Stella Alpina und rund um Grenoble

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Stella Alpina und rund um Grenoble

#1 Beitrag von blahwas » 26. Jul 2017 21:33

"Will jemand zur Stella Alpina?“ schreibt einer in der Whatsapp-Gruppe. Dumme Frage: Ja, ich will! Und zwar schon lange, aber jetzt habe ich endlich genug Urlaub dank 90% Teilzeit = 52 Urlaubstagen im Jahr. Ein Campingplatz ist schnell gefunden (Camping de Ser-Sirant bei Saint-Théoffrey auf ca. 940 Höhenmetern, 20 km südlich von Grenoble), Anreise per Anhänger ist ebenfalls klar, und dann kommt auch noch ein Dritter dazu. Somit sind Michael „BDR529“ auf R1200GS und Sebastian „Tremor“ auf KTM 690 SMC-R dabei.

Jetzt kommt viel Technikkram, der vielleicht nicht jeden interessiert, daher zum Aufklappen:
SPOILER:
Da meine Versys vom letzten Cevennen/Pyrenäen-Trip (BDR529 berichtete) zur Hochsaison der Werkstätten noch ziemlich in Fetzen hängt, wird es für mich zeitlich saumäßig knapp. Donnerstag soll die Anreise beginnen, von Montag bis Mittwoch vorher steht sie in der Werkstatt in Düsseldorf und bekommt eine überholte Gabel (links undicht), eine tiefgreifende Analyse des Kühlsystems (Lampe an und komische Geräusche, und zwar nicht nur das Versys-typische „Kaffeemaschine“), einen neuen Auspuff (rüttelt sich immer irgendwas los), ein neues Kettenkit (wegen Geräuschen und ungleichmäßiger Längung) und bei der Gelegenheit einen neuen TÜV-Aufkleber (interessiert in Frankreich zwar niemanden, aber weil sie schon mal da ist…). Das haut zeitlich hin. Als weiteren Sonderwunsch hatte ich „Einbau Heckhöherlegung“ auf den Zettel geschrieben und das Teil beigelegt, aber dazu kam es leider nicht mehr. Es haute zeitlich wirklich gerade so hin.

Als ich die Maschine am Mittwochabend abhole stelle ich fest, dass die genannten Mängel behoben sind, dass sie jetzt leider aber einen viel schlimmeren dazu bekommen hat, nämlich plötzlich auftretenden heftigen Leistungsverlust bei Volllast im mittleren Drehzahlbereich, der sich wie Zündaussetzer anfühlt. Da "Volllast im mittleren Drehzahlbereich" nun mal mein Hobby ist, weil es einem in diesem Zustand sicherlich jede Kurvenlinie versaut, weil es Unruhe ins Fahrwerks bringt und mich durchschüttelt dass mir schwindelig wird, ist das natürlich ein unhaltbarer Zustand. So kann ich nicht in den Urlaub fahren. Meine Zweitmotorrad, die selige Honda NTV mit ihren 110000 km, hat die Gabel unsagbar undicht und sifft massiv auf die einzelne Bremsescheibe vorne, die kommt also auch nicht in Frage. Ich montiere trotzdem schon mal das zweite Hinterrad in die Versys, der BT016 Pro darauf hat nämlich noch genug Profil für den Urlaub, im Gegensatz zum anderen Rad mit dem S21, den ich nur für den TÜV montiert habe, weil vorne auch ein S21 montiert ist und man S21 und BT016 Pro nicht kombinieren darf, weil man sonst sicherlich sofort tot vom Motorrad fällt, in der Sekunde nachdem man auf den Startknopf gedrückt hat.

Leider habe ich am Donnerstag auch noch eine Dienstreise und kann mich nicht wirklich um ein Ersatzfahrzeug kümmern, denn alle Vermieter arbeiten nur von 9-17 Uhr, gehen außerhalb dieser Zeiten nichts ans Telefon und würden es erst recht nicht einem Fremden per Telefon ermöglichen, irgendwie und innerhalb von 24 Stunden außerhalb dieser Zeiten an ein Motorrad zu kommen. Ich hatte auch noch die Option erwogen, ein Motorrad zu kaufen - schließlich steht da dieses neue geile Luder nur eine Stadt weiter - aber da hätte ich es nicht mehr zur Zulassung geschafft. Dann finde ich allerdings dank Versysforum jemanden, der mir seine Versys 650 überlassen würde! Das wäre die Lösung.

Allerdings kann ich auch der Werkstatt noch eine Chance geben, denn meine Dienstreise führt quasi daran vorbei. Ich muss nur in Düsseldorf (Werkstatt) statt Essen (Wohnung) in die Bahn nach Frankfurt steigen. Meinen Businessanzug kriege ich im Topcase versteckt. Glücklicherweise haut das von den Uhrzeiten her gut hin, ich kann sogar noch in der DB Lounge ein Eis schlecken. Der Werkstattmeister ist sich keiner Schuld bewusst, nimmt aber Anteil an meinem Problem und würde mir notfalls auch sein eigenes Motorrad vermieten (R1100GS mit Supermoto-Umbau). Er ist halt auch Motorradfahrer.

Meine Dienstreise verläuft zufriedenstellend. Am Rückweg irgendwo zwischen Frankfurt und Köln kommt die Whatsapp-Nachricht "Dein Motorrad ist fertig". Das wollte ich hören! Also in Düsseldorf raus aus dem ICE, in die nächste S-Bahn und wieder bei der Werkstatt aufgelaufen. Der Fehler wurde gefunden: Ohne Powercommander läuft es einwandfrei. Der Powercommander dient normalerweise zur Anpassung des Gemischs, bei mir aber nur als Schaltautomat. Die 650er will schließlich fleißig geschaltet werden, wenn's schnell gehen soll. Und es soll sehr schnell gehen. Mit dem Schaltautomat spart man sich das Rühren am Gasgriff bzw. Gezupfe an der Kupplung. Da ich auf meine Handgelenke aufpassen muss ist das für mich ein wichtiges Feature.
Langer Rede kurzer Sinn: Ich muss diesen Urlaub wohl ohne Schaltautomat auskommen, habe aber mein eigenes Motorrad unter dem Hintern, also mit meinem Navi, meiner Sitzbank, meinem Lenker und von mir ausgewählten und angefahrenen Reifen (S21 vorne, BT016 Pro hinten). Und ich bin heute nicht mal spät dran.

Also ab nach Hause, packen, packen, packen und ab zu Michael, eine Stunde Autobahn, dort auf den Hänger aufladen, Gepäck im Auto verstauen und dann Autobahn, Autobahn, Autobahn durch die Nacht. Es fällt uns mal wieder auf, wie wenig Baustellen es auf französischen Autobahnen gibt. Wir sehen insgesamt zwei. Auf meinem Weg zu Michael (eine Stunde) habe ich bestimmt zehn gesehen, und bei acht davon könnte ich nicht sagen, dass sich die letzten sechs Monate dort irgendwas verändert hätte. Dafür kosten die ca. 600 km französische Autobahn aber auch an die 40 Euro Maut (pro Strecke).

Wir passieren morgens gegen 10 Grenoble und machen noch einen Stopp bei Decathlon, wenn der schon am Weg liegt. Wir kommen schließlich Freitagmittag ohne Probleme am Campingplatz „Camping de Ser-Sirant“ nahe Laffrey an. Er liegt unglaublich idyllisch an einem großen See, 20 km südlich von Grenoble auf einer Hochebene, hat ein Restaurant und ein Waschhaus mit allem Komfort. Durch die Lage auf der Hochebene mit einem See ist das Klima sehr angenehm und weder nachts besonders kalt noch tagsüber besonders heiß. Das ist für mich das erste Mal zelten, wo das Zelt morgens trocken ist.

Ob man nach einer bis auf 2-3 Stunden Halbschlaf durchfahrenen Nacht Motorrad fahren sollte, darüber lässt sich streiten. Ich fühle mich relativ fit und habe unglaublich Bock auf Bike, also fahre ich auch als Probefahrt zum ersten Passknackerpunkt, der gerade mal 2 Kilometer entfernt ist. Dabei stelle ich wieder mal fest, dass man die Spiegel und den Tacho putzen sollte, wenn man das Motorrad zuvor stundenlang rückwärts über die Autobahn gezogen hat. Außerdem probiere ich noch die Kurvenstrecke ins Tal runter aus, was mich zur Erkenntnis bringt, dass ich Vertrauen in mein Motorrad habe. Die Erfahrung mit den rührenden Reifen in den Pyrenäen hatte mich verunsichert. Die T30 Evo hatten zwar noch Profil, fühlten sich aber an als würde man andauernd auf Längsrillen fahren. Das Vertrauen ist jetzt wieder da, auch wenn die Kette anscheinend immer noch gegen Auspuff schlägt, zumindest klackert es manchmal, aber das kann man vielleicht noch einstellen. Auch die überholte Gabel und die Abwesenheit von Kühlwasser auf meinem rechten Stiefel geben Vertrauen. Und das werde ich ob der zu erwartenden Kurvenorgie brauchen.
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Probefahrt zum (wenig nützlichen) Col des Creys, 1090 m

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Aussicht auf den Grand Lac de Laffrey, an dem unser Campingplatz liegt (links) und Lac de Pétichet (rechts). Den Berg im Hintergrund könnte man vielleicht auch befahren…?
Als Sebastian gegen Abend ankommt und mit Aufbau fertig ist diskutieren wir den nächsten Tag. Stella Alpina ist gesetzt – das höchste Motorradtreffen in den Alpen. Besuchen ganz klar JA - aber dort wirklich übernachten? Zelte abbauen, Gepäck spazieren fahren, Zelte aufbauen, campen auf 2100 Höhenmeter, Zelte abbauen, Gepäck spazieren fahren, Zelte aufbauen? Eher nein. Nein? Nein. Damit kann ich dann auch lästiges Rohrwerk von der Versys schrauben und ein paar Kilo leichter die Pässe stürmen. Macht objektiv gesehen vielleicht wenig Sinn, ist aber mein Hobby. Anschließend wird im überraschenderweise relativ warmen See gebadet, dünnes Zeug gequasselt und die Anreise zur Stella Alpina geplant. Darauf habe ich mich schon lange gefreut, entsprechend gehe ich mit einem Grinsen zu Bette.
Zuletzt geändert von blahwas am 26. Jul 2017 21:34, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Stella Alpina und rund um Grenoble

#2 Beitrag von fransjup » 26. Jul 2017 23:29

Hallo blawas
Ich hoffe die Fortsetzung folgt
Und weiter gehts . Lech lech
Gruß fu
gruß fransjup

