Du weisst erst, dass sie Dich liebt, wenn Dir der Arsch blutet - 2600 Kilometer auf der kleinen Versys in zehn Tagen.

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Heiliggeist
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Du weisst erst, dass sie Dich liebt, wenn Dir der Arsch blutet - 2600 Kilometer auf der kleinen Versys in zehn Tagen.

#1 Beitrag von Heiliggeist » 5. Okt 2019 00:00

So Hallo,

ich lese hier gerne die Reiseberichte und hab lange überlegt, ob ich nicht auch mal einen schreiben soll, habs bisher aber nicht gemacht, weil ich keine bzw. Fotos habe, von denen ich aber nicht mehr ganz genau zusammen bekomme, wo ich sie gemacht habe und Ihr doch alle gerne Fotos haben wollt. Trotzdem will ich es hier mal schreiben, und sei es nur, um endgültig alle Vorurteile gegen die zu harte Sitzbank der 300er Versys zu bestätigen und alle Gerüchte zu zerstreuen, dass man mit ihr nicht lange Autobahnetappen fahren kann. Dabei werde ich sporadisch einfach ein paar Fotos einstreuen, die ich auf der Reise gemacht habe, ihr könnt euch ja dann selber denken, wieso das und nichts anderes - ich gehöre halt geistig immer noch den 80ern an. Da kostete jedes Foto Geld, und man zückte damals einfach nicht da Handy und knipste los. Das habe ich immer noch nicht aus mir raus, und das spart ja auch sinnlos verschleuderten Cloud - Speicherplatz und schadet deshalb dem Klima nicht.

Ach ja, bevor einer kommt und sich daran stört, dass man das Kennzeichen sieht: das ist völlig egal, weil sie mir DIESES Kennzeichen genau auf der Rückfahrt von diesem Urlaub geklaut haben. Ich hab mittlerweile ein neues und seither drei Vorladungen wegen Verdacht des Tankbetruges. Wenn Ihr also die Information um dieses Kennzeichen nutzen wollt, um eine Straftat zu begehen: bitteschön, mein Kreuz ist breit, und vielleicht schaffen wir ja zusammen das Dutzend!

Die Ausgangssituation:

Ich hatte einen richtig besch… April und Mai. Jobmässig. Ich weiss nicht, ob Ihr das kennt und wisst, was es heisst, wenn ein Controlling - Klugscheisser kommt und "Umstrukturierung" brüllt. Gottseidank waren Entlassungen kein Thema, aber ich war in so einer Situation, wo ich am Scheideweg stand und mich entscheiden sollte, die linke oder die rechte Tür zur Hölle zu betreten. Sicher war allein dass ich da, wo ich glücklich war, nicht bleiben konnte/durfte.
Also richtig miese Stimmung, auch Zuhause, denn so etwas überträgt sich ja sofort, und irgendwann hatte die Frau die Schnauze voll - Christi Himmelfahrt stand vor der Tür, da hatte ich sowieso zwei Wochen Urlaub geplant, die ich eigentlich zu Hause verbringen wollte. Sie aber meinte, mit meiner schlechten Laune würde ich die Stimmung zu Hause nur vergiften, und entweder ich führe jetzt endlich 10 Tage weg, oder sie geht in dauerhaften Urlaub.

"Und nimm ja nicht das Auto, das brauch ich nämlich!"

Na gut, wenn sie mich zwingt, dann eben die kleine Versys. Die BMW war, wieder mal, nicht einsatzfähig.
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Die äußeren Zwänge:

Jedes Jahr Himmelfahrt treffen sich in unserer Familie die Cousinen und Cousins an der Nordsee. Nachdem wir alle auf der jeweiligen Beerdigung der eigenen und der fremden Eltern waren, haben wir nach dem Tod der letzten Eltern beschlossen, uns einmal im Jahr zu einem fröhlichen Beisammensein zu treffen, bevor die Zeit anfängt, in der unsere Kinder uns zu der jeweils eigenen Beerdigung einladen. Diese Treffen sind mal schön, mal langweilig, dieses Jahr eher nervig, weil ich eigentlich mehr mit mir und meinem Leben zu tun hatte, aber darauf nimmt die Familie keine Rücksicht: also los, Himmelfahrt von Essen bis nach Jever auf der kleinen Versys, schnuppige 400 Kilometer Landstraße, das hat richtig Spaß gemacht. Aber schon da war klar: mehr als 6 Stunden auf dieser Bank - vergiss es. Dachte ich beim Kauf noch, ich bezwänge diesen Hobel, muss ich sagen: nein, das kann ich nicht. Diese Bank ist zu hart für mich, und nächstes Jahr muss ich mir was neues einfallen lassen.

Das Wochenende war, wie sie halt sind, diese Familienwochenenden. Anstrengend, aber Rühr- und Bierselig, und Samstag hatte ich die Schnauze voll. Außerdem hatte ich meiner Schwester versprochen, ihre Wohnung in der Schweiz zu sitten, während sie eine Woche später mit ihrem Mann im Urlaub ist. Respektive: sie hat mir erlaubt, ihre Wohnung zu hüten und sich bereit erklärt, mein Gepäck von diesem Treffen an der Nordsee in ihrem kleinen Auto bis an den Bodensee in der Schweiz zu fahren, so dass ich die Strecke Jever - St. Gallen ohne großes Gepäck fahren durfte.
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Aber die knapp 800 Kilometer waren mir zu weit, also haben wir beschlossen, in Würzburg eine Pause von Samstag auf Sonntag einzulegen.

Und ich kann euch sagen - die kleine Versys ist Vollgasfest. Die knapp 600 Kilometer Jever - Würzburg hat sie anstandslos auf den verschiedenen Autobahnen teils über 45 Minuten mit Vollgas absolviert, ohne zu klagen. Aber mehr als 45 Minuten am Stück, das ging leider nicht. Denn die Bank ist hart, ist hart, ist hart, und mehr als eine Stunde am Stück habe ich es nach 300 Kilometern einfach nicht mehr ausgehalten.

Dabei aber, wieder einmal, gemerkt, wie toll es ist, Moped zu fahren: irgendwann ab Kassel war mein Arsch genau so wund wie der eines Zahnwalts, der mir mit einer Harley entweder voraus oder hinterher gefahren ist. Er wollte noch weiter bis ins Schwäbische (Biberach), und weil wir ständig an derselben Raste gehalten und getankt haben (dieses Tanken war eher ein Alibi - Tanken, eigentlich ging es uns darum, unsere Rosetten zu kühlen, auch wenn wir das nicht zugegeben haben), haben wir irgendwann zusammen geraucht und uns bis Würzburg prächtig unterhalten. Wenn wir nicht feige Männer gewesen wären, hätten wir wahrscheinlich Adressen ausgetauscht und uns heimlich - verstohlene Liebesemails geschrieben. So aber haben wir uns als Männer gezeigt, die es nicht geschafft haben, die Kluft zwischen einer Harley und der kleinsten Reiseenduro von Kawasaki zu überspringen, obwohl uns beiden der Arsch nässte. Das hätte eine feuchte Freundschaft fürs Leben werden können - aber wir haben uns ab Würzburg getrennt und gehen seither jeder seinen eigenen Weg. Schade - und hey, junger Zahnriemen - Padawan, wenn Du das hier liesst: hinterlass mir eine Nachricht, ich würde Dich gerne nochmal besuchen und Dir meine Schwächen eingestehen.

