19 Tage Höhentreffen und Frankreich über deutsche Passknacker

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19 Tage Höhentreffen und Frankreich über deutsche Passknacker

#1 Beitrag von blahwas » 8. Nov 2019 08:18

Wie schreibt man einen Bericht über eine Reise über 19 Tage, mit drei verschiedenen Themen? Vielleicht chronologisch. Im September lädt das Versysforum zum Höhentreffen. Das ist in Südtirol oder im Trentino, eine Woche Rundtouren um ein Hotel. Eine sehr nette Art, Motorrad zu fahren und Gemeinschaft zu leben. Das hatte ich schon gebucht. Wenn man schon mal jenseits der Alpen ist, dann kann eigentlich auch noch eine Woche dranhängen, und sich westwärts nach Frankreich bewegen, und als Rundreise zurück. Das mache ich jetzt auch schon das dritte Mal. Dieses Mal kommt Duck (Markus) aus dem MO24-Forum mit. Er war mein erster Frankreich-Begleiter überhaupt, ich hatte mich damals einfach an seine Frankreich-Runde drangehängt. Das haben wir mehrmals wiederholt, und auch auf Spanien ausgedehnt. So, und dann habe ich da ja noch dieses Projekt „alle deutschen Passknacker in 2019“. Da fehlen mir noch diverse Punkte nah der südlichen Landesgrenze bzw. auf dem Weg dorthin, weil das bisher aus Essen echt weit weg war. Da könnte man doch eigentlich die restlichen Punkte in je 2 Tagen während Anreise und Abreise abgrasen. Das war der Plan. Macht insgesamt 19 Tage und ca. 6000 km. Klarer Fall, da nimmt man das Naked Bike ohne Windschild, weil… man es für eilige Auslandseinsätze gekauft hat, und von diesen 19 Tagen schließlich 14 aus „Pässe braten im Ausland“ bestehen. Macht TOTAL Sinn! Also, für mich zumindest.

Der Vorderreifen an der MT-09 ist ein neuer Pilot Power 3, der Hinterreifen ein angefahrener CRA3, der in der ersten Woche gewechselt werden müsste. Mein Gepäck musste noch irgendwie mit, wie erinnern uns, 19 Tage, immerhin ohne Camping. Wenn man das öfters macht, lernt man mit weniger Raum auszukommen. Leider wehrt sich die MT-09 vehement gegen die Montage irgendwelcher Gepäcksysteme. Ein großer Tankrucksack hätte keinen Platz. Am Heck ist original gar nichts, wo man irgendwas festmachen könnte. Für den Original-Topcase-Träger muss man reichlich Plastik durchbohren und das Heck außerdem bis auf den nackten Rahmen zerlegen. Bei ebay Kleinanzeigen entdecke ich einen „Givi Monokey Universalträger“ für 20 Euro, lasse mir die Maße schicken, hantiere 10 Minuten mit dem Zollstock am Motorrad herum und beschließe dann, dass das passt, oder gefälligst zu passen hat. Mein Topcase ist zwar Monolock, aber ein Freund schenkt mir sein altes Monokey-Topcase. Leider roch es nicht so gut und sah noch schlimmer aus. Als ich schon ein neues kaufen will, fällt mir auf, dass ich doch eigentlich ein gut geeignetes Monolock-Topcase habe. Und zwei überzählige Monolock-Grundplatten. Also schraube ich den Träger ans Motorrad, vorne an den hinteren Schrauben der Soziusrasten, und hinten an nichts. Die Grundplatte liegt auf der Sitzbank auf. Da kann sie nicht weg. Sie kann weder vor noch zurück. Zur Seite könnte sie minimal, ein wenig rauf und auch wieder runter, aber sie ist ja weich gepolstert. Die Monolock-Grundplatte kommt auf den Monokey-Träger oben drauf, und dort das Topcase. Passt! Und ich sitze völlig ungestört. Blöd ist, dass der Topcase-Träger abschraubt werden muss, wenn man unter die Sitzbank will, aber es sind ja nur zwei Schrauben.