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Re: Stella Alpina und rund um Grenoble

#3 Beitrag von blahwas » 27. Jul 2017 21:47

Sa, 8.6. - Stella Alpina
Teil 1: Anreise


Es sind 310 km Asphalt bis zur Stella Alpina, und dann noch mal 30 km unbefestigter Weg rauf und wieder runter. Also ist frühes Aufstehen angesagt: 7 Uhr aufstehen, 8 Uhr abfahren war angesagt. Erst um 7:45 krieche ich aus dem Zelt und sehe einen Michael, der das gleiche parallel macht. Von Sebastian ist nichts zu sehen. Das Gute daran: Wenn alle verpennen ist keiner Schuld. Es sind 30° und Gewitter angesagt, also trägt man das dünne Zeug und hat die Regenkombi dabei - ich habe zusätzlich noch eine Membran dabei. Unsere Route führt uns über den Col de Lautaret, ...
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... den Col de Galibier und den Col du Telegraphe - somit einen Teil der klassischen Route des Grande Alpes, der vielleicht schönsten Motorradstrecke überhaupt, und zwar sowohl fahrerisch als auch von der Aussicht her, ohne je eintönig zu werden. Dazu kann man kaum noch etwas Neues schreiben, also sollen hier die Bilder sprechen.
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Den Galibier runter habe ich eine kleine Schrecksekunde, weil mein Hinterreifen eigene Wege gehen möchte. Ist ja klar, der ist sauer, dass er auf der Passhöhe 10 Minuten im kalten stehen musste. Einfangen und weiter geht’s. Auf dem Telegraphe habe ich eine kleine Schrecksekunde, weil ich vor einer Rechtskurve noch einen langsamen Radfahrer überholen möchte. Kein Problem, in meiner Spur ist reichlich Platz dafür. Ein entgegenkommender Motorradfahrer hat diesen Platz allerdings bereits für sich reserviert, weil er dringend am Kurvenausgang ein Auto überholen muss und wohl erwartet, dass ich dafür äußert rechts fahre – "meinen" Radfahrer hat er vermutlich übersehen. So muss ich bremsen und fahre etwas Schlangenlinientango und näher am Radfahrer vorbei, als es ihm vermutlich lieb war - es ist aber nix passiert. Von Michael (hinter mir) erfahre ich aber, dass er Entgegenkommende ziemlich schnell blass wurde. Ich war mehr mit Reagieren befasst als mit dem Ändern meines Gemütszustandes. Völlige Anteilslosigkeit im Auge des Sturms zeichnet den Könner aus.

Den Telegraphe abwärts kommen uns zunehmend organisiert wirkende Radfahrer entgegen, mit Begleitfahrzeugen, u.a. ein Motorradpolizist auf FJR1300 mit Trillerpfeiffe, der uns bedeutet, langsam zu fahren. Das machen wir dann natürlich auch - bis wir außer Sichtweite sind. In Gegenrichtung stapeln sich derweil die Autos, Busse und Wohnmobile. Ist halt Juli und Wochenende – aber scheinbar nicht für uns, zumindest ist es gut dass wir in die andere Richtung unbehelligt fahren können. Die Krönung ist dann schließlich ein Krankenfahrstuhl in Fahrbahnmitte, inklusive Fahrer mit Sauerstoffmaske. Ich finde es ja gut, dass er das macht, aber vielleicht müsste das nicht am Wochenende sein, und vielleicht könnte man dabei rechts fahren und jeden Parkplatz nutzen, bis die Schlange hinter einem durch ist. Aber das geht mich nichts an.

Mich irritiert eher der Motorradpolizist, der mir auf der folgenden Hauptstrecke Richtung Italien auf seiner Spur entgegen kommt, besonders wegen der durchgezogenen Linie rechts zu den langsamen Autos in meiner Fahrtrichtung. Ich irritiere ihn aber anscheinend nicht so sehr. Wir zucken beide kurz zusammen und wir fahren ohne weiteren Austausch von Höflichkeiten unserer Wege.

Mein Navi leitet uns über einen Tunnel nach Italien hinein. Dieser ist anscheinend mautpflichtig, was erklären könnte, warum Michaels OSMand-Navi da nicht entlang fahren wollte. Überhaupt ist die abweichende Planung unserer Geräte zwischen Passknackerpunkten (daraus bauen wir unsere Routen auf) ein beliebtes Motiv der folgenden Tage. Ich bin mir bis zum Ende nicht sicher, ob er das alles ernst meint. Jedenfalls stehen wir ziemlich lange in der Schlange am Mauthäuschen und als wir zu dritt an der Schranke stehen trifft uns der Schlag: 28 Euro. Ganz schön teuer für drei Motorräder. Nee - pro Motorrad! Aua! Hätten wir das gewusst, wären wir einen anderen Weg gefahren. Dafür kann man aber auch erwarten, dass der Tunnel klimatisiert ist. Das war er dann auch, allerdings nicht in der Mitte. Ich finde zunächst, die sollten uns deshalb mindestens je 10 Euro erstatten. Andererseits sind 2005 bei einem Feuer hier 2 Menschen gestorben, also halten wir den Ball flach. Als wir wieder im Licht sind, geht es unmittelbar hinter dem Tunnelausgang scharf rechts zur Stella Alpina.

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Re: Stella Alpina und rund um Grenoble

#4 Beitrag von blahwas » 27. Jul 2017 22:20

Teil 2: Aufstieg und Fall

Es folgen ein paar Kilometer enge Kurvenstrecke durch den Wald, die dann zu Schotter und schließlich zu Sand/Staub werden. Ganz schön staubig, denke ich mir so - ich hatte ja keine Ahnung, was uns noch erwarten würde! In irgendeiner Kehre halte ich und reduziere die Federbeinvorspanung - Schräglagenfreiheit brauche ich hier nicht, hier ist Ansprechverhalten gefragt. Etwas "längere Beine" schaden vielleicht auch nicht. Außerdem drehe ich das Standgas hoch - so geht die Maschine nicht so leicht versehentlich aus, wenn ich um die Kehren eiere. Da die Versys ohnehin schon ab Werk verhältnismäßig kurz übersetzt ist, kann ich jetzt sicher und gemütlich im 1. oder sogar 2. Gang bei Standgas ohne Kupplung die Kehren hoch tuckern, vielleicht sogar noch mit etwas Hinterradbremse dazu. Manche Premium Biker auf Testsiegern ab 1000 ccm sind dagegen in Kehren mit durchgehend schleifender Kupplung unterwegs und entsprechend ermüdet bzw. fehleranfällig.

Wir passieren einen Stausee und die Bäume weichen. Rundum Natur, viel Grün bei eitel Sonnenschein. Die Bergkämme machen mehrere Kurven, so hat man immer wieder neue Aussichten. Nach einigen Kilometern erreichen wir ein Bierzelt, 20 Motorräder und 10 Zelte. Michael hält und ist ganz aus dem Häuschen wie geil das hier ist. Sebastian und ich schmunzeln etwas. Manche lesen sich halt vor der Reise ein: Das hier ist nicht das Treffen, der Zeltplatz ist viel weiter oben, ganz zu schweigen vom Pass. "Und warum halten wir dann hier?" fragt er, mehr sich selbst. Damit ich hier einen Hamburger mampfen kann, zum Beispiel. Und zwei T-Shirts vom Treffen wechseln den Besitzer - ist ja für einen guten Zweck. Die Besucher sind übrigens zu 80% Italiener, 10% Deutsche (darunter auch ein "Mein Haus, meine Frau, meine 1100-Euro-Jacke"), und der Rest Franzosen und Briten. Dazu ein Ire, und - ganz wichtig - fast keine Holländer ;)

Wir fahren dann mal den Pass hoch - es hat uns noch keiner gesagt, ob er frei ist. Der Col de Sommeiller ist 2996 Meter hoch und damit einigermaßen "schneesicher" - die Auffahrt gelingt nicht jedes Jahr. Zunächst geht es sandige Kehren hoch, dann einen steinigen Weg, der mal mehr, mal weniger steil ist. Man umkurvt mehrere Berge und arbeitet sich ein immer schmaler werdendes Tal entlang. Echt sehenswerte Aussichten, die wir uns aber für den Abstieg aufheben. Wir sind ziemlich früh dran, darum ist wenig Verkehr. Manche sind noch langsamer als wir, andere schneller – besonders die mit Stollen, und von denen besonders die mit ohne Nummernschild. Sehr rücksichtsvoll sind alle. Jeder ist froh, hier sein zu können.

Bald kommt Schnee dazu. Es sieht so aus, als wäre geräumt worden, die Schneewände sind ein bis zwei Meter hoch. Dass hier systematisch geräumt wird war mir neu. Ganz oben kommt Tauwasser auf Staubboden, gibt in Summe: Matsch. Der ist glitschig, aber den überstehen wir. Dafür haben Sebastian und Michael zuvor bereits im Staub Bodenproben entnommen. Michael hält am um zu gucken wo wir bleiben, guckt aber nicht wo er seinen Fuß hinsetzt – und der landet dann im Nichts. Wo wir bleiben war ein Thema weil Sebastian ähnliches bereits zuvor unternommen hat. Und ich halte Abstand, damit ich weniger Staub abbekomme. Mit anderen Worten, der am wenigsten offroad-affine Fahrer mit dem am wenigsten offroad-geeigneten Fahrzeug fällt als einziger nicht um, nimmt es süffisant schmunzelnd zur Kenntnis und empfiehlt wieder mal die guten Sportreifen für unbefestigte Wege, denn die anderen sind auf Tourenreifen mit gröberem Profil unterwegs: Road Attack 3.

Letztendlich gelingt die Auffahrt aber uns allen, und das ist das wichtigste. Es ist ein tolles Gefühl, auf 2996 Meter Seehöhe zu stehen und nach Frankreich laufen zu können.
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Bis hier hin und nicht weiter. Oder nur zu Fuß.

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Ich habe mein Ziel erreicht.

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Blick zurück vom Schneehaufen nahe der Landesgrenze
Und dann kommt eine Ducati 848 aus Frankreich an, mit Packrolle drauf. Das gibt spontanen Applaus aller Umstehenden. Muss ich nächstes Jahr vielleicht auch mal probieren.
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Nein, er heißt nicht Antihero. Aber er hat Gepäck drauf und abgefahre Pirelli Supercorsa Hypersportreifen.