Zweiter Tag: Würzburg - Tübingen - St. Gallen

Den Trennungsschmerz von meinem Harley - Freund haben meine Schwester und ich in Würzburg - es war Weinfest - mir einigem Alkohol verstoffwechselt, und zum ersten mal war in den letzten Wochen auch mein Arbeitsärger nicht nur weg, sondern quasi nicht existent: Alkohol ist eine Lösung, nur eben keine dauerhafte.
Denn die Probleme kommen alle wieder, und das schon am nächsten Tag. Eigentlich war ja geplant, früh aufzustehen und die gesamte Strecke Würzburg - St. Gallen Landstraße zu fahren. Sieben Uhr aufstehen, frühstücken, auf den Bock und dann die romantische Straße runter, bis es günstiger ist, irgendwann nach rechts in Richtung Bodensee abzubiegen. Eigentlich.

Aber wenn du erst um elf aufsteht, auf den Wecker schaust und "Scheisse" brüllst, denkst Du in der Dusche über eine Alternativlösung nach. Okay, meine geographischen Kenntnisse sind schlecht, aber bis Ulm auffer Autobahn und ab da Landstraße müsste doch eigentlich passen. Nach der Dusche eben auf Google-Maps geschaut - jau, das könnte passen. Doch dann das Frühstück. Bei jedem Stück Brot kommt eine Erinnerung an den Wein wieder hoch. Von Ulm bis zum See und dann noch einmal rechts rum bis nach St. Gallen - das schaffst Du nie. Denn das Stück ab Lindau, das kann sich ganz schön ziehen, und das Stück bis Lindau sowieso. Ein Alternativplan muss her.

"Fährste mir halt auf der Autobahn hinterher", meint meine Schwester, immer noch mein Gepäck in ihrem Polo, "haste ja gestern auch gemacht."

Aber da sträubt sich alles in mir. Wo kommen wir denn da hin, wenn ich ganz Deutschland nur auf der Autobahn durchfahre? Jede Saga braucht ihre Heldengeschichte, und meine soll darin bestehen, 1000 Kilometer deutsche Autobahn mit zwei Zylindern und 40 PS ohne Gepäck am Stück gefahren zu sein? Das ist keine Heldengeschichte, das sind die langweiligen Stories, die unsere Opas uns vom Aufbau der BRD erzählt haben.

Und da sehe ich es plötzlich, in dem zerlaufenden Spiegelei auf meinem Teller, quasi ein Cholesterin - Orakel: "Fähre Friedrichshafen".

"Bitte?" raunzt es aus der schwerschädeligen Ecke meiner nicht minder verkaterten Schwester, die die Aussicht hat, in ihrem weitgehend selbstfahrenden Auto mit Abstandshalter und allem Zipp und Zapp die nächsten 500 Kilometer nicht denken zu müssen. "Wie willste denn da hinkommen?"

In meinem geistigen Auge wächst eine Route: Autobahn bis Tübingen, ab da die Schwäbische Alb runter bis zum Bodensee und dann die Fähre bis Rohrschacht, die gar nicht in Rohrschacht hält, sondern in Romanshorn. Aber das ist ja auch egal, Hauptsache ich muss den See nicht umfahren mit meinem Schädel.

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"Na, wenn Du meinst", meint meine Schwester, "wenn Du es nicht schaffst, rufe ich Deine Frau an und sage Ihr, dass Du sie geliebt hast. Ansonsten sehen wir uns um acht in St. Gallen.

Die folgenden knapp 120 Kilometer Autobahn bis kurz vor Tübingen - langweilig und keiner weiteren Erwähnung wert. Außer vielleicht, dass der Hintern sich fragt, wieso er jetzt zum vierten Tag in Folge auf diesem Folterinstrument sitzen soll, und direkt von der ersten Minute an moppert. Scheissegal, da muss er durch, der dritte Tag ist immer der schlimmste. Beim Rauchen - Aufhören, nach einer Operation und eben auch beim Einreiten einer kleinen Versys. Dachte ich.

Kurz hinter Stuttgart staut sich auf der Autobahn erstmals der Verkehr und die Sonne brennt. Ich habe keinen Bock auf weiteres Stehen und fahre irgendwo zwischen Tübingen und Stuttgart raus. Rauche mir eine, programmiere das Navi nunmehr auf "Autobahnen vermeiden" und fahre einfach gen Süden.

Herrlich. Schwäbische Alb, 25 Grad, der Arsch ist für diesen Tag eingefahren und das Wetter mit 25 Grad ideal. Ich gerate in den Flow, in dem man nur noch Kurvenlage ist und das motorradmäßige Nirvana erreicht. Aber an und an zuckt es doch aus dem Gesäß und ich muss Pause machen. Kurz vor Ravensburg will der Hintern kürzere Intervalle als 60 Minuten - mehr als 45 MInuten geht einfach nicht mehr und mit meditativer Kurvenfahrt ist auch nichts mehr. Während am Horizont die Alpen auftauchen und ich eigentlich überwältigt sein sollte, drängen sich negative Gedanken daran, was ich an meiner alten Stelle und meinen alten Kollegen hatte, in den Vordergrund und wie doof es sein wird, entweder das eine oder das andere machen zu müssen, was ich nicht will. Ich verdrücke unter dem Helm die ein- oder andere Träne über verpasste Chancen und darüber, dass ich es in meinem Leben zu nichts mehr gebracht habe als einer Depression auf 40 japanischen Ps aus einem 300 ccm Twin - getreu dem alten Eric - Burdon - Motto: "When i think of all the good times thats been wasted, having good times".
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Als ich die Fähre Friedrichshafen - Romanshorn befahre, bin ich also auf einem emotionalen Tiefpunkt. Bereit, ins Wasser zu gehen, wenn ich wüsste, dass sich am anderen Ufer einer findet, der sich meiner kleinen Versys annimmt. Da fand sich aber keiner, also habe ich durchgehalten. Und wenn einer aus der 1200er Gs - Fraktion, die Zuhauf auf dieser Fähre versammelt waren, kam, und fragte, warum ich so verheult aussehe, habe ich einmal auf meine Sitzbank geschaut und meinen Schmerz auf ihre Härte geschoben. Das haben die Jungs verstanden und sind gegangen - so hat die kleine dann am Ende meine Würde bewahrt. Durch die Härte ihrer Bank. Das werde ich ihr nie vergessen. Und trotzdem im nächsten Jahr über eine neue Nachdenken.

Still und in tiefer Trauer über meine verkrachte Existenz schippern wir also gen Schweiz. Vielleicht finde ich ja dort meinen Frieden.

- Fortsetzung folgt -

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Re: Du weisst erst, dass sie Dich liebt, wenn Dir der Arsch blutet - 2600 Kilometer auf der kleinen Versys in zehn Tagen

#2 Beitrag von KWB1266 » 5. Okt 2019 00:31

:clap: :clap: :clap:
...bis jetzt Spitze :respekt: :top:

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Re: Du weisst erst, dass sie Dich liebt, wenn Dir der Arsch blutet - 2600 Kilometer auf der kleinen Versys in zehn Tagen

#3 Beitrag von Kawamane » 5. Okt 2019 07:46

Ein herrlicher Bericht,klasse .So eine Tour würde ich auch gern fahren.Bin sehr auf die Fortsetzung gespannt ! Die Vollgasfestigkeit kann ich seit meinem Ostfrieslandurlaub auch bestätigen,fuhr auch etwa 45min. jenseits der 10.000.Wobei ich meine,das die Kleine dann wieder ruhiger,runder läuft.Es macht auch einen großen Unterschied,ob man in Jeans oder Motorradhose fährt.In Jeans gebe ich auch nach einer knappen Stunde auf.Daher denke ich,das eine leichte Schaumstoffunterfütterung der Bank ausreichen würde um den Komfort enorm zu steigern.Aber eine zu harte Sitzbank ist mir allemal lieber,als eine weiche die schnell durchgesessen ist und noch mehr Schmerz verursacht.....wenn ich da so an meinen Kymco XTown denke :roll: .Die hab ich härter machen lassen.Freue mich sehr auf den weiteren Bericht !
Gruß Martin
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Re: Du weisst erst, dass sie Dich liebt, wenn Dir der Arsch blutet - 2600 Kilometer auf der kleinen Versys in zehn Tagen

#4 Beitrag von LS68 » 5. Okt 2019 08:09

das klingt schon masochistisch sich mit so einer blöden Sitzbank zu quälen. Dafür gibt es gute Sitzbankbezieher. In Solingen gibt es einen.

