Als ich vor 6 Jahren frischgebackener Großrollerfahrer wurde, hatte ich zunächst auch alles was entgegenkam gegrüßt. Hatte es jedoch rasch wieder bleibengelassen, weil ich nie zurückgegrüßt wurde - außer von den Großrollerfahrern. Von sämtlichen Motorradfahrern wurde man ignoriert. Also wurden zwangsläufig bloß noch die Rollerfahrer gegrüßt, die "allesamt arroganten" Motorradfahrer nicht mehr.
Tja, nun bin ich selbst zum Motorradfahrer geworden und würde behaupten, dass ich noch immer derselbe Mensch bin als zuvor. Wenn mich nun plötzlich alle grüßen, fällt es mir zunehmend schwer, mir üble Gedanken zu verkneifen. Grüßen die nun eigentlich mich oder bloß meinen fahrbaren Untersatz? Es wird wohl das Letztgenannte zutreffen, denn im Auto grüßt einem ja auch niemand. Worin also liegt der tiefere Sinn des Motorradfahrergrußes?
Zu Zeiten, als noch einige wenige Verrückte mit ihren knatterten Zweirädern die Naturgewalten bezwungen haben, scheint dieses Symbol der Bezeugung von Zusammenhalt noch angemessen gewesen zu sein. Habe ich selbst erlebt, als mich mal der Wahnsinn gepackt hatte, mit einer 1937er NSU Pony 100 längere Touren zu bewältigen. Da musste unterwegs fast soviel geschraubt werden wie gefahren, technisches Verständnis und gute Schrauberkenntnisse waren plötzlich elementar wichtig. Selbstredend, dass man bei jedem Gleichgesinnten anhalten würde, wenn man ihn in ähnlich prekärer Situation am Straßenrand vorfinden würde.
Doch heute? Man bezwingt keine Natur mehr, die Straßen sind bestens ausgebaut. Das Smartphone hat jeder an Bord, der mobile Pannendienst steht rund um die Uhr bereit. Das Navi führt einen sicher zu jedem Winkel der Welt, die Technik ist maximal zuverlässig. Niemand braucht die Unterstützung anderer Zweiradfahrer mehr, es geht meist auch ohne. So geschehen, als ich mit meiner X9 zuletzt in Frankreich mit Motorschaden liegengeblieben bin. Die anderen Motorräder meiner Gruppe konnten direkt weiterfahren, da ich den ADAC längst an der Strippe hatte, der mich kurz darauf sicher zu Hause ablieferte.
Motorradfahrer sind bloß noch im Winter seltene Spezies und treten über Sommer in Massen auf. Das Motorrad ist längst zum Spaßgerät überarbeiteter Bürohengste mutiert, weit weg vom günstigen Fortbewegungsmittel von wenig begüterten Normalos. Die wenigsten der "harten Kerle", die wir doch alle so gerne wären, sind es wirklich noch. Saßen doch da kürzlich die urigsten langbärtigen Typen in furchterregenden Klamotten und heftigen Tattoos bei schönstem Wetter Latte Macciato schlüfernd im Eiscafe. Die neusten plankpolierten Harleys in Reih und Glied vorne dran. Alles bloß noch eine große Show mit nix dahinter?
Soll der Bikergruß womöglich bloß noch an die guten alten Zeiten erinnern, nach welchen wir uns in unserem durchgetackteten Alltag vermeintlich so sehnen (dann aber aus Bequemlichkeit doch lieber mit Mutti und Kindern den Pauschalurlaub All Inklucive im 5**** Sterne Beachhotel buchen, statt mit Kind im Beiwagen und Mutti auf dem Sozius das Nordkap zu bezwingen)?
Bin da echt ziemlich verwirrt...
Grüße
Michael