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Blick zurück auf die letzten, feuchten Meter mit sichtbaren Spuren von Schneeräumung
Dann beginnt die Abfahrt. Das ist der gleiche Weg wie rauf, nur dass man kein Gas zu geben braucht. Ich tuckere weiterhin im Standgas, dazu kommt aber die Bremse. Ich halte weiterhin Abstand, um weniger Staub zu schlucken.

Wir treffen wir auf ein Gespann mit einem sehr großen, rundum verkleideten Beiwagen - permanent am aufsetzen. Das Gespann lässt sich hier ordentlich den Bauch kraulen und verliert sicher 2 kg bis es wieder im Tal ist.
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wtf

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lauernde KTM abwärts
Zwischendurch fangen wir wild hupend Michael ein, dessen Koffereigenbau eigentlich lieber hier bleiben möchte. Das merkt er nicht so schnell, dafür hupt der Gegenverkehr zurück, und dessen Gegenverkehr im folgenden auch. Wir starten immerhin einen Trend.
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Hier, nimm noch Kaugummi als Kleber, hält besser

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Es ist übrigens überraschend warm hier oben – Zeit für Pause mit weniger Klamotten

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Hier wächst sogar schon wieder Gras

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Die Aussicht auf die Hochebene mit dem Zeltplatz des Treffens ist eine der schönsten überhaupt

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Diese Art zu fahren ist nicht wirklich mein Ding, aber die erreichbaren Orte sind es wert
Es ist mittlerweile etwas mehr Verkehr auf der staubigen Piste. In den engen Kehren muss man ganz ganz innen bleiben, wo es sehr steil ist, oder warten bis gerade kein Gegenverkehr kommt. Man geht rücksichtsvoll miteinander um. Im Gegenverkehr 20 Meter vor uns legt sich eine Tiger 1050 samt Fahrer schlafen. Der Fahrer hat zuvor einen großen Stein erwischt und daraufhin wenig Kontrolle über die Richtung - so fährt er die Böschung hoch. Besser als runter. Wir helfen ihnen schnell wieder auf die Beine.

Wir erreichen schließlich ohne weitere Zwischenfälle und Umfaller die Hochebene. Dann parken wir mitten zwischen den Zelten und gucken uns das Treiben mal aus der Nähe an.
Zuletzt geändert von blahwas am 27. Jul 2017 22:31, insgesamt 2-mal geändert.

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Re: Stella Alpina und rund um Grenoble

#5 Beitrag von blahwas » 27. Jul 2017 22:59

Teil 3: Das Treffen selbst

Dann parken wir am Zeltplatz der Hochebene und erkunden zu Fuß Land und Leute und Moppeds. Es ist wenig organisiert, aber offensichtlich eingespielt. Stell dein Zelt auf die Wiese und fertig.
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Kuriose Gefährte parken hier.
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Dann geht es auf ein Eis ans Gasthaus – es gibt tatsächlich ein Haus auf der Hochebene mit einer kleinen Gastwirtschaft und auch sanitären Anlagen. Schließlich machen wir uns an den Abstieg zurück in die Zivilisation, so mit Asphalt und Handynetz. Der Verkehr ist inzwischen stärker geworden, darunter auch einige wenige, die allen zeigen müssen wie toll schnell sie losem Grund fahren können, und wie viel Staub sie dabei aufwirbeln können. Hin und wieder sind auch Sportenduros und Crosser ohne Kennzeichen mit teilweise sehr jungen Fahrern dabei - die sich aber alle sehr korrekt verhalten. Fünf Minuten danach beginnt ordentlicher Regen. Glück muss man haben - Matsch nein Danke. Wir erreichen ohne weitere Zwischenfälle festen Boden, schlüpfen aber in die Regensachen.

Teil 4: Der Rückweg zurück in die (sogenannte) Zivilisation

Unser zunächst geplanter Rückweg via Col de l'Echelle ist heute leider nicht befahrbar wegen einer Sperrung. Wir wollen nicht noch mal für den Tunnel bezahlen, also fahren wir stattdessen via (Col de) Montgenèvre und damit Briancon. Auf dem Weg halte ich noch an einer Apotheke zwecks Nahrungsergänzungsmitteln und stolpere über eine Werbung für Rennradfahrer: Mit meiner Apotheke ist der Galibier ein Kinderspiel! Die hängt da vermutlich schon länger…

Wir kommen wie schon am Hinweig wieder an einer an sehr unterhaltsamen neu gebauten Baustellenumfahrung mit Wechselampel am Lac du Chambon vorbei.
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Neue Ausweichstrecke wegen Baustelle auf der anderen Seite
An einem Abschnitt mit Wechselampel landen wir in bzw. vor einer lustigen Gruppe spanischer Motorradfahrer. An der Ampel sind wir P1 und P2, doch auf den folgenden Kurvenstrecken wehren sich die Teilnehmer ziemlich stark. Der Führende auf R1200RT kann an mir dranbleiben auf den mittlerweile wieder trockenen Strecken - den lasse ich mal vorbei und hänge mich dran. Ja, das ist schön und schnell was er da macht, nur beim Bremsen lässt er Zeit liegen. Dann kommt ein Idiot auf einer MT-09, der sich links neben mich quetscht, als ich rechts an einem Lieferwagen vorbei gucken will und der dann ganz toll ist, weil er vor mir ist, obwohl eh gar nix außer Kurvenschneiden kann. Der fährt schon komplett auf der Gegenspur in die Linkskurven hinein und legt bei 40° Schräglage nicht mal die Füße an, sondern zeigt mit den Zehen nach außen – falls er in Schuhen noch welche hat. Ich fahre derweil bequem hinterher am rechten Fahrbahnrand und frage mich, was das soll: Ich bin zwar langsamer als du, aber vor dir! Außenrum vorbeifahren wäre vielleicht auch gegangen, wäre aber unhöflich und sehr riskant gewesen. Auch Michael hielt großen Abstand zu ihm, weil er schon Motorrad- und Körperteile fliegen sieht, so klar wie er über seinen Fähigkeiten fährt, und weil er zuvor bereits eiskalt von ihm abgedrängt wurde. Freundlicherweise macht der spanische Tourguide danach Pause und wir fahren in Frieden weiter. Allerdings wird genau jetzt auch die Strecke gerader.

Dann noch mal Sprit fassen und ab nach Hause. Abends glühen wir noch nach ob der Eindrücke dieses Tages. Der Col de Sommeiller ist für mich der bisher schwierigste Schotterpass gewesen, er war für uns alle die höchste Strecke bisher überhaupt, und wir sind alle schwerstens beeindruckt von der Natur dort oben und der positiven Stimmung und der Vielfalt auf dem Treffen. Nur ob man da noch mal hin muss, darüber herrscht Uneinigkeit. Michael und ich werfen unsere Klamotten in die Waschmaschine am Campingplatz, um den Staub raus zu kriegen. Wer mich kennt kann sich denken, wie dreckig die Klamotten dafür sein müssen. Sebastian dagegen trug Leder und kann einfach abwischen. Als echte Luxuscamper haben wir dieses Mal keinen Grill dabei, sondern dinieren frisch geduscht im Restaurant auf dem Platz.
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Natürlich mit Blick auf den See
Dort kocht ein Italiener leckere Pasta, Salate und Fleischgerichte im Bereich 8-14 Euro. Mit Sitzplatz direkt am See. Ohne Abspülen danach, und ohne Einkaufen davor. Getränke am Zelt haben wir aus der Kühlbox. Toller Urlaub! Und dabei war das bisher nur der erste Fahrtag. Michael und ich haben noch fünf vor uns, Sebastian fährt früher heim und hat nur drei.
Zuletzt geändert von blahwas am 27. Jul 2017 22:59, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Stella Alpina und rund um Grenoble

#6 Beitrag von Skalar-Fan » 28. Jul 2017 08:47

Wow, Respekt, eine Abenteuer auf jeden Fall.
Vielen Dank für Deinen Bericht bis hierher.
Bin gespant wie es weitergeht.

Viele Grüße
Jürgen

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Re: Stella Alpina und rund um Grenoble

#7 Beitrag von fransjup » 28. Jul 2017 09:42

Wow
echt gut -- !!!!
Da muss ich auch mal hin
ein bisschen offroad gefällt mir
Gruß fransjup
gruß fransjup

surfopi
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Re: Stella Alpina und rund um Grenoble

#8 Beitrag von surfopi » 28. Jul 2017 11:12

Hallo Johannes,

macht Spaß, dich zu lesen. Dein Schreibstil wird immer besser, spritziger, unterhaltsamer. Und die Fahrstrecken nähern sich immer mehr meinem Geschmack. Danke für den tollen Bericht und die beeindruckenden Bilder. Bin gespannt, was du in den folgenden Tagen noch alles entdeckt hast.

Grüße, Karl

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Re: Stella Alpina und rund um Grenoble

#9 Beitrag von blahwas » 31. Jul 2017 00:02

Tag 3, So, 9.6., Vercours

Der Vercours ist ein französisches Mittelgebirge südwestlich von Grenoble, ca. 30x40 km mit der Besonderheit, dass viele der bis zu 2300 Meter hohen Gebirgsketten in Nord-Süd-Richtung verlaufen, so dass man schwierig vom Osten her rein kommt. Wir wählen einigermaßen willkürlich morgens ein Paar Passknackerpunkte dort und fahren drauf los - obwohl es regnet und für den weiteren Tag viele Schauer angesagt sind. Bei 16-24° hält man es in der Regenkombi aber gut aus. Nur meine Sportreifen sind für diese nassen Hinterwaldstrecken nicht gemacht. Kein Problem, fährt man halt mal vorsichtig – auch so kommt man zügig vorwärts. Als es langsam aufklart, suchen wir uns eine Bäckerei und werden sehr fünding: „Artisan de Boulangerie“ heißt „Bäcker der sich echt für seine Produkte interessiert“, innen ist es trocken-warm, draußen gibt es eine Sitzgelegenheit - voila, Frühstückspause! Wenn auch mit kurzen Schauern.

Danach klart es auf und wir genießen einen wunderbaren Fahrtag ohne einen weiteren Regentropfen. Im Vercours hat man die Straßen fast für sich alleine. Absolutes Highlight des Tages sind der Col de Rousset, eine Heizerstrecke vor dem Herren auf nagelneuem dunkelschwarzem Asphalt mit traumhafter Aussicht und vor dem Tunnel der Passhöhe. Es regiert der Fahrspaß.
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Zufahrt zum und Rast am Col de Bioux, der inzwischen kein Passknackerpunkt mehr ist:
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Weiteres Highlight des Tages ist der Cirque de Combe Laval, wo man die Straße in einen senkrechten Felsen gemeißelt und gesprengt wurde, mit Hunderten Metern Wand nach oben und unten, und sogar Portalen durch den Felsen hindurch.
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Auch die anderen Passknackerpunkte machen überwiegend Spaß, nur ganz selten liegt Schotter auf der Fahrbahn. Langfristig verbessert das den Grip – und der reicht, typisch Frankreich, um die Schrift von den Reifenflanken zu fahren. Auch die Fahrbahnbreite ist ausreichend bemessen und steht dem nicht im Wege.