Dann fährst du mehrere Stunden am Stück ohne Probleme. Also es gibt Probleme die man sehr schnell lösen kann. :)

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Re: Du weisst erst, dass sie Dich liebt, wenn Dir der Arsch blutet - 2600 Kilometer auf der kleinen Versys in zehn Tagen

#5 Beitrag von frieda » 5. Okt 2019 08:22

:clap: :top: :respekt:

Toll geschrieben, wir freuen uns auf die Fortsetzung. :o








Je kleiner, je schlechter sitzen, je älter, desto Abenteuer. ;)
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Re: Du weisst erst, dass sie Dich liebt, wenn Dir der Arsch blutet - 2600 Kilometer auf der kleinen Versys in zehn Tagen

#6 Beitrag von andre » 5. Okt 2019 08:35

Ja, ist definitiv Mal was anderes zu lesen. Freue mich auch auf die Fortsetzung
...die einen kennen mich, die anderen können mich...

aktuelles Motorrad:
Kawasaki Z1000SX, aktuell bei der Erstinspektion 😊
davor unter anderem drei Kawasaki Versys 650, insgesamt über 70 TKM gefahren


Gesamt gefahren mit allen Motorrädern über 250 TKM...

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Re: Du weisst erst, dass sie Dich liebt, wenn Dir der Arsch blutet - 2600 Kilometer auf der kleinen Versys in zehn Tagen

#7 Beitrag von fransjup » 5. Okt 2019 10:57

Moin Heiliggeist
Motorad fahren öffnet den Blickwinkel in andere Richtungen. Gut so
Es kommen auch wieder bessere Zeiten
Bin auf die Fortsetzung gespannt
gruß fransjup

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Re: Du weisst erst, dass sie Dich liebt, wenn Dir der Arsch blutet - 2600 Kilometer auf der kleinen Versys in zehn Tagen

#8 Beitrag von Sorro » 5. Okt 2019 14:45

Super Bericht bis hierher, Heiliggeist, bin auf die Fortsetzung gespannt!!! Und lass dich nicht unterkriegen, es geht immer irgendwo ne Tür neu auf (ich weiß, blödes Gelaber, das man in der Situation nicht hören will, aber irgendwie stimmt es doch meistens :kuscheln: )

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Re: Du weisst erst, dass sie Dich liebt, wenn Dir der Arsch blutet - 2600 Kilometer auf der kleinen Versys in zehn Tagen

#9 Beitrag von Ast » 5. Okt 2019 15:49

Das "Problem" mit der harten Sitzbank bei der 300er habe ich für mich durch Kauf einer - ja durchaus entwürdigenden, aber wirkungsvollen - gepolsterten Fahrradunterhose (Decathlon <10€) gelöst. Unter der Tourenhose fällt das eh nicht auf und erhöht die "Reichweite" um geschätzt 150km.
Auf deiner Tour wünsche ich dir trotz aller externen Widrigkeiten maximalen Erkenntnisgewinn und, darauf kommt's ja schließlich auch an, Fahrfreude.
Moppedfahren ist das beste, was ich zum Streßabbau machen kann.
3 bis 11 -> Versys
12 bis 2 -> S51 electronic
Auf jeden Fall immergrün :dance:

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Re: Du weisst erst, dass sie Dich liebt, wenn Dir der Arsch blutet - 2600 Kilometer auf der kleinen Versys in zehn Tagen

#10 Beitrag von Friesländer » 5. Okt 2019 16:24

;) Alter Schwede Heiliggeist,

schrei mal inne Walachutten raus, hau Dir rechts und links paar anne Ohren und rappel Dich wieder auf!
Dein 2. Absatz und der letzte Satz lesen sich ja Schiete... aber zwischendurch musste ich herzhaft lachen, verdrück die Blasen an Deinem Mors und weiter geht's.
... leben und leben lassen :top:
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Re: Du weisst erst, dass sie Dich liebt, wenn Dir der Arsch blutet - 2600 Kilometer auf der kleinen Versys in zehn Tagen

#11 Beitrag von Maler » 5. Okt 2019 17:14

2600 Kilometer in 10 Tagen alias Totentanz der Hämorrhoiden. :D :top: :respekt:

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Re: Du weisst erst, dass sie Dich liebt, wenn Dir der Arsch blutet - 2600 Kilometer auf der kleinen Versys in zehn Tagen

#12 Beitrag von Heiliggeist » 5. Okt 2019 19:38

Teil 2 - Ziemlich teure Tage in der Schweiz -

So setzt die Fähre mich also irgendwann in der Schweiz ab - und wie das so ist, als großer Bruder, reisse ich mich zusammen. Doch die erste Krise lässt nicht lange auf sich warten: wo parkst Du in der Schweiz dein Möp? Wenn ich meine Schwester bislang besucht habe, habe ich es einfach vor ihrer Haustüre abgestellt, da ist ein planierter Vorgarten und es hat noch nie einen gestört, wenn ich da geparkt habe. Heuer aber sanieren sie die Straße, und ich habe keine direkte Zufahrt aufs Grundstück. Ich müsste mehrere hundert Meter über den Bürgersteig fahren, und wenn ich von der Schweiz eines weiss: mit Verkehrssündern sind sie gnadenlos. Also lasse ich das lieber.

Jetzt darf man Mopeds in der Schweiz aber nicht einfach so rumstehen lassen, das geht nur auf besonderen Stellplätzen, und in der Nähe meiner Schwester ist kein solcher. Fast 20 Minuten kurve ich um die Wohnung meiner Schwester rum und finde nichts, an dem ich das Ding verstecken könnte. Aber ich muss sowieso tanken, und an der Tanke frage ich den Tankwart, wo ich sie parken kann. Weiss er auch nicht. Aber wenn ich will und ihm zwanzig Franken gebe, darf ich sie bei ihm stehen lassen. So zurückhaltend sie sind, so distanzlos können die Eidgenossen sein, wenn sie ein Geschäft wittern. Mürrisch stimme ich ein, handele aber einen Exklusivparkplatz neben dem Ballfangzaun im Fokus seiner Überwachungskamera aus, man weiss ja nie. Ist gebongt, für 40 Franken habe ich einen Stellplatz für eine Woche (den ich, wie gleich zu zeigen sein wird, nicht brauchen werde) und die Versys 14 Liter E10 getankt. Mehr kriegt sie nicht. Ist ja keine Italienerin.
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Der weitere Verlauf des Abends ist ganz okay - mit meiner Schwester und ihrem Mann spiele ich Skat, reihe mich irgendwo in der Mitte ein und wir beschließen beide, es für heute abend gut sein zu lassen mit vergorenem Fruchtzucker - ich hatte den beiden versprochen, sie mit dem kleinen Polo meiner Schwester nach Zürich zum Flughafen zu fahren. Der Zugverkehr in der Schweiz ist zwar gut, um nicht zu sagen: exzellent. Aber sie ist eine Teutonin und er ein Italiener. Wir fahren Zug nicht, weil wir es doof finden, die fahren nicht mit dem Zug, weil der Zug nicht fährt, wenn er fahren soll. Wie auch immer: morgen um halb elf ist Zürich angesagt, und in der Schweiz ist ja strikte Steuerdisziplin angesagt. Geplant war, diesen Tag als Erholungstag vom Mopedfahren zu nehmen und dann von St. Gallen aus Sternfahrten zu machen. Das hat sich ein wenig zerschlagen, doch dazu gleich.
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Also stehen wir morgens um sechs auf, machen, was man in einer 45 Quadratmeter - Wohnung morgens zu dritt machen kann, wenn man sich ein Badezimmer teilen muss und wir sitzen pünktlich in Richtung Zürich in ihrem Schrottpolo. Der gar nicht schrottig ist, weil er erst ein Jahr alt ist, aber so viel Geld für so wenig Auto - ich weiss ja nicht. Meins wäre es nicht gewesen.

