sand 2 Kombi schafft auch bei 30° ein angehmenes Klima, da sie Luft irgendwie zwischen Innen- und Außenfutter durchleitet. Insgesamt 10 Belüftungsreißverschlüsse schaffen Variabilität! Die Membranen halten allerdings keinen Dauerregen aus. Das gleiche gilt für meine Held Goretex Handschuhe. Für die Regentage hatte ich aber Lenkerstulpen und eine zweiteilige Regenkombi von Proof dabei. Warum letztere ein Innenfutter hat, erschließt sich mir nicht, es stört jedenfalls beim Anziehen und Ausziehen. Der Schuberth C3pro belüftet wie die Textilkombi wirksam, aber unauffällig. Die Daytonastiefel sind wieder mal dicht und eher zu warm als zu kalt. Das Aldizelt ist etwas lästig in Auf- und Abbau, hat aber alles ausgehalten und auch immer den Weg in den Beutel zurück gefunden. Der Schlafsack war mal zu warm, mal zu kalt, aber so ist das wohl bei derartigen Reisen, und es gibt ja einen Reissverschluss zum Öffnen und eine Regenkombi zum Drüberlegen bei extremer Kälte. Meine Jungbluth-Sitzbank habt mich von den 950 km am Anreisetag die ersten 900 km ohne Popoaua erleben lassen.

Fazit Blahwas
Norwegen wollte ich schon immer mal gemacht haben, und das habe ich jetzt geschafft. Es war beeindruckend und erhebend, aber teilweise auch eintönig. Das lag sicher auch daran, dass ich alleine unterwegs war. Mit Begleitung reist es sich besser. So richtig heizen kann man in Norwegen auch nicht und man fühlt sich wie ein armer Schlucker - blahwas' Lieblingsreiseland bleibt damit vorerst Frankreich. Ich bereue trotzdem nichts! :)
Zuletzt geändert von blahwas am 14. Aug 2014 13:39, insgesamt 3-mal geändert.

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Re: Reisebericht Norwegen und Wacken

#15 Beitrag von Throggi » 6. Aug 2014 00:45

Respekt Blahwas,
toller Bericht, klasse Bilder, schöne Eindrücke.
Hammerharte Motorradtour incl. W:O:A,
ich bräuchte erstmal Urlaub vom Urlaub.
L.G. aus Schleswig Holstein
:cheers: Throggi
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Re: Reisebericht Norwegen und Wacken

#16 Beitrag von pidderlyng » 6. Aug 2014 09:45

Ein detailierter und sehr unterhaltsamer Bericht mit schönen Fotos! Vielen Dank! :top:
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Re: Reisebericht Norwegen und Wacken

#17 Beitrag von Gelöschtes Mitglied » 6. Aug 2014 12:14

Klasse Bericht und schöne Bilder :clap: :clap:

Gruß
Jens

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Re: Reisebericht Norwegen und Wacken

#18 Beitrag von franova » 6. Aug 2014 13:00

WOW Hammer ich war auch noch nicht in Norwegen.............aber da komme ich gaanz sicher hin (und nach deinem Bericht sowieso) :top:

Danke für den Bericht :thx:

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andre
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Re: Reisebericht Norwegen und Wacken

#19 Beitrag von andre » 6. Aug 2014 17:24

War nett zu lesen ;)
...die einen kennen mich, die anderen können mich...

aktuelles Motorrad:
Kawasaki Z1000SX und Yamaha XJ600S Diversion

Gesamt gefahren mit allen Motorrädern über 250 TKM...

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Re: Reisebericht Norwegen und Wacken

#20 Beitrag von Lucky66m » 6. Aug 2014 18:25

Wenn ich das lese kommen unheimlich viele, und vor Allem schöne Erinnerungen hoch.
Danke Johannes...schon und unterhaltsam geschrieben....ich glaub ich hab schon wieder Fernweh;-)

VG Stefan
Gruß Stefan/Lucky66m

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