Da zwischendurch meine ABS-Leuchte angeht, gucke ich mal nach was da unten nicht stimmt: Jau, der ABS-Sensor wird von der Bremsscheibe bearbeitet. Außerdem auch die Schraubenköpfe der Bremsscheibe vom Träger der Bremszange. Nicht so cool! Das würde auch das laute Geschepper erklären. Bzw. wäre es ein Hinweis gewesen, dass hier etwas nicht stimmt, und zwar nicht die Kette. Wir bauen den ABS-Sensor ab und binden ihn weg aus der Gefahrenzone. Die Hinterachse wird etwas gelockert, um Spannung raus zu nehmen. Gegen Verlust der Radmutter schützt weiterhin der Sicherungssplint. Liebe Kinder: Nicht zuhause nachmachen!
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Die Tankstellen sind im Vercours etwas dünner gesät, daher ist ein kleiner Umweg angesagt – wir haben ja eine Supermoto dabei. In diesem Ort hat mein Navi vier Tankstellen eingetragen, die in der Realität aber alle nicht mehr existieren oder dauerhaft geschlossen sind. Das liegt am Supermarkt mit eigener Tankstelle 500 Meter weiter, den mein Navi noch nicht kannte, aber dafür haben wir ja Michael mit seinem OSM-Navi dabei. Tankstellen an Supermärkten haben in Frankreich in der Regel Dumpingpreise, um Kunden in den Supermarkt zu lockern. Das macht die restlichen Tankstellen in nächster Nähe anscheinend schnell platt.

So richtig geht das Geräusch nicht weg, aber wir kommen ohne weitere Probleme zurück zum Campingplatz. Naja, fast: Zwei von drei Fahrern wollten unbedingt "ohne Autobahn" zum Campingplatz zurück, obwohl das durch Grenoble führt. Es ist zwar Sonntag, aber deshalb stehen da auch nicht weniger Ampeln, die alle rot sind, und im Tal ist es echt schwül-warm. Immerhin weiß ich jetzt, dass mein Kühlsystem in Ordnung ist - bis auf die Lagergeräusche des Lüftermotors.

Nach dem Abendessen gehen schließlich wir dem Geräusch vom Hinterrad auf den Grund. Es folgt wieder ein Exkurs über Motorradtechnik, den vielleicht nicht jeder lesen will.
SPOILER:
Das Hinterrad muss raus. Als Hinterradheber eignet sich links der Seitenständer und rechts am Bobbin der Schwinge ein Vorderradständer.
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Das Hinterrad ist schnell ausgebaut. Und tatsächlich hat die Bremsscheibe ziemlich gelitten.
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Ziel ist es, eine Distanzscheibe einzubauen zwischen Bremsscheibe und Halteplatte der Hinterradbremse, damit nichts mehr an der Bremsscheibe schleift. Wir wollen zunächst die Unterlegscheibe der Achsmutter nutzen. Das klappt aber nicht, weil sie zwar über das Gewinde der Achse passt, aber nicht über die Achse selbst. Wir bräuchten eine Rundfeile um die Öffnung zu vergrößern. Weil wir keine haben, frage ich auf dem Camplingplatz rum und bekomme tatsächlich eine Feile - aber leider keine Rundfeile, sondern eine eckige. Damit kommen wir nicht weiter. Wir suchen unsere Fahrzeuge und die Einrichtung des Campingplatzes nach einer ausreichend großen Unterlegscheibe ab, die mans ich „ausleihen“ könnte, werden aber nicht fündig. Der schweifende Blick bleibt schließlich am 22er Ringschlüssel aus meinem Bordwerkzeug hängen. Die braucht man zum Gegenhalten, aber eigentlich ist das nicht nötig, denn die Achse dreht sich normalerweise nicht, wenn man die Achsmutter anzieht. Das nächste Objekt der Begierde ist also eine Eisensäge. Unverständlicherweise ist im Bordwerkzeug der Versys keine vorhanden. Da ist zu einem späteren Zeitpunkt ein Beschwerdebrief an Kawasaki fällig. Auf dem Campingplatz findet sich aber eine Eisensäge, und kaum 20 Minuten (Werkzeugstahl!) später ist der Griff ab. Mit der Feile kann man sogar die Schnittstelle hautfreundlich entgraten.
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Mit Metallbearbeitung bei einsetzender Dunkelheit kann man übrigens einen ganzen Campingplatz unterhalten, aber alle die kommen fragen was los ist und wie sie helfen können. Keiner meckert. Anscheinend haben die auch Urlaub!

Nun müssen wir nur noch das Hinterrad wieder einbauen, mit der neuen "Unterlegscheibe" zwischen Rad und Bremsaufnahme. Das klappt nicht so gut, weil die Achse völlig schief im Hinterrad steht und sich nicht weiter drücken lässt. Sowas habe ich noch nicht gesehen. Wir ziehen und zerren und werfen schier das Motorrad um. Dann probieren wir es mal "trocken", nur das Rad am Boden ohne Buchsen und Schwinge: Auch da geht die Achse schief rein und nicht durch. Was ist denn da los? Die Felge hat ganz Innen eine Hohlachse, und diese hier ist nur auf einer Seite fest - die andere Seite lässt sich mehrere Zentimeter verschieben. Wtf? Wir können die Hohlachse zurück drücken und bekommen das Hinterrad schließlich eingebaut. Es dreht sich sogar weiterhin leicht, nachdem man festgezogen hat. Auch der ABS-Sensor findet wieder sein Zuhause und schleift nun nicht mehr. Mit großen Erwartungen schiebe ich das Motorrad einige Meter, und leider klappert es wieder alle paar Meter recht heftig. Eine ganz kurze Fahrt mit Motoradkraft über den Platz zeigt das gleiche laute Geschepper wie zuvor. Scheiße! Michael und Sebastian sind unsicher ob das Radlager oder das Rad selbst defekt sind, würden aber beide so oder so aber keine 100 Meter mehr damit fahren.
Insgesamt hatte unsere Aktion leider keinen durchschlagenden Erfolg. Also schmeißen wir die Suchmaschinen an, um eine Werkstatt oder zumindest einen Motorradvermieter in der Nähe zu finden. Das ist nicht leicht, und morgen (am Montag) scheinen alle geschlossen zu haben. Merde! Im nächsten Dorf findet sich immerhin ein Vermieter für "die schönsten Motorräder der 70er Jahre". Das ist nicht wirklich was ich suche, und 160 Euro am Tag ist auch echt heftig, aber der kennt vielleicht jemanden der vermietet oder verleiht oder kann sowas reparieren. Da wir hier auf dem Dorf sind, kennen die Leute vom Campingplatz ihn vielleicht und können übersetzen, denn mein Französisch ist für Fachthemen nicht ausreichend. Aber für heute ist es zu spät. Gute Nacht! Schlafen kann ich trotzdem, denn es findet sich immer eine Lösung.

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Re: Stella Alpina und rund um Grenoble

#10 Beitrag von blahwas » 2. Aug 2017 22:40

Tag 4, Mo, 19.6., Hilfe!

Der Tag soll damit beginnen, dass ich ein Leihmotorrad auftreibe. Doch soweit kommt es nicht. Der Fehlerteufel ereilt zunächst unsere Kühlbox (das Allerheiligste!) und dann auch noch den Hinterreifen von Michaels BMW (Druckverlust). Weil "warten" heute möglicherweise ein großes Thema wird fahre ich in Absprache direkt los zur nächsten Motorradwerkstatt - diese hat im Gegensatz zu denen in Grenoble sogar montags offen. Wobei "fahren" in diesem Fall heißt, jederzeit mit einem blockierenden Hinterrad zu rechnen. Vmax ist also 50, in Kurven noch weniger (ja nach Ausgestaltung der Sturzzone). Michael flickt derweil eine kleinere Einfahrverletzung.

Als ich vor der Werkstatt stehe hat sie zu: "10. Juli geschlossen!" Aber nur ausnahmsweise. Dann muss ich eben jede Auto- und Reifenwerkstatt anquatschen, die ich auf dem Weg gesehen habe - alles negativ: „Da hinten ist doch eine Motorradwerkstatt!“ Nein! Hoffnung investiere ich noch in einen Endurovermieter in 40 Minuten Entfernung. Da geht zwar keiner ans Telefon, aber hinfahren kann man ja mal? Schlecht: Es ist ein Wohngebiet. Gut: Es steht ein passender Transporter des Endurovermieters vorm Haus. Schlecht: Es macht keiner auf. Gut: Ich erreiche einen mir vertrauten deutschen Reifenhändler, der mir erklärt, was genau es mit der Hohlachse in der Felge auf sich hat. Die wird zwischen den Radlagern eingeklemmt und hält sie auf Distanz. Sie trägt nicht das Gewicht des Motorrads. Insofern ist es nicht ganz so schlimm, dass sie gestern an einem Ende lose war, wenn die Steckachse nicht drin war: Neue Lager und gut. Felge nicht defekt. Ob man so gar nicht, 1 km, 10 km, 100 km oder 1000 km fahren sollte vergesse ich zu fragen. Vielleicht besser so.

Michael und Sebastian erhalten derweil von mir Nachricht dass sie heute ohne mich auskommen müssen. Sie werden also alleine im Vercours Passknackerpunkte abfahren. Sie nehmen zwar im Gegensatz zu mir nicht aktiv an der Passknacker-Challenge teil, d.h. sie machen keine Nachweis-Fotos von den Schildern, aber zum Planen sind die in der Regel echt nicht schlecht. Wie ich höre verbringen sie einen schönen Fahrtag, werden aber ob meiner Abwesenheit an Phantomschmerzen leiden und trotzdem an jedem Schild halten, weil hier schließlich ein Passknacker ist!

Den Rest des Tages verbringe ich mit Motorradwandern bis Tempo 50 zu immerhin 3 Passknackern die rings um den See des Campingplatzes liegen. Das ist bei Kaiserwetter auch schön, erholsam und irgendwie Urlaub vom Urlaub. Ich habe keine Termine und bin niemandem Rechenschaft schuldig. So klappt’s sogar auch mit der StVO, oder wie auch immer das in Frankreich heißt.