Ihr Mann ist Italiener, und während wir mit sklavischen 120 km/h über die Schweizerische A1 schleichen, redet meine Schwester mir ins Gewissen:

"Du benimmst Dich wie eine Diva - jetzt hast Du lange genug geheult, jetzt wird es Zeit, dass Du Dich wieder normal benimmst und was aus Dir machst."
"Ja was, denn?"
"Keine Ahnung was. Aber von einer Woche rumsitzen und auf das Appenzell schauen wirds auch nicht besser."
"Ich dachte, ich soll auf Deine Wohnung aufpassen?"
"Alter, das hier ist die Schweiz. Kriminelle gibt es hier nicht - da passt nicht Du auf die Wohnung, da passt die Wohnung auf Dich auf!"

Und so grübele ich über die Perspektiven der nächsten Woche nach, bis zum ersten mal der Züricher Flughafen ausgeschildert wird - da erwacht in mir der 15-jährige Junge, jedesmal, wenn ich "Zurich - Kloten" lese, bekomme ich touretteartige Ausfälle.

Als ich einenihalb Stunden später ihrem Flieger in Richtung Istanbul nachschaue, beschließe ich, dass sie recht hat. Was soll ich mit Sternfahrten in St. Gallen. Auf der einen Seite ist Wasser, auf der anderen das Appenzell ("Appenzell - Innerhoden" bzw. "Apenzell - Außerhoden" - das Pubertier bäumt sich in mir wieder auf und ich bekomme einen inneren Lachanfall), durch das ich schon tausendmal gefahren bin. Lass mal lieber dahin fahren, wo ich noch nicht gewesen bin, aber immer mal gerne hinwollte. Doch wohin?

Tag vier: St. Gallen - Liechtenstein - Davos

Wieder in der Wohnung meiner Schwester: den zweiten Abend ohne Alkohol, dafür vor dem Tablett und ein Ziel ausgesucht, in das ich fahren will. Die Schweiz liegt virtuell vor mir, und das Pendel schlägt nicht nach Westen, sondern nach Süden. Wo findet man hier wohl am besten Heilung von der Melancholie - als glühendem Verehrer von Thomas Mann fällt mir nur ein Ziel ein: Davos. Bekanntermaßen liegt der Zauberberg in der nähe, wer weiss, vielleicht wird's ja da was mit gesund werden. Eben noch schnell auf die Tankuhr meiner Kreditkarte geschaut: ja, so drei bis vier Tage Schweiz sind noch drin (was heisst, dass sie quasi jungfräulich ist) und über ein einschlägiges Buchungsportal im Internet schnell noch eine Pension gebucht (150 Franken für zwei Sterne in Klosters-Serneus. Davos selbst ist unbezahlbar, selbst im Sommer).

Am nächsten Morgen also los auf den Bock. Ich wähle das Konzept: nur Tankrucksack. Wie gesagt, mehr als vier Tage will ich eh nicht fahren, weil ich sie am Freitag abend schon wieder in Zürich abholen muss, die beiden, und was braucht der Mensch an vier Tagen, wenn er vorhat, nur in Hotels zu schlafen: vier Unterhosen, vier paar Socken, ein bisschen was zur rudimentären Gesichtspflege, eine Hose, vier T-Shirts, ein paar Schuhe und ein Geldbeutel. Passt alles in den Polo - Tankrucksack. Es soll nicht bei Davos bleiben, ich muss irgendwie Italien sehen, so viel weiss ich, auch wenn ich nicht weiss, was davon. Aber in Italien wird's mir gut gehen, das ist sicher, und da brauche ich ende Mai nicht mehr als ein paar alte Chucks, die ich meiner Schwester aus dem Schrank klaue. Die hat schließlich in ihren Punkertagen auch immer meine Hosen geklaut, und was sie nicht weiss, macht sie nicht heiss.
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Die Fahrt nach Davos durchs Appenzell - Bombe. Ich bin immer wieder erstaunt, dass man in St. Gallen nur über den Berg fahren muss, und man ist mitten im tiefsten Heidiland. Vorher urbanes Leben, plötzlich geschlossener Genpool, in dem Stammbäume eher so was sind wie Baumringe. Das Garmin ist erstmal auf Liechtenstein gestellt, und zwar im "so viel Kurven wie geht Modus". Das machen Sie, finde ich, bei Garmin ganz gut, diesen Modus, man kann wirklich was erleben. Und solange ich mich mehr oder weniger am Fuß der Alpen aufhalte, muss man schon das System nach Kurven suchen lassen, wenn man ortsunkundig ist und sich kurz entschlossen hat. Später, wenn es den Berg raufgeht, dann sind Kurven abseits der Autobahn ja ein Selbstläufer.
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In Liechtenstein erster Stop - bei McDonalds. Wirklich ansprechende Lokalitäten habe ich auf dem Weg nicht gefunden, und McDonalds schmeckt immer gleich fad. Und macht den Bauch voll. Ausserdem muss ich ja immer noch auch ein bisschen auf meinen Geldbeutel achten: 3,60 Franken für einen Hamburger, das ist mal ne Ansage. Das karge Mahl kostet insgesamt 20 Franken, davon bekomme ich beim großen M in Deutschland die ganze Horde satt. Ich beschließe, auf Selbstversorgung umzustellen, soweit es geht, und steuere denn nächsten Spar - Markt an, den ich finden kann. Dass es die da noch gibt. Sämtliche noch freien Ecken des Tankrucksacks werden mit Flaschen, Bifi und was auch immer man auf den nächsten 80 Kilometern bis nach Davos noch verzehren kann, aufgefüllt, bevor es weiter geht: dieses mal wirklich in Richtung Alpen, in die Vertikale, und ich merke, wie alleine die Aussicht darauf meine Laune schlagartig bessert.

Das Wetter war, wie ihr den Fotos ansehen könnt, Bombe, und kurz hinter Liechtenstein geht es wirklich in die Höhe. Dem Gesäß geht es - mittelprächtig. Der Tag Urlaub hat ihm gut getan, und auch der Umstand, dass ich es in der Schweiz bislang ein bisschen ruhiger habe angehen lassen, wirkt sich positiv auf. Gestern durfte ich den Tipp lesen, mir eine Fahrradhose anzuziehen. Ich vergass zu erwähnen, dass das im Urlaub zu meiner Standardausstattung gehört. Fahrradhose und Trikot, alleine schon, damit der Schweiss ordentlich abgeführt wird. Aber auch das macht es nicht besser, vergessen wir nicht: Bis Liechtenstein waren es schon an die 1200 Kilometer seit Christi Himmelfahrt. Und wir haben erst Dienstag. Da ist auch die geduldigste Fahrradhose machtlos, denn was schmerzt sind halt die Popomuskeln. Die kann man zwar trainieren, und tasächlich habe ich das auch gemacht, aber der Ritt war eigentlich zu viel, und das hat mir mein Podex auch mehr als deutlich gemacht, über die ganze Reise.
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Deshalb wird der "Superkurven mit extra Sauce" - Modus im Navi ausgeschaltet und einfach per Landstraße nach Davos weitergefahren. Das ist ein bisschen Schade, weil man dann doch weite Strecken durch Tunnel fährt, aber was solls - dem Gesäßmuskel schadet es nicht, ganz sicher nicht, etwas geschont zu werden, und es geht ja darum, Höhenluft zu schnuppern.