Weil es nur drei Pässe waren zähle ich sie mal ausnahmsweise auf:

Da wäre erstens der Col de la Chal, 1180 m, ein eher harmloser Schotterpass, der kaum steil ist. Von Norden her weite enge und kurvige Anfahrt mit stellenweise beeindruckenden und auch gefährlich tiefen Schlaglöchern. Nach Süden hin ist man schnell wieder auf Asphalt. Schwierigkeit 4 finde ich übertrieben. In der Nähe des Passschildes findet sich eine praktische Motorradparkgelegenheit. Idyllisch ist es hier oben schon irgendwie. Dazu passen für mich auch die Verzierungen.
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Manch ein Anwohner hat da wohl seine eigenen Ansichten.
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Zweitens wäre da der Col de la Morte, 1367 m, der von Norden her einige Kehren auf Bundesstraßenbreite und Tour de France-tauglichem Asphalt bietet. In einer der Kehren raste ich und habe mal eben diese Aussicht auf die D1091, die wir erst vorgestern gefahren sind.
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Die Passhöhe liegt im Ort Morte, was tatsächlich "tot" auf Deutsch heißt. Viel ist da jedenfalls nicht los.
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Und zu guter Letzt, der Col de Malissol, 1150 m, um die Runde um die Seen bei Laffrey abzuschließen. Nach einer längeren Fahrt durch ein idyllisch grünes Tal kommt man nach wenigen engen Kehren fast nebenbei drüber.
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Am Ende bummle ich noch durch einen Supermarkt und bin 15:00 wieder am Campingplatz und mache es mir bequem, bis M+S zurück sind. Morgen finde ich hoffentlich eine Leihmaschine für die nächsten Tage, oder jemand repariert mir die Kiste. Oder auch nicht, und ich mache Wanderurlaub, oder klaue mir ein Motorrad (am Campingplatz steht so eine scharfe 690 SMC-R :D ), oder fahre mit dem Auto hinter M+S her, oder miete ein Fahrrad, oder besuche Museen in Grenoble, oder plansche im See, oder ich spreche mal die auffallend langbeinige Blondine vom Zelt da hinten an, die manchmal etwas zu lange zu mir rüber guckt…

M+S kommen auch irgendwann wieder am Zeltplatz an und erzählen von ihrem Tag. Das können die auch hier am besten selbst...
Zuletzt geändert von blahwas am 2. Aug 2017 22:52, insgesamt 2-mal geändert.

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Re: Stella Alpina und rund um Grenoble

#11 Beitrag von fransjup » 3. Aug 2017 03:31

Hallo blawas
Nicht aufgegeben, Morgen ist auch noch ein Tag
Toi Toi
Gruß fransjup
gruß fransjup

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Re: Stella Alpina und rund um Grenoble

#12 Beitrag von nikobin » 3. Aug 2017 09:08

Toll geschrieben, liest sich super und Du hast tolle Bilder dabei! :)

Zwei kleine Fragen habe ich dazu, wenn es ok ist ;)
- welche Kamera(s) nutzt du für die tollen Bilder?

-
blahwas hat geschrieben:von mir ausgewählten und angefahrenen Reifen (S21 vorne, BT016 Pro hinten).
Ich hatte immer angenommen (oder irgendwo aufgeschnappt), man darf nur von der gleichen Baureihe gleichzeitig Reifen aufziehen...? Also dürfte ich demnächst hinten bereits auf einen anderen Reifen wechseln und vorne später nachziehen, wenn der dann auch mal durch ist?

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Re: Stella Alpina und rund um Grenoble

#13 Beitrag von blahwas » 3. Aug 2017 11:20

Kameras:
-die meisten Fotos (wo ich nicht drauf bin, Breitformat) Smartphone Samsung S6
-4:3 Fotos aus Kompaktkamera Canon Ixus irgendwas altes (nehme ich eigentlich für Passknackernachweise, weil mit Handschuhen zu bedienen und robuster)
-meine Fahraufnahmen (Fotos) sind mit eine Gopro 3 Black gemacht
-Fotos von Michael und Sebastian (z.B. wo ich drauf bin): je eine DSLR, je ein Smartphone
-Fahraufnahmen von Michael TomTom Bandit Action-Kamera

Reifen müssen in Deutschland paarweise freigegeben sein, wenn eine Reifenbindung besteht, aber a) war ich nicht in Deutschland und b) ist mir das egal (siehe Technik-Vorgeplänkel im ersten Spoiler, auf "anzeigen" klicken).

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Re: Stella Alpina und rund um Grenoble

#14 Beitrag von bdr529 » 3. Aug 2017 12:53

Montag, tremor und BDR529

Nachdem wir am Vorabend vergeblich versucht hatten, Blahwas' Versys wieder in Gang zu setzen und ihm eindringlich abgeraten hatten, mit dem Hinterrad einfach weiter zu fahren, war der Plan am Montag gemeinsam zu einer Werkstatt im Nachbarort zu fahren. Dem Geräusch nach wäre ich nicht mehr als Schritttempo gefahren, aus Angst das Rad könnte unvermittelt blockieren. Am Pass in einer Kurve keine angenehme Vorstellung.

Also morgens raus aus dem Zelt, auf die Pferde und los. Ich bin 5 Meter weit gekommen - super - Platfuß am Hinterrad. Also Planänderung: Blahwas fährt vor und wir kümmern uns um den Reifen. Die Ursache ist zum Glück schnell gefunden. Ein Metallteil steckt im Reifen. Also Reifenflickzeug rausholen und an die Arbeit. Metallstück mit der Zange entfernen, dann mit der Ahle wird das Loch aufgeraspelt. Dann wird mit viel Kraft ein mit Vulkanisationkleber eingeschmierter Flickstreifen eingepresst. 15 Minuten warten - aufpumpen - fertig. Na ja fast fertig. Sind nur 2,2 Bar drin. Aber bis zu nächsten Tankstelle wird's reichen.

Wir telefonieren mit Blahwas. Die Motorrad-Werkstatt hat wie alle anderen Montags geschlossen. Er klappert weiter einige freie Autowerkstätten ab, die aber leider alle abwinken. Blahwas bricht letztendlich die Suche ab, hat aber eine Einsehen und riskiert nichts, sondern verbringt den restlichen Tag im Bummeltempo mit seiner gebeutelten Versys.

Wir klicken uns mit Hilfe der Passknackerpunkte auf die Schnelle eine Strecke für den Tag zusammen.

Tremor und ich fahren zur nächsten Tankstelle, ich werfe einen Euro in den Kompressor und fülle Luft nach - dachte ich. Leider funktioniert das Teil nicht und ich verliere noch ein paar Zehntel. Jetzt sind es nur noch 1,9 Bar. Also auf zur nächsten Tanke, allerdings ist es in Frankreich eher Glücksache eine Tanke mit Kompressor zu finden. Nach vier erfolglosen Versuchen, finden wir eine Autowerkstatt, die mich an ihren Kompressor lässt. Endlich geht's los.

Auf dem Plan steht der Col de la Morte (was für ein Name! Den mussten wir mitnehmen), Alpe d'Huez und eine Reihe weiterer eher unbekannter Pässe. Zum Col de la Morte geht's bei schönstem Sonnenschein über eine wenig befahrene Landstraße. Wir laufen auf einen kleine Peugeot auf, der recht flott unterwegs ist, dabei aber jede Kurve komplett schneidet. Entweder will der ein Rennen oder er hat uns nicht gesehen. Sehr ungewöhnlich in Frankreich. Wir bleiben vorsichtshalber dahinter. Es dauert bis zur nächsten Geraden, auf der wir dann überholen, nicht ohne uns vorher eine Zeit lang davon zu überzeugen, das Peugeot auf seiner Spur bleibt. Entgegen unserer Erwartung saß kein jugendlicher Halbstarker hinter dem Steuer, sondern eine Frau mittleren Alters mit Tunnelblick. Ich glaube, die hat nichts mehr gemerkt.

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Der Col de la Morte ist dann noch eher unspektakulär zu erreichen und wir fragen uns, woher er wohl den Namen hat. Tremor weist auf die "Kreperie" (oder so ähnlich) direkt gegenüber hin. Bevor die flachen Witze noch lebensbedrohlich werden, fahren wir lieber weiter. Es folgt eine aus flüssigen Kurven bestehende Abfahrt, angenehmerweise durch einen Schatten spendenden Wald. Frankreich ist Motorradfahrerland.

Den nächsten Pass hätten wir uns dann doch eher gespart, wenn wir geahnt hätten, dass es sich offensichtlich um eine Teststrecke für Stoßdämpfer handeln muss. Immerhin entschädigt die Landschaft für den unterirdischen Straßenbelag.

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Von hier aus geht's zum Mythos Alpe d'Huez. Mal sehen, was da so dran ist. Wie zu erwarten, sind viele Radfahrer unterwegs, die aber erstaunlicherweise nicht mithalten können. Vielleicht haben hier auch die Apotheken Montags geschlossen. Wir schaffen es bis zum Gipfel - warum alle darum so eine Welle machen? Wir wissen es nicht. Auch die Steigung sollte ja nicht das Problem sein - geht ja bergab, wie man hier sehen kann.

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Wir suchen wieder etwas weniger frequentierte Strecken und landen auf einem Gipfel, den wir für ein paar Fotos nutzen.

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Es fängt an zu regnen und wir beeilen uns, in die Regenkombis zu kommen. Ein paar hundert Meter tiefer hört es auf und die Temperaturen steigen sprunghaft. Also raus aus der Kombi und weiter. Natürlich setzt der regen sofort wieder ein und ich halte, um wieder in die Kombi zu steigen. Tremor bleibt skeptisch, ob das nötig ist, aber wenn die Klamotten erst mal nass sind... Natürlich hört es nach 30 Sekunden fahrt wieder auf. Grmmpfffhh. Immer diese Rechthaber. Das war's dann aber auch mit dem Regen.

Wir fahren über eine schnurgerade etwas wellige Strecke. "Etwas" war dann aber doch die Untertreibung des Tages. Ich fahre im Landstraßentempo also um die 90-100 Km/h, als sich die Straße vor mir wie eine riesige Welle (geschätzter "Wellenhöhe" 2-3 Meter) auftürmt, dann aber auf dem Wellenberg unvermittelt in eine Ebene übergeht. Soll heißen, ich hebe mit beiden Rädern vom Boden ab - auf einer breiten Landstraße! Für tremor sieht das ganze wohl spektakulärer aus, als es sich anfühlt - hat was von Kirmes-Achterbahn: "Airtime". Er nimmt Gas weg. Meine Überraschung ist noch nicht ganz verflogen, als die nächste Welle folgt. Und noch eine. Es fängt an Spaß zu machen und ich überlege, noch mal umzudrehen, besinne mich aber, es nicht zu übertreiben.

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Wir kommen nun zum Hoch und dem unmittelbar folgenden Tief des Tages für tremor. Wir passieren eine Brücke über eine tiefe Schlucht, auf der eine Spur gesperrt ist. Die "Baustelle" entpuppt sich als Absprungplattform für Lebensmüde. das ist das Stichwort für tremor. Ich halte am Ende der Brücke, schaue zurück und frage "Und? Willste springen?". Er schaut kurz zurück und antwortet ohne zu zögern "Ja.". Auf die Gegenfrage, sage ich nur "Ich bin doch nicht bescheuert!" Also drehen wir und fahren zu einem Blockhaus mit der Anmeldung. Die machen das hier wohl öfter.

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Die Anmeldung geht fix. Er kommt nur kurz auf die Waage, drückt 89€(!) ab und wir marschieren zur Brücke. Er ist der letzte Springer des Tages und wird fachgerecht gefesselt. Jeder Vorgang wird fotografiert - vermutlich damit keine klagen kann, wenn's schief geht. Aber ich sage nichts. Dann geht alles ganz schnell. Er wird gefragt, ob er noch eine paar letzte Worte an die Anwesenden richten möchte und steht schon oben auf dem Geländer. Ich schaue in die 105 Meter tiefe Schlucht und schüttle den Kopf. Dann lieber Fallschirmspringen als sich in so eine Schlucht zu stürzen. Nach dem Countdown geht tremor in die Kniee (klar, dann ist's nicht so hoch) und springt ohne zu zögern runter. Weg ist er. Ich filme das Ganze und schüttle immer noch den Kopf.

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Ich schlendere zurück, gönne mir ein Kaltgetränk in der Hütte und warte, bis sich tremor bei der Hitze den Berg wieder hoch gekämpft hat. Nach einer kurzen Erholungsphase beschließen wir, die Route etwas abzukürzen, wollen aber auf einen dem Anlass angemessenen Pass nicht verzichten:

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Wir legen noch einen kurzen Zwischenstopp beim Supermarkt ein, um ein paar Getränke mitzunehmen. Tremor wartet bei den Moppeds und wirkt ganz nervös, als ich raus komme. Ich folge seinem Blick und sehe jetzt auch die nahende schwarze Wolkenwand. Wenn wir nicht zurück schwimmen wollen, wird's jetzt aber Zeit. Wir geben Gas und als wir auf den Platz einbiegen, fallen die ersten Tropfen. Wir retten uns gerade noch in den Pavillon, als Petrus die Schleusen öffnet. Perfektes Timing.

Meine Reifenflickaktion vom Morgen war leider nicht ganz erfolgreich, der Reifen hat den Tag über leicht an Druck verloren, was der Spülitest auf dem Campinplatz bestätigt. Also noch zwei weitere Streifen einsetzen, bis alles dicht ist. Bis zum nahen Ende des Profils am Ende des Urlaubs war kein Druckverlust mehr messbar. Einen halben Tag Urlaub wegen eines Reifens zu verlieren, wäre auch ziemlich blöd gewesen.

EDIT zu den Kameras: tremor verwendet eine Olympus E3, ich eine Canon EOS 600D
Zuletzt geändert von bdr529 am 3. Aug 2017 12:58, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Stella Alpina und rund um Grenoble

#15 Beitrag von blahwas » 3. Aug 2017 22:16

Tag 5, Di, 20.6. Mechanische Erlösung?

Dienstag, Tag der Erlösung? Meine Mitfahrer wollen nicht auf mich verzichten und stürzen sich vor Wehmut von Brücken oder stechen im Schlaf auf ihre eigenen Reifen ein. Da muss ich handeln, ich kann sie nicht so leiden lassen. Heute hat ja der Motorradladen hier auf der Hochebene wieder auf, wo mich bisher jeder hingeschickt hat. Also nix wie hin da: Man hört sich mein Problem an, guckt es sich auch an, und sagt dann: "Nein. Grenoble!" Desillusioniert komme ich raus aus dem Laden, Michael und Sebastian sind inzwischen da. Die konnten zwar schneller als 60 fahren, Michael hat aber morgens noch mal am Reifen rumgeflickt. "Wie Grenoble? Keine konkrete Adresse?" Nö, aber gute Idee eigentlich. Wieder rein da, Zettel bekommen: Altitude Moto, Vertragshändler für Kawasaki und Honda. Also teilen wir uns wieder auf, für mich geht es mit Tempo 50 dort hin. Das ist immer noch zu schnell, um im Stadtverkehr von Grenoble nicht fast durch zu drehen. Zwar ist wenig los, aber dafür ist an jeder Ecke eine Ampel, und alle - wirklich ALLE - sind rot. Ich halte sogar – scheint hier üblich zu sein. Die restlichen Tage haben wir meistens gar keine Ampeln, das wird einem umso deutlicher klar, wenn die Mistdinger wieder auftauchen.

Endlich bei Kawasaki angekommen parke ich direkt neben einer 2011er Versys eines Kunden. Es ist ein großer Händler mit Hochglanz-Showroom, aber auch mindestens 50 Maschinen im hinteren Parkplatz. Es folgt ein Werkstattaufenthalt, den ihr hier überspringen oder ausklappen könnt.
SPOILER:
Der dritte Ansprechpartner im Laden ist dann der Richtige und versteht mein Anliegen. Die Radlager guckt er im Computer nach und ist selbst überrascht, dass sie auf Lager sind. Sofort wird meine Maschine in die Halle gebracht und für mich beginnt eine Zeit der Ungewissheit - hoffen und bangen. Ich wandere im Showroom umher und gucke mir die drei aktuellen Versys-Modelle an (300, 650, 1000), die Honda CB500X, die Africa Twin mit und ohne DCT (und eine mit Kupplungshebel, die anscheinend auch DCT hat, zumindest einen Klotz rechts am Motor), die CB1100 und ihre historische Vorgängerin im Geiste, CB750, die direkt hintereinander parken. Als Ratbiker vom Campingplatz fühle ich mich etwas fehl am Platze, aber das ist heute mal egal. Freundlicherweise beginnt zwei Minuten nachdem ich den Laden betreten draußen ein Wolkenbruch erster Klasse.

Nach 30 Minuten spricht man mich an: Il manque une piece - ein Teil fehlt? Man zeigt mir auf dem Bildschirm, wie die Hinterachse eingebaut wird. Es sind nicht zwei Distanzstücke, sondern drei. Die dritte hat die Form eines Kegels, der mir seltsam bekannt vorkommt, und der kommt zwischen den Kettenradträger und die Felge. Der Mechaniker zeigt mir auf der Bühne dann auch, dass deshalb die Felge verschoben ist. Meine Distanzscheibe aus dem M22 Ringschlüssel hat er als Fremdkörper erkannt, aber nicht weiter kommentiert. Die angschrappte Bremsscheibe ebenso. Tja, diese dritte Distanz fehlt jedenfalls, und sie ist nicht auf Lager. Vermietet ihr Motoräder? Nein - Mist. Ob das vielleicht an der Kombination aus Halterhaftung und der typisch französischen Fahrweise liegt?

Ich sage, ihr habt da doch eine neue Versys im Showroom stehen, die besteht doch auch aus Teilen. Aah, der Dienstleister ist geweckt und prüft am Computer, ob's passen würde. Es würde - yes! Der Mann im Kawasaki Verkaufsraum ist von der Idee allerdings weniger angetan. Habt ihr nicht noch eine andere Versys eines anderen Kunden rumstehen? Ah non... aber Moment mal, das Mopped von Jaque. Ich weiß nicht wer Jaque ist, aber er hat anscheinend eine schwarze Versys 650 mit Kennzeichen dran in der Werkstatt stehen lassen. Die wird sogleich hinten aufgebockt und ihrer Distanzbuchse beraubt. Jaque bekommt dann irgendwann eine neue. Ich schätze, Jaque wird sich darüber freuen. Vielleicht ist es er auch ein Mitarbeiter, und muss heute Abend und morgen früh dann leider ein Motorrad aus der Vorführer-Flotte nehmen, um "nach Hause zu kommen". Ich glaube, die matt-schwarze Fireblade im Showroom hatte ein Kennzeichen dran...?

Der Mechaniker zeigt mir voller Begeisterung, wo dieses vermaledeite Teil hin gehört, und dass es leicht raus fallen kann, wenn man den Kettenradträger aus der Felge entnimmt und dann waagrecht abstellt. Ich schwöre, den Fehler nicht noch mal zu machen. Dass ich so schon mehrere 1000 km gefahren bin (u.a. die Cevennen und Pyrenäen), und zwar nicht gerade geruhsam, sage ich mal lieber nicht. Als es auf 12 Uhr zu geht werde ich etwas unruhig - wie alle Geschäfte ist auch dieses von 12 bis 14 Uhr geschlossen. Es werden auch um 11:30 schon Tore geschlossen und vor dem Laden parkende Motorräder in den geschlossenen Parkplatz gefahren. Eine zweistündige Unterbrechung der Arbeit käme mir jetzt nicht so gelegen - aber man versichert mir, das wäre kein Problem. Im Showroom sind keine Kunden mehr, und die Mitarbeiter sind auch fast alle weg. Ich wandere draußen umher und gucke um die Ecke in die Werkstatt. Der Mechaniker schraubt mit der Sorgfalt eines Schweizer Uhrmachers an meiner Maschine. Drei Büro-Mitarbeiter stehen außenrum und beömmeln sich über mein Motorrad, soweit ich das verstehen kann. Ich stelle mich zwanglos dazu und werde direkt eingebunden. Ja, Kurvenfahren macht Spaß. Verdammt schönes Land habt ihr hier übrigens. Ich wohne zurzeit hier und fahre da. Guckmal, diese Pässe habe ich hier im Umland schon gefahren - und alle anderen fahre ich noch. Ja, die Reifen... die werden schon noch zwei Tage und den Rest von heute halten. Nein, die 86000 km sind nicht alle von mir, nur die letzten 83000 - dafür aber auch in nur 6 der 8 Jahre, die dieses Fahrzeug auf der Straße ist. Ich habe auch noch eine Honda. Die zerlegte Honda Dax da hinten, gibt es die auch in Plüsch? ;) Ziemlich genau um 12 ist der Mechaniker fertig.
Endlich fertig - 211 Euro und knappe 2 Stunden kostet es insgesamt - dann bin ich auf meinem eigenen Motorrad wieder unterwegs. Die Wiederbelebung und Genesung meiner Versys muss gefeiert werden. Auch wenn die ABS-Leuchte an bleibt – fahre ich halt ohne ABS, und ein gebrauchter Sensor kostet keine 30 Euro. Auf der erstbesten Passstrecke aus Grenoble hoch in den Vercours schreit sie sich unseren Frust aus dem Auspuff, dass es eine wahre Freude ist. Ich knacke schnell noch zwei Pässe:
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Col de la Croix Perrin, 1222 m, feiner Nebenstreckenspaß