Die Luft wird also immer dünner (und in den Tunneln friere ich auch ziemlich), und es scheint ein perfekter Tag, bis kurz vor Bad Ragaz die ersten Wolken wieder vor meinem geistigen Auge aufziehen. Klar, der Himmel ist blau, aber: Der Flüelapass ist dieser Tage zu. So ein Mist. Ich liebe den Flüelapass, trotz der ganzen Radler hat man den Eindruck, ein Eremit zu sein - wenn das Wetter stimmt und nicht allzu doll ist, fühlt man sich wie Sean Connery auf dem Esel im "Namen der Rose", dieses Vergnügen wird mir also nicht zuteil werden. Na ja, macht nichts, bei brüllender Sonne ist sowieso nichts mit Klosterstimmung, nun schauen wir erst mal, dass wir nach Davos kommen.

Davos selbst ist - im Sommer jedenfalls eine Enttäuschung. Wie auch immer die so viel Beton den Berg hochgebracht haben, sie haben ihn ziemlich hässlich verbaut, Davos Dorf ist wirklich keine Reise wert. Ich schlürfe im nächstbesten Cafe einen Espresso für 6,90 Franken, streiche Davos als Erfahrung von meiner "Was Du schon immer hattest sehen wollen" - Liste und fahre zu meiner Unterkunft.
Die ist dafür nett - so nett, wie ein Hotel Garni für 150 Euro sein kann. Aber sie bewirten mich wenigstens auch, für einen Preis, den ich nicht nennen will, gibt's zünftiges aus der Bauernpfanne und ein Bier. Damit soll es gut sein, an diesem Abend, wenn ich schon nicht wie ein Eremit ins Engadin fahren kann, dann wenigstens asketisch ins Bett.

Der Abend ist gespickt mit der Frage, wie es weiter gehen soll. Heute alleine knapp 200 Franken ausgegeben, noch zwei solcher Tage, und ich bin am Ende meiner Leistungsfähigkeit. Und der Flüela ist zu, wie komme ich auf die andere Seite. Na, über den anderen Freund, den ich habe: den St. Bernadino. Kann ich sogar noch ein bisschen ins Tessin. Das ist hübscher als das Engadin, und Lugano ist wenigstens wirklich mondän - und hat nicht den Charme eines Siebziger - Jahre Einkaufszentrums wie Davos. Über die Buchungsseite finde ich wieder ein Garni - Hotel, sogar in Lugano selbst. Au mann, 180 Franken. Aber egal: ich will Berge, ich will den See, da müssen Mastercard und ich halt durch.

Ja, ich spüre, das ist ein Plan. Zufrieden lege ich mich hin und schlafe irgendwann auch ein. An den Job habe ich keine Gedanken verschwendet. Und das ist auch gut so.

Tag fünf - Davos - St. Bernadino - Lugano

Der Wecker meines Handies klingelt um halb neun, und ich denke: Au Scheisse, Du hast Urlaub und stehst trotzdem vor neun auf. Was ist nur aus mir geworden? Um ehrlich zu sein habe ich das Erwachsenwerden verflucht, während beim Duschen aus dem Handy die Sterne "Was hat Dich blos so ruiniert" gesungen haben. Aber die Dusche tut gut, auch wenn sie auf den Gang ist, und das Frühstück ist reichlich. Das muss es auch, schließlich liegen knapp 200 Kilometer Einöde vor mir, und wenn ich schon 150 Franken für Halbpension raushaue, dann muss es auch für den halben Tag reichen. Vor Lugano will ich die Schweizer Wirtschaft nicht mehr schmieren müssen, und die nette Herbergsmutter lässt mich zwei Brötchen für die Reise schmieren. Die Schweiz ist teuer, aber nett.
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Die Versys ist mittlerweile ein Grab für Insekten geworden und die hintere Felge sieht nach 1300 Kilomtern Scottoiler aus wie eine richtige Sau - ich habe das Gefühl, auf einer wirklichen Crossmaschine zu sitzen, das gibt mir Auftrieb. Den brauche ich auch für den Weg bis zum Bernadino. Die Fahrt dahin - Schweiz, wie sie sein soll. Bis zum St. Bernadino nehme ich die Schnellstraße und lasse die kurvenreichen Seitenstraßen liegen. Meinem Hintern geht es zwar mittlerweile besser, er hat einfach aufgehört, sich in den Vordergrund zu rücken, er ist durch seinen Schmerz präsent, aber man gewöhnt sich daran. Aber übertreiben wollen wir es ja auch nicht, und ich will ja das Highlight des Tages genießen - den Pass - und nicht die mir zur Verfügung stehende Energie vorher verschwenden. Irgendwo "im Tal" (von Tal kann man, glaube ich, nicht mehr sprechen), gebe ich der Versys noch mal einen kräftigen Schluck aus der Pulle: sie braucht tatsächlich selbst am Berg mit vollbeladenem Tanker nicht mehr als 4,5 Liter, das finde ich gut, schließlich muss man das Klima nicht mehr als nötig versauen, und wenn man auch mit so wenig Sprit klarkommt, umso besser.
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Die Auffahrt auf den Bernadino ist toll, wie sie es immer ist. Ich schrieb ja schon mal, dass es mein "Hauspass" war, als meine Schwester noch in Graubünden wohnte, und er hat nichts von seinem Reiz verloren. Oben auf dem Gipfel nochmal einen Espresso - es war ein schöner Ritt, bis hierihin.
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Auf dem Weg runter musste sich die Versys dann erstmals beweisen. Weniger sie, als ihre Bremsen. Es geht eben vierzig Kilometer steil bergab, und auch wenn man alle fünf bis zehn Kehren mal Pause macht, die Abfahrt ist auf der kleinen Versys, wie ich finde, anstrengend. Das ist eben die Kehrseite von bis zu 14.000 u/min bis zum Begrenzer: das Getriebe ist so kurz übersetzt, dass man rauf mit dem 5. Gang fast immer richtig bedient ist. Da liegt bei 40 km/h eigentlich genug Power an der Kurbelwelle, um so ein leichtes Gefährt mit einem Fliegengewicht wie mir den Berg hochzuwedeln. Ganz selten, dass man mal bis zum dritten runterschalten muss, weil ein ängstliches Auto vor einem schleicht und man nicht überholen kann. Ansonsten stetiges Wechseln vom vierten (in den kurven) in den fünften, das habe ich so auch selten gehabt.
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Aber runter. Im zweiten Gang bei fünfzig bis sechzig, sonst reicht die Bremswirkung des Motors einfach nicht aus, um dich einigermaßen ohne überflüssigen Bremseingriff ins Tal zu bringen. Aber dann liegen dauernd 8000 bis 9000 Umdrehungen an. Die sind ja eigentlich kein Problem - auf der Bahn durch Deutschland bin ich um Durchschnitt mit 11.000 bis 12.000 gedüst, aber da waren Fahrtwind und Abrollgeräusche so laut, dass es auf den Motor auch nicht wirklich ankam. Aber jetzt sind wir mit 40 bis 60 unterwegs, und was soll ich sagen: Du fährst mit der kleinen Versys die Alpen nicht mit einem Motorrad, sondern mit einer Kreissäge herunter. Wenn die Spitzkehren allzu eng sind, und Du in den ersten runterschalten musst, bevor die Beläge verglasen, mit eine Flex. Dass ich alles Gewicht auf dem Tankrucksage habe, macht es auch nicht besser, sie wird arg Kopflastig und die Federwege sind nicht lang. Das hätte ich besser anders gemacht, als ich vorgestern losgefahren bin - die Fahrt runter ist ein Eiertanz. Da zeigt sie zum ersten mal wirklich konstruktive Schwäche, die kleine, das findet man die ersten 15 Kilometer gut, nach 25 fragt man sich, ob man sich Moos vom Straßenrand in die Ohren schieben kann, ohne dass einem tausend Tiere ins Hirn kriechen und unten im Tal legt man sich zehn Minuten ins Gras, gibt den Ohren Kopfhörer und dreht Rammstein auf - zur Erholung, versteht sich. Auf einer GS wäre das ganze sicher entspannter gewesen. Aber die hätte auch 20.000 Euro mehr gekostet. Wäre wahrscheinlich dank elektronischer Helfer auch selbst runtergefahren und ich hätte auf dem Handy Spiegel - Online lesen können. Das will man im Urlaub ja auch nicht haben. Denn die gute Hausfrau zeigt sich nicht daran, was sie zaubern kann, wenn die Speisekammer voll ist. Sondern was sie aus dem Mangel kocht!
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Nachdem ich das "Reise, Reise" - Album im Gras gehört und die Reste meiner Wegzehrung gegessen habe, geht es durchs Tessin. Was soll ich Euch sagen - das Tessin ist schon immer einer der besten Orte der Welt gewsen, und auch wenn die Leute, die da gerne hinfahren, immer irgendwie zur Pfeiferaucher - Volvo - Lederflicken am Cordsakko - Fraktion gehören: ist mir egal. Ich trage gerne Cord, und Pfeife rauche ich auch. Ich gehöre also ins Tessin.
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Fahre allerdings nur durch, denn das Tessin ist mir zu teuer, und eigentlich will ich ja an den See. Der taucht irgendwann auf, und ich bin angekommen, für heute. Lugano. Wie soll ich es beschreiben? Wenn ich genug Geld zu verstecken hätte: da würde ich es tun. Und wenn es für einen deutschen Juristen da einen Job gäbe - ich würde meine Seele verkaufen, um ihn zu bekommen. Ach ja, der Job: der ist tatsächlich egal, als ich an der Croisette sitze und für achzig Franken zu Abend esse. Ich weiss nicht mehr, wie es auf der Karte genannt wurde - letztlich war es nichts anderes als ein Stück Schweinefleisch mit Spargel und Kartoffeln. Das Budget ist mit dem Weisswein längst gesprengt. Aber das ist egal - ich bin in noch nicht einmal einer Woche vom Ruhrgebiet über die Nordseeküste südlich der Alpen auf 40 Ps gereist, der Kilometerzähler zeigt 1.500 Kilometer. Ich fühl mich als Held, und egal, sollen sie mich doch im Job rumschieben wie Schachfiguren auf dem Brett: so lange sie mir über das Jahr genug zahlen, dass ich ab und an solche Nummern abziehen kann, soll es mir recht sein. Der Ärger über die Arbeit ist doch nur der Ärger über heisse Luft. Und wer weiss - mit neuen Aufgaben kommen auch neue Geschichten, die man erzählen kann. Ich drifte ab in Kalenderspruchweisheiten - aber ist schon was dran: erst das Tal macht den Berg. Wer rauf will, muss von ganz unten aufsteigen. Wer immer oben bleiben will, macht auch nichts anderes, als auf dem Gebirgskamm zu laufen. Wer aber auch mal auf einen anderen Berg will, der muss dann notgedrungen auch mal wieder runter.
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Solche und ähnliche Gedanken bewegen mich, während ich das Tablett zücke, derweil mir die Sonne auf den Pelz scheint und ich mir einen Weg zurück nach St. Gallen suche. Besser kann es nicht werden, aber der Weg zurück muss deshalb nicht langweilig werden.
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- Und diese Geschichte hier wird später weiter erzählt -
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Re: Du weisst erst, dass sie Dich liebt, wenn Dir der Arsch blutet - 2600 Kilometer auf der kleinen Versys in zehn Tagen

#13 Beitrag von Suitemeister » 5. Okt 2019 20:43

Herrlich geschrieben, freue mich auf den nächsten Teil! :)

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Re: Du weisst erst, dass sie Dich liebt, wenn Dir der Arsch blutet - 2600 Kilometer auf der kleinen Versys in zehn Tagen

#14 Beitrag von Heiliggeist » 5. Okt 2019 23:19

Und es wird wieder Autobahn

Über meinen Rausch am See erwache ich am nächsten Morgen um zehn, wie man als zünftiger Junggeselle erwachen sollte. Aus dem Handy dudelt WDR 5 (ich muss auch mal wieder wissen, was zuhause los ist), während ich am Waschbecken Katzenwäsche mache, weil Dusche hier nicht drin ist. Für 180 Franken!

Dafür ist das Frühstück üppig, wenn auch mit existenziellen Fragen bestückt: Wie nach Hause kommen? Meine Recherchen gestern waren enttäuschend: ich habe natürlich keine Route zurück ausgesucht, dafür war der Abend viel zu gut, um mich davon frustrieren zu lassen, dass ich ein wenig blauäugig geplant habe. Der Flüela war nicht umsonst zu, die anderen Pässe, die es gibt und die für den Normaltouristen nahe liegen, sind es nämlich auch: Stelvio, Silvretta, Timmelsjoch - alles zu, wir haben schlicht zu früh im Jahr. So ein Mist, ich will doch nicht zurück auf demselben Weg, auf dem ich gekommen bin. Um mich davon nicht frustrieren zu lassen, habe ich die Planung auf den Morgen verschoben und lieber weiter Aperol Sprizz getrunken. Und mich herrlich unterhalten.

Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und so stehe ich vor einem Croissant, einem Kaffee und einem Problem: irgendwie muss ich über diesen bescheuerten Alpenkamm. Und eigentlich wollte ich ja nach Italien, davon habe ich auch noch nichts gesehen. Dazu beginnt es zu regnen - und wir wissen: wenn es an der Alpensüdseite einmal regnet, dann regnet es. Und zwar nicht ab und an. Sondern ab. Ich muss hier weg. Aber wie? Wer - oder was - kann mir in diesem Dilemma aus der Patsche helfen?
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"Sissi!" ruft es, ich weiss nicht wieso, aus der hintersten Schale meiner Hirse, und ich sehe es vor mir: Meran! Weit genug weg von Lugano, dass ich vielleicht die Chance habe, trocken anzukommen, und es ist Tirol, das heisst: Italien, aber sie sprechen deutsch. Dass mir das nicht früher eingefallen ist. Von da aus dann morgen über den Brenner, dann ist das schon die halbe Miete für die Rückfahrt. Und ich kann ein Pickerl für 10 Tage kaufen. Und so auch am Motorradtreff dokumentieren, dass ich RICHTIG weit weg war, bevor wieder einer kommt und bezweifelt, dass man mit einer 300er Versys vom Ruhrgebiet nicht über den Hunsrück kommt.

Über das Handy eben noch schnell ein Zimmer gebucht: 80 Euro. Super. Ich fahre wieder in zivilisierte Gefilde.

Tag sechs: Lugano - Meran

Gesagt, getan: Regenkombi übergezogen und losgefahren. Südalpenregen lädt nicht dazu ein, anzuhalten und Fotos zu machen, und je italienischer die Straße, desto größer das Aufmerksamkeitspotenzial. Es gilt: Strecke machen. Mit 266 Kilometern ist es sowieso eine der längeren Strecken gewesen, und ich finde seit jeher italienische Streckenführung anstrengend.

Aber das Navi führt mich. Durch den Regen. Der nach einer Stunde durch ist. Ich hätte besser einen Einteiler gekauft, Jacke und Hose, das hat noch nie funktioniert, irgendwo dringt das Wasser immer ein und bleibt dann da, wo es ist. Kurzum: ein Scheisstag.
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Völlig durchnässt suche ich mir in Edolo eine Kneipe, an der ich meinen Mittagshunger löschen kann. Viel muss es nicht sein, ein bisschen Pasta, damit der Magen warm wird. Und vielleicht einen Kaffee.