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Champ des Narces, 1380 m, eine echte Rüttelpiste

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Solche Schluchtenstürmerstrecken werfen sich einem im Vercours in den Weg, wenn man einfach nur von A nach B will. Träumchen!
Dann treffe ich Michael und Sebastian am Col de Proncel. Ich komme leider knapp zu spät um Sebastians neusten Umfaller zu bewundern: Er hat auf einem steinigen Weg bei weniger als Schrittgeschwindigkeit gebremst und gelenkt. Dabei hat sich ein Stein unter seinem stehenden Vorderrad verklemmt und wurde 50 cm mitgezogen, bis die Fuhre schließlich umfiel. Sebastian steht daneben und wundert sich. Immerhin: keine Schäden. Sogar die Spiegel sind beide noch dran und noch nicht abvibriert.
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Nur die Kratzspur ist noch zu sehen
Den Rest des Tages fahren wir weiter den Vercours, noch eine Schleife südwestlich und dann östlich zurück. Auf großer Höhe hat man auch gerne mal schöne Aussichten.
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Und mein hinterer Sportreifen wird langsam zum Rennreifen
Später wechseln sich Hauptstrecken und einsamste Hinterwälderwege ab, als wir an der Grenze des Gebirgszuges entlang zickzack fahren. Und plötzlich ist man wieder am Zeltplatz und kann den Tag erneut gemütlich ausklingen lassen. Beim Wetter hatten wir heute Glück. Es regnet zwar vormittags heftig, aber für beide Teile der Gruppe erst 2-5 Minuten nach der eher zufällig terminierten Einkehr in ein Gebäude: Bei Kawasaki meinerseits, und eine Pizzeria bei M+S. Glück ist Pflicht!

Morgen früh reist Sebastian wie geplant ab. Darum kündigt er um 23 Uhr an, er gehe jetzt aufs Klo und packe danach seinen Stuhl zusammen. O-kay? Michael und ich planen noch den nächsten Tag. Ich würde gerne zum Col/Cime de la Bonette, aber Michael weißt mich darauf hin, dass das unpraktisch weit wäre: 355 km ist zu lang für eine Tagestour ohne Autobahn im Urlaub, auch wenn man wirklich dort hin will. Tag 1 waren 370 km und wir waren richtig fertig. Also fahren wir morgen nach Nordosten statt Südosten.

Aber erst darf Michael schildern, wie M+S den Dienstag ohne meine Aufsicht verbracht haben.
Zuletzt geändert von blahwas am 4. Aug 2017 12:51, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Stella Alpina und rund um Grenoble

#16 Beitrag von bdr529 » 3. Aug 2017 23:22

Nachtrag zum Dienstag-Vormittag

Wir fahren heute gemeinsam zu einer freien Werkstatt in einem 10 Kilometer entfernten Nachbarort, der heute wohl endlich wieder seine Pforten öffnen soll. Falls Blahwas hier seine Maschine abgeben kann und keine Leihmaschine verfügbar ist, würden wir ihn zu einem Vermieter bringen. Leider hat die Werkstatt keine Teile auf Lager, kann Blahwas die Adresse eines Kawa-Händlers mitgeben. Blahwas fährt zurück nach Grenoble. Wir vereinbaren, uns südwestlich von Grenoble zu halten, um uns dort mit ihm und seiner dann hoffentlich reparierten Versys wieder zu vereinen.

Wir müssen uns heute leider auf sehr wechselhaftes Wetter am Vormittag einstellen und ziehen das Regenradar zu Rate und planen unsere Route durch das Labyrinth der Regenwolken. Die Wolken hängen tief im Tal, aber es ist warm. Wir fahren erneut an der Bungee-Brücke vorbei, weil die Strecke dort richtig Spaß macht.

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Die Straßen hier sind gut ausgebaut, Verkehr gibt's kaum und die Kurvenradien sind optimal, um viel Spaß zu haben.

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An einem Pass halte ich an einem Café und verständige mich mit tremor, dass wir uns einen Kakao gönnen. Wie sich herausstellen wird, eine gute Entscheidung. Wir parken direkt neben einem Fahrzeug der Gendarmerie und beeilen uns ins Café zu kommen, denn die Regenfront hat uns eingeholt und zeigt, was sie kann. Schon wieder dem Regen knapp entkommen.
Die Preise sind zwar gesalzen, dafür ist es warm und vor allem trocken. Am Nebentisch sitzt eine etwas frustrierte deutsche Urlauberfamilie, die sich das Wetter in Südfrankreich etwas anders vorgestellt hatte. Ich kann sie aber beruhigen, dass sich in einer knappen Stunde der Regen verziehen wird und uns die Sonne wieder ordentlich einheizen wird.

Während der Zwangspause meldet sich Blahwas mit der guten Nachricht, dass seine Maschine gegen Mittag fertig sein wird. Wir vereinbaren einen Treffpunkt in der Mitte und machen uns wieder auf den Weg, nachdem es aufgeklärt ist.

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Wir steuern den Col de Rousset an, den wir diesen Urlaub ja schon einmal gefahren sind. Eine neu asphaltierte Passstraße, die man gar nicht langsam hochfahren kann. 14 Kilometer eine Kurve nach der anderen. Wir fahren die Strecke in angemessenem Tempo bergauf und passieren einige ultraleichte Solarfahrzeuge (sehen aus, wie Liegefahrräder). Deren hervorragende CO2-Bilanz wird von uns allerdings komplett vernichtet. Wir haben ein schlechtes Gewissen - also zumindest glaube ich mich daran erinnern zu können, dass ich während des Überholmanövers vielleicht kurz einen solchen Gedanken hatte. Allerdings verlangt die Straße unsere volle Konzentration. Oben angekommen gönnen wir uns und unseren Moppeds eine Abkühlung. Das Grinsen in unseren Gesichtern lässt sich höchstens noch operativ entfernen.

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Wir fahren zum vereinbarten Treffpunkt und ich halte auf einem asphaltiertem kleinen Weg. Tremor kommt kurz danach, bremst um neben mir zu halten und legt sich überraschend elegant direkt neben mir auf den Asphalt. Ich rätsele allerdings wie er das hinbekommen hat, bei der geringen Geschwindigkeit. Nachdem tremor wieder in der Vertikalen steht, erkennen wir die Ursache: Ein tiefe Kratzspur im Ashalt zeigt auf einen Stein der sich beim Anbremsen unter seinem Vorderrad verkeilt hat, um jeden direkten Kontakt des Gummis zum Asphalt erfolgreich zu unterbinden. Hab' ich auch noch nicht gesehen. Aber nix passiert, allerdings hat Blahwas den Stunt um eine Minute verpasst. Danach geht's gemeinsam weiter.
Zuletzt geändert von bdr529 am 3. Aug 2017 23:22, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Stella Alpina und rund um Grenoble

#17 Beitrag von blahwas » 4. Aug 2017 07:36

Tag 6, Mi, 21.6. Savoien

Morgens ist Sebastian schon weg. Heute fahren wir beide übrigen NRW-Zweizylinder zum Col de la Madelaine. Der ist schön, den mag ich, und auf dem Weg dorthin nehmen wir mit, was wir so finden können. Das wäre als erstes der Col de Glandon (Abstecher) und dann der Col de la Croix de Fer (zu deutsch "Eisenkreuzpass" - total elegant, wa?). An der Passhöhe fährt man schon seit einer halben Stunde durch hochalpines Gebiet mit Blick auf Berge weit jenseits der Baumgrenze rundum. Sehr schön hier. Bis auf Radfahrer ist praktisch kein Verkehr. Zeit für eine Pause, um die Landschaft zu genießen.
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Da könnte man runter fahren, aber wir heute nicht.

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Da könnte man hoch laufen, aber ich nicht.

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Da könnte man einkehren, das machen wir aber nicht noch mal. (Den Regenbogen bekommt man übrigens gratis, wenn man mit beschlagenem Gopro-Gehäuse gegen die Sonne fotografiert.)
Ein kleiner Umweg ist der Col de Mollard. Dann landet man in einem Haupttal, mit Autobahn und Eisenbahn und Verkehr und Hitze, aber aus sämtlichen bisherigen Frankreichurlauben bekannt, daher sind die Erinnerungen daran positiv besetzt. Rechts hoch geht es zum Col du Chaussay - sehr eng und sehr viele Kehren, eigentlich nicht unser Fall, aber sehr gemütlich und putzig. Dazu Kaiserwetter.
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Wärmetauscher als Vorbild?

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Fährt sich gemütlich, so lange nix entgegen kommt – es kam nix.

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Da kann man auch mal einkehren und ein Eis schlabbern.
Dann kommt schon der Col de la Madelaine. Den mag ich. Fast keine engen Kehren, flüssig zu fahren, abwechslungsreich, nur auf der Nordseite vielleicht hier und da etwas schmal. Gemeinsam blasen wir den Pass hoch - nicht ganz so wild wie die Tage zuvor, die Reifen haben ja schon deutlich gelitten. Das merkt auch ein R1-Fahrer bei der Einkehr an. Der hat gut reden und sollte mal vor seiner eigenen Tür kehren: Wenn man sein Gepäck am Minikennzeichenträger abspannt, ist der irgendwann waagrecht, und kurz danach ab. Aber das ist nicht mein Problem – ich habe Urlaub.
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So fahren wir lieber die Nordseite des Passes runter und dann wieder rauf - für uns ist heute hier Sackgasse. Zurück zum Campingplatz geht es natürlich über weitere Passknacker, nämlich Col du Grand Cucheron, Col de Champlaurent, Col du Barrioz und noch vier weitere Richtung Grenoble, die ganz nett und idyllisch sind, aber halt Kuhdörfer und an sich keine Reise wert. Zum Schluss kommt dann noch Autobahn mit Stau bei 36,5°C, wobei hier wie überall in Frankreich das doppelte der Temperatur die Mindestgeschwindigkeit für Motorradfahrer angibt. Wobei hier manche Autofahrer weniger zuvorkommend sind, verglichen mit den Pyrenäen und Cevennen. Mindestens 80% machen aber vorbildlich Platz, egal wie schnell sie selbst schon unterwegs sind.

Am Ende des Fahrtages sind wir einigermaßen platt, vielleicht reichen ja auch fünf Fahrtage dieser Intensität? Unsere Hinterreifen sind ebenfalls am Ende. Michaels hält zwar Luft, hat aber kein Profil mehr in der Mitte. Meiner ist auch eher Slick. Man kann zumindest sehen, dass mal Profil drauf war. Jeden Kieselstein merkt man jetzt direkt in der Linie. Ganz am Rand steht noch Profil. Morgen ist noch ein Fahrtag, dann muss sie nur noch den Anhänger hoch und in Deutschland wieder runter. Zuhause wartet ein zweiter Radsatz mit mehr Profil. Ich fahre immer noch ohne ABS, das macht aber nix - gerade auf holprigem Untergrund macht es die Vorderradbremse berechenbar. Die Hinterradbremse darf man allerdings nur noch vorsichtig antippen, sonst rattert es im Gebälk und man kommt quer. Das kann man sicher auch perfektionieren, damit fange ich aber nicht mehr in diesem Urlaub an, auf Strecken ohne Randsicherung die mehrere Stunden vom nächsten Krankenhaus entfernt sind.

Am Zeltplatz gibt es heute zur Abwechslung mal eine mobile Pizzeria. Man bestellt was man haben will und bekommt eine Uhrzeit gesagt, zu der man abholen kann. Wir machen es uns am Pavillon in unseren Gartenstühlen bequem und gucken der Animateurin der Kinderdisco beim Tanzen zu – zumindest ich. Die offensichtliche Gelegenheit sich zu blamieren lasse ich heute mal aus, ich bin ja noch nicht mal umgefallen bisher.

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Re: Stella Alpina und rund um Grenoble

#18 Beitrag von Theo » 4. Aug 2017 11:40

Suuuuper Reisebericht! :clap: :clap: :clap:

Man fühlt sich beim Lesen als wäre man dabei.

Klasse! :respekt:
Viele Grüße!
Theo

Es ist halt alles relativ...

Meine NC700X schluckt im DurchschnittBild

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Re: Stella Alpina und rund um Grenoble

#19 Beitrag von Krid » 4. Aug 2017 12:02

Respekt!
Die Reisestory ist supertoll rübergebracht, schöne Bilder.
Beim Lesen ist man tatsächlich ein wenig dabei... - macht heftig Reiselust!
Bild Gruß von Dirk Bild

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Re: Stella Alpina und rund um Grenoble

#20 Beitrag von blahwas » 6. Aug 2017 10:30

Tag 7, Do, 22.6. Südlich, halb links und ganz nach oben

Ich mag ja gerne den Col de Bonette. Bisher konnte ich aber niemanden motivieren, die lange Strecke auf sich zu nehmen (ca. 360 km für eine Rundtour). Michaels Hinterreifen ist völlig fertig und fährt sich bereits problematisch. Ich will aber! Daher einigen wir uns, dass wir zunächst eine gemeinsame Tour nach Süden fahren bis knapp vor Gap.

Wir starten bereits um 8 Uhr, der Himmel ist noch mit Hochnebel verhangen. Es regiert das grau. Erst knapp vorm Col du Noyer öffnet sich der Dunst und gibt den Blick frei auf eine Bergkette vor blauem Himmel, während man sich hoch schraubt, und von oben einen Blick über das Tal, das jetzt plötzlich auch im Sonnenschein liegt. Für mich sehr ergreifend, für Michael eher kalt – der hat halt keine Membran drunter.
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Endlich Wetter!
Wir fahren weiter zum schönen Col de Moissière. Dort trennen sich unsere Wege: Ich fahre weiter nach Süden zum Bonette, er humpelt zurück zum Campingplatz. Als er ankommt guckt bereits Gewebe raus. Auch bei mir ist 0,0 mm angesagt, und damit Schongang: Nur noch halbe Höchstdrehzahl und nur noch 1/3 Gas. Macht zusammen ca. 20 PS und damit übrigens die Hälfte der in diesem Jahr neuen Versys-X 300, die von allen Seiten wegen ihrer 40 PS belächelt wird. Mal sehen, wie der Tag wird.

Um es kurz zu machen: Ich bin jeden Berg hoch und runter gekommen, und mich hat heute niemand überholt. Die restliche Reise übrigens auch nicht. Von den (für mich) fünf Kernaktivitäten einer Motorradreise, Natur und Landschaft gucken, Kurven genießen, neue Orte entdecken, Gemeinschaft erleben und Längsdynamik (wie irre beschleunigen und bremsen) kann ich so immerhin noch vier ausführen. Das ist mehr als auf einer Hausstreckenrunde daheim. Und das Kurvenfahrverhalten war weiterhin neutral. Man könnte fast meinen, der BT016 Pro funktioniert auch als Slick. So richtig wissen will ich es allerdings nicht, denn ich habe mir bereits 2007 mit einem abgefahrenen Hinterreifen ordentlich weh getan, und zwar mit Langzeitfolgen im rechten Knie bis heute. Das war allerdings ein Metzeler Lasertec, und damit der letzte Schrei von 1986. Aber zurück zu heute, ich fahre zum Col de la Bonette!

Um Stadtdurchfahrten zu vermeiden und etwas Abwechslung zwischen die Bundesstraßen zu bringen nutze ich den Col den Pontis (enge Kehren, tolle Aussicht). Dann wieder Bundesstraßen, und schließlich endlich rechts ab zum Col de la Bonette. Die Auffahrt zum Bonette ist sehr nett (der musste jetzt sein). Man fährt dauernd auf sehr hohe Gebirgsketten zu, oder zwischen welchen durch. Gerne auch mal ein See dazu. Das ganze bei Kaiserwetter - Sebastian mit seiner anscheinend Regen anziehenden Lederkombi ist ja nicht mehr dabei. Beispiele gefällig?
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Blick vom Col du Pontis auf den Lac de Serre Poncon

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Auffahrt zum Col de la Bonette

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Blick vom Col de la Bonette auf den „Abgrund nach oben“, den Cime de la Bonette. Da wächst nicht mal mehr Gras.

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Aussicht vom Cime de la Bonette auf einen Schotterweg, den Col de la Moutieres
Neben Col de la Bonette und Cime de la Bonette fahre ich heute für mich erstmalig den Col de la Moutieres. Der geht von Norden gesehen knapp 2 km vor dem Col de la Bonette rechts ab und ist nicht ausgeschildert. Zunächst ist es ein Schotterweg in idyllischer Landschaft.
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Das sieht ja harmlos aus
Dann kommt eine Kreuzung, und linksrum geht es zur Passhöhe. Hier geht es nach Süden, und hier ist wieder Asphalt. Ich will aber nach Westen, also zurück zur Kreuzung, kurz mit zwei Erlangern am Bunkereingang schnacken und dann links ab. Der Weg wird schnell sehr steinig mit laufendem Wasser, und später nur noch steinig. Obwohl es nicht sehr steil ist, ist das für mich schwerer zu fahren als der Col de Sommeiller vom Samstag. Anhalten erfordert jedenfalls Planung, denn die Reifen halten zwar halbwegs auf den Steinen, aber die Steine nicht auf dem Boden.
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Wie so viele war auch dieser Pass militärisch relevant

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schöne Aussicht – immer dieses Tal runter

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Das sieht weniger harmlos aus

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Das Profil sieht wenig geeignet aus

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Nicht ganz in ihrem Element, aber überall zuhause: Versys eben.

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Nach Westen abwärts für meinen Geschmack zu steinig, dafür aber idyllisch
So rolle ich im ersten und zweiten Gang bei Standgas ca. 7 km weit bergab, was gut eine halbe Stunde dauert und ziemlich anstrengend ist – warm ist es inzwischen auch. Als ich endlich die Straße erreiche bin ich jedenfalls sehr erleichtert. Für mich schwerer zu befahren als der Col de Sommeiller wegen der vielen losen Steine.

Von hier geht es per Navi zum Campingplatz zurück, aber gerne mit kleinen Abstechern auf umliegende Passhöhen. Da wäre zunächst der Col de la Cayolle – sehr schön zu fahren und mit lecker Aussicht. Auf den folgenden Col d’Allos verzichte ich gerne - die Nordseite habe ich noch als eng und holprig in Erinnerung. Es geht die D902 Richtung Westen – und die ist auch nett zu befahren, so in der Schlucht, mit wenig Verkehr und tollem Belag. Der Abzweig zum Col St-Jean Richtung Montclar ist fahrerisch nix zwar aufregendes, aber eine Abwechslung, und er liefert aber eine prima Aussicht auf den Lac de Serre-Poncon, jetzt von der anderen Seite.
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Auch Richtung Norden nutze ich wieder mal Passknackerpunkte: Col Lebraut (gut), Col de Manse (okay) und Col Bayard (reine Hauptstrecke). Ich bin zwar immer noch nicht richtig platt, werde am Ende aber gut 400 km auf der Uhr haben, und mein Hinterreifen ist eine Einladung zum Knöllchen schreiben. Daher verzichte ich gegen Ende auf weitere Umwege, obwohl da noch vier ungeknackte Punkte eng bei einander südlich von La Mure liegen würden…
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Und auch diesen 570 PS-McLaren versuche ich heute mal nicht zu überholen, sein Kurventempo war durchaus beachtlich – außer bei Gegenverkehr natürlich, wegen der Breite. Aber nett anzusehen und ein Gentleman am Steuer
Zurück am Campingplatz ist Michael natürlich schon da. Wir sind richtig happy, dass alles gelungen und gut gelaufen ist. Michael hat bereits aufgeladen, die Versys kommt hinterher. Damit steht sie andersrum am Campingplatz als die Tage zuvor und prompt werden wir angesprochen, wo denn das rote Motorrad herkommt - das waren doch bisher zwei blaue? Tja, mein Motorrad bricht eben mit etablierten Sehgewohnheiten. In diesem Reisebericht übrigens noch viel mehr. Es gibt noch ein letztes Abendessen im Restaurant des Campingplatzes, sogar mit Freigetränk zum Abschied. Wir lassen den Urlaub gediegen ausklingen.

Bonus: Meine Route des Tages
Zuletzt geändert von blahwas am 5. Sep 2017 22:53, insgesamt 3-mal geändert.

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