Ich finde eine, kehre ein, und gebe ein erbärmliches Bild ab. Aber die Spaghetti Napoli schmecken, ich bin mit 20 Euro gut dabei und es hat tatsächlich aufgehört zu regnen. Das ist auch ganz gut so, denn unter der Regenkombi hatte sich mittlerweile ein Feuchtbiotop aus eigenem Schweiss und Regenwasser gebildet - also nichts, in das ich wieder reinkriechen will. Aber nach dem Regen ist die Kombi kalt, und ich habe eigentlich keine Lust, die letzten 120 Kilometer zu fahren. Der Hintern - na ja, ich muss ja nichts sagen, und alles an mir ist kalt, schwer und ich drohe schon wieder, jammerig zu werden. Aber es hilft nichts, ich muss weiter.
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Gottlob muss die Versys tanken und ich treffe auf eine Gruppe Österreicher. Die an der Tanke warten, um trocken zu werden. Und einfach gute Laune haben. Die zeigen großes Interesse an der kleinen Versys, sowas haben sie zwar schon gehört, aber live noch nicht gesehen: kleines Moped für die große Reise. Parallelen zur Royal Enfield Himalayan werden gezogen (die hätte ich tatsächlich fast gekauft, aber ich wollte was zuverlässiges). Während der Rüssel den teuren Saft in den Tank presst, kommen wir ins schwätzen und ich klage, dass ich eigentlich keinen Bock mehr habe. Mir ist kalt, mir ist usselig, ich will zu meiner Frau, die mir den Kopf streicheln und sagen soll: alles wird gut. So was haben sie nicht im Angebot, die Ösis, aber sie weisen mir den Weg zu einer kleinen Strauße, wo sie sich aufwärmen wollen. Wenn ich Lust hätte - einfach hinterher.

Ich sage zu. Auch so Sachen, die ich im richtigen Leben nie machen würde. Irgendwelchen Fremden nachzufahren. Aber im Urlaub ist halt im Urlaub.

Die Strauße liegt auf dem Weg, und was besseres als fahren habe ich eh nicht vor. Ich kaufe mir an der Tanke das erste (und seither letztes) Päckchen Zigaretten seit vier Jahren, denn Pfeiferauchen bei dem Wetter, das ist es nicht. Doch ich spüre, ich brauche irgendein Rauchritual, wenn es mit diesem Mittag etwas werden soll. Wir fahren etwa 30 Kilometer und kehren wirklich ein: jetzt geht die Sonne auf. Ich ziehe die Klamotten aus und lasse sie auf dem Moped zum Trocknen. Drinnen: den besten Apfelstrudel, den ich je hatte. Mit den Österreichern war es ein richtig netter Nachmittag, das Päckchen Zigaretten ist halb geraucht, und als wir den Laden verlassen, ist es halb fünf. Au Backe, nach Meran sind es sicher noch zwei Stunden, jetzt aber hurtig.
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Die Klamotten sind nicht wirklich trocken, aber das ist egal. Bonnie (so nenne ich sie, weil man auf ihr sitzt, wie die Tochter von Rhett Buttler sitzen soll und man, wie die Tochter von Rhett Butler, stirbt, wenn sie einen abwirft) und ich zuckeln durch Tirol. Aber neunzig Kilometer durch Tirol sind bei schönem Wetter nicht neunzig Kilometer durchs Ruhrgebiet. Man bleibt stehen, man schaut, man freut sich des Lebens.

Um sieben Uhr bin ich an meiner Absteige in Meran. Von der Stadt sehe ich nicht viel - ich esse, ich gehe aufs Klo, ich schlafe. Das muss ich mir nochmal anschauen, wenn die Rahmenbedingungen günstiger sind. Den Rest klären wir morgen.

Tag sieben: Meran - Sölden - St. Gallen

Wir erinnern uns: wir haben mittlerweile Freitag, und meine Uhr tickt. Um sieben Uhr muss ich in Zürich sein, meine Schwester und ihr Mann kommen aus dem Urlaub wieder. Heute gilt es also: Strecke machen!

"Aber mit Stil!", haben die Jungs gestern Mittag gemahnt, und hatten einen Supertip. Brenner ist ja langweilig, meinte man, und auf meinen Einwand, dass aber alles andere zu hat, hieß es: Mädchen! Denk nach. Und ich dachte nach. Kam aber nicht auf die Lösung. Die doch so nahe lag!

Öztaler Gletscherpass

Au man, den straßenverkehrsmäßig höchsten Punkt Österreichs. Den bin ich mit dem Moped noch nie gefahren, nur einmal mit dem Auto, und das im Winter. Da habe ich verstanden, weshalb der bei "Spectre" für Verfolgungsjagden herhalten musste. Das ist ein anstrengender Pass, der aber Spaß macht. Und die Jungs haben ja recht: wenn ich um vier in St. Gallen sein will (viel später wäre kritisch), dann muss ich schnell von Meran über die Alpen und dann durchs Inntal. So kann ich mir den Umweg über den Brenner sparen, und ein Pickerl kriege ich auch. Der Öztaler Gletscherpass wird nur bei Bedarf gesperrt, und Bedarf ist im Juni nicht mehr. "Win-Win" für alle, möchte man meinen.

Also gefrühstückt, unter der Dusche die Pixies im Handy angemacht. "Where is my mind?" - das ist die Mucke, die diese Tage gut zusammen fassen, schließlich war das ganze ja von Anfang an ja so eine Art Selbstfindungsgashahndrehen. Ein bisschen Yoga in der Ecke, denn der Hintern ist noch immer der eines Pavians, aber man will ja auch am Rest des Körpers geschmeidig bleiben, und dann: rauf auf Bonnie und rauf auf den Berg. Mit Rauf, wieder einmal, kein Problem. Und mit sechs Euro nicht wirklich teuer, dieser Spaß. Runter aber das gleiche Bild: Kreischen, Zerren, Ruckeln am Lenker - sie macht den Berg runter auf Dauer keinen Spaß, die kleine. In Sölden gibt's Mittagessen, ein beschaulicher Ort, wenn die Skifahrer weg und die Sommermountainbiker noch nicht da sind. Auch da könnte ich einsiedeln, wenn ich könnte. Kann ich aber nicht, sondern muss weiter.

Und schon wieder die Qual der Wahl: Wirklich rein ins Inntal und nur die Inntalautobahn nehmen? Muss ich wohl, wir haben ein Uhr und in drei Stunden ist deadline. Obwohl...wenn ich das Duschen in St. Gallen spare, dann reicht es auch, wenn ich erst um fünf ankomme, und dann könnte ich den Arlbergtunnel sparen und stattdessen...ich meine, ich bin ja schließlich nicht zum Spaß hier. Ich will Berge, so viel wie es geht. Soll ich, oder soll ich nicht?
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Ich soll. Ich will.

An der nächstbesten Tanke in Sölden ein Pickerl für 10 Tage gezogen, das Bonnie jetzt wir ein stolzes Brandzeichen auf ihrem Windschild trägt und rauf auf die Inntalautobahn. Wer sich fragt, wofür wir ein Tempolimit in Deutschland brauchen, der soll nicht nach Holland oder Frankreich fahren, der soll auf die Inntalautobahn fahren. Die einzige wirklich effektive Verbindung von Ost nach West, die Ballungsräume verbindet, wie es bei uns nur die "großen" machen - A2, A3, A5 und A 7 - und nie hat man Stau, weil keiner Vollgas gibt und bremst, sondern weil alle schwimmen. Eigentlich eine perfekte Autobahn, die auch die besten Pässe abdeckt. Beim Fernpass kehre ich kurz aus, ich will kurz hoch und ein Foto von der Zugspitze. Sind zwar 30 Minuten Umweg, aber ich will ein Foto und einen Espresso. Und einmal tanken und aufs Klo muss ich auch. Die dreiviertel Stunde Umweg musste also sein.

Mit vollem Tank zurück auf die Autobahn und die Drosselklappen aufgestellt. Bis am Horizont der Arlbergtunnel angezeigt wird.
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Die 12 Euro will ich nicht ausgeben, ich fahr rechts raus und den Arlbergpass. Wir haben mittlerweile halb drei, mehr als ein Stunde brauche ich nicht. Aber den nehme ich noch mit, denn Morgen geht es ja schon wieder zurück in Richtung Heimat. Und da gibt es keine Pässe, im Ruhrgebiet, nicht mal für viele von denen, die hier wohnen.
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Der Arlberg ist, wie er immer ist: schön, aber touristisch überlaufen. Es ist ja auch wirklich unverschämt, was sie für den Tunnel nehmen, und so ziehe ich hinter Wohnmobilen und Caravans meine Bahnen. Wenigstens ist er nicht so steil, wie die anderen beiden, die ich vorgestern und heute gefahren bin, und so stört mich die kleine auch nicht wirklich auf dem Weg zurück. In der nächstbesten Kneipe noch eben eine Tasse Kaffe, die mittlerweile letzte Zigarette des Päckchens vom Vortag geraucht und dann wieder auf den Bock und die Inntalautobehn. Nächster Halt: St. Gallen!
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Da kehre ich um halb sechs an, 2100 Kilometer stehen auf der Uhr, ich habe mich heillos in der Zeit vertan. Jetzt aber hurtig. Freitag mittag bis sieben in Zürich: das ist ambitioniert.

Und nicht zu schaffen. Eine ganze Stunde später bin ich da, und da sitzen sie beide, auf ihren Koffern, und haben furchtbar schlechte Laune. Ich stinke wie eine Tiroler Bergziege, denn mit Duschen war nichts mehr, alles, was ich noch geschafft habe, war, die Kombi in die Maschine meiner Schwester zu schmeissen, damit ich wenigstens auf dem Rückweg einigermaßen sauber bin. Mein Bart ist seit fünf Tagen nicht rasiert, meine Haare fettig, die Karre ist voller Pfeifenrauch, weil ich nach fünf Tagen einmal innerhalb eines geschlossenen Raumes bei gemütlicher Temperatur einen Kopf leer machen wollte: selten war meine Schwester so sauer auf mich.

"Gabel, eins ist klar: mit dir geht es bergab. Du siehst aus wie ein Penner."
"Aber ein glücklicher Penner."
"Das macht es auch nicht besser. Und dafür, wie DAS Auto aussieht, wirst du bezahlen."

Werde ich. Habe ich. Die beiden in St. Gallen noch einmal auf ein zünftiges Essen eingeladen. Und dafür mehr ausgegeben, als ich je für drei Personen bezahlt habe. Aber es war ein toller Abend.
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- Und im nächsten Teil geht es zurück. -
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Zuletzt geändert von Heiliggeist am 6. Okt 2019 00:18, insgesamt 2-mal geändert.

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Re: Du weisst erst, dass sie Dich liebt, wenn Dir der Arsch blutet - 2600 Kilometer auf der kleinen Versys in zehn Tagen

#15 Beitrag von frieda » 6. Okt 2019 00:06

:clap: :clap: :clap: :clap: :clap: :clap: :clap: :clap: :clap: :clap: :clap: :clap: :clap: :clap: :clap: :clap: :clap: :clap: :clap:

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Re: Du weisst erst, dass sie Dich liebt, wenn Dir der Arsch blutet - 2600 Kilometer auf der kleinen Versys in zehn Tagen

#16 Beitrag von Jürgen Franke G » 6. Okt 2019 09:56

Danke das Du uns teilhaben läßt, toller Bericht....Danke
Herzliche Grüße
Jürgen

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Re: Du weisst erst, dass sie Dich liebt, wenn Dir der Arsch blutet - 2600 Kilometer auf der kleinen Versys in zehn Tagen

#17 Beitrag von LS68 » 6. Okt 2019 10:04

sehr gut geschrieben.

Wir schicken dich mit deiner Versys am besten auf Weltreise, damit wir hier in Zukunft genug guten Lesestoff haben. :)

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Re: Du weisst erst, dass sie Dich liebt, wenn Dir der Arsch blutet - 2600 Kilometer auf der kleinen Versys in zehn Tagen

#18 Beitrag von Terminator2702 » 6. Okt 2019 11:01

:clap: :clap:

Du solltest das Reiseberichte schreiben zu Deinem Beruf(ung) machen. Klasse geschrieben, ich hatte wirklich Tränen in den Augen, da mir einige Deiner Gedanken so bekannt vorgekommen sind.
Auf meiner 3600km Reise vor drei Wochen durch die Dolos, Meran, Gardasee und dann durch Deutschland nach Köln zurück mit einigen Widrigkeiten, habe ich teilweise ähnliche Erfahrungen und Gedanken gehabt, auch was Familie und Beruf betrifft aber ich könnte sie nie so in Worte fassen wie Du.
Was mir bleibt, sind ein paar (zu viele) Fotos und meine Erinnerungen, die teilweise vielleicht nur andere Motorradfahrer verstehen können oder selbst erlebt haben. Sobald ich auf meiner KV die Berge sehe und erlebe, bin ich ein anderer Mensch und wünsche mir jedesmal in diesem Moment verharren zu können. Aber dann holt mich jedesmal der Alltag ein.


Bitte schreibe mehr solcher Berichte...


Grüße

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Re: Du weisst erst, dass sie Dich liebt, wenn Dir der Arsch blutet - 2600 Kilometer auf der kleinen Versys in zehn Tagen

#19 Beitrag von Sorro » 6. Okt 2019 11:31

Terminator2702 hat geschrieben:
6. Okt 2019 11:01
:clap: :clap:

Du solltest das Reiseberichte schreiben zu Deinem Beruf(ung) machen. Klasse geschrieben, ich hatte wirklich Tränen in den Augen, da mir einige Deiner Gedanken so bekannt vorgekommen sind.
Auf meiner 3600km Reise vor drei Wochen durch die Dolos, Meran, Gardasee und dann durch Deutschland nach Köln zurück mit einigen Widrigkeiten, habe ich teilweise ähnliche Erfahrungen und Gedanken gehabt, auch was Familie und Beruf betrifft aber ich könnte sie nie so in Worte fassen wie Du.
Was mir bleibt, sind ein paar (zu viele) Fotos und meine Erinnerungen, die teilweise vielleicht nur andere Motorradfahrer verstehen können oder selbst erlebt haben. Sobald ich auf meiner KV die Berge sehe und erlebe, bin ich ein anderer Mensch und wünsche mir jedesmal in diesem Moment verharren zu können. Aber dann holt mich jedesmal der Alltag ein.


Bitte schreibe mehr solcher Berichte...


Grüße

Michael
Ich kann Michael nur zustimmen. Man will gar nicht mehr aufhören zu lesen. Du kannst echt schreiben! Frag doch mal bei einer Motorrad-Zeitschrift an, ob sie jemand brauchen, dann hast du auch gleich die beruflichen Probleme los und kannst immer mit dem Motorrad rumreisen (und das noch auf Spesenabrechnung). Das ist doch die perfekte Lösung ;-)

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Re: Du weisst erst, dass sie Dich liebt, wenn Dir der Arsch blutet - 2600 Kilometer auf der kleinen Versys in zehn Tagen

#20 Beitrag von Chip » 6. Okt 2019 12:07

Ja, hat wirklich Spaß gemacht die Geschichte zu lesen..... :clap: :clap:

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