Ich habe alle Unterkünfte im Voraus gebucht. Markus stößt in Italien dazu, und lässt mir für Frankreich freie Hand bei der Planung. Ich buche entlang der Route Unterkünfte für je eine Nacht mit verhältnismäßig wenig Abstand, so dass man die Routen gut abkürzen könnte, wenn das Wetter schlecht ist, jemand krank ist oder wenn gerade keine Lust auf vielfahren ist. Verbindet man nur die Unterkünfte, ergibt sich diese Route (für mich):
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Das sind so schon 2755 km, wenn man in Lavarone 6 Tage kein Motorrad fährt und nur Autobahnen fährt. Mit Pässen dürften es ca. 6000 km sein.

Do 5.9. Nürnberg, Schwäbische Alb

Ich mir die restlichen deutschen Passknacker im Süden holen. Der Plan ist, bei der An- und Abreise je zwei Tage lang die restlichen Punkte in Süddeutschland zu holen. Für den ersten Tag der Anreise sieht der Plan so aus:
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So geht’s dann morgens los, oder auch nicht? Es ist immer gut, auf eine 6000 km Tour aufzubrechen, und das Mopped springt nicht an. Hat wohl zu lange rumgestanden, und zwar seit dem Frankreich-Urlaub im Juni. Dabei bin ich letzte Woche extra noch eine kleine Runde gefahren (mit Starthilfe). Jetzt ist die Lithium-Batterie wieder leer. Da ich die einfach aus der Versys übernommen hatte, habe ich auch die originale Bleibatterie noch. Die muss ich nur erst mal finden in meinem Umzugs Chaos, denn ich habe bisher nur 6 Tage in der neuen Wohnung verbracht und noch längst nicht alles ausgepackt. Eine Motorradbatterie ist jetzt auch weder so groß noch schwer, dass sie in Umzugskisten groß auffallen würde.

Irgendwann habe ich sie dann gefunden und eingebaut, wofür man den Top Case-Träger abschrauben muss, dann die Yamaha hinter den BMW schieben, Starthilfe - läuft! Also Top Case-Träger angeschraubt, angezogen und aufgestiegen, da rollt das Auto fast auf mich drauf, weil meine Mutter drin rumturnt um sich den Sitz einzustellen und offensichtlich nicht merkt, dass die Handbremse nicht drin ist. Losgebrüllt, sie hat angehalten, ich entferne mich aus der Gefahrenzone, ziehe mich fertig an, fahre los - nein, ich würge erstmal ab. Genau was man braucht. Aber sie springt wieder an. Schon eine Panne und ein Beinaheunfall, und noch nicht mal die eigene Ausfahrt verlassen. Fängt ja gut an!

Aber das alles ist vergessen, als ich in die Hauptstraße einbiege und das Gefühl der Schwerelosigkeit einsetzt, dass ich am Motorradfahren so liebe. Die Yamaha beamt sich und mich zum Ortsausgang, und dann im Nu zum nächsten Ortseingang. Motorradfahren ist einfach eine wahre Freude. Und das Gepäck für meine 19 Reisetage habe ich recht dezent unterbekommen, wie ich finde. Dabei habe ich sogar eine zweite Unterhose dabei ;)
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Nach etwas Bundesstraße, man darf sogar überholen, und einer Stunde Autobahn merke ich, dass das langweilig ist, und dass 17:45 am Hotel zu sein eigentlich zu früh ist. Immerhin bin ich erst 10:15 losgekommen. Das ist doch viel zu kurz für den ersten Tag! Besonders, weil der letzte Tag im Moment mit 700 km geplant ist. Also plane ich um: Ich drehe die Route vom letzten Tag um, und schneide sie südlich der A8 ab. Das fahre ich zuerst, danach dann wieder meine geplante Route. So werden 469km und 7:17 zu 501km und 8:44. Die schwäbische Alb ist hübsch anzusehen und hat gut gepflegte Straßen.
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Ich stelle fest, dass es bei 15-18 Grad überraschend kalt aufm Naked Bike ist. Es droht den ganzen Tag Regen, aber er kommt nie. Trotzdem schlüpfe ich schließlich endlich mal in die Regenkombi, alleine als Kälteschutz. Das hätte ich ruhig früher machen können, und nicht erst, als es so aussah:
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Ich fahre zwar nicht direkt am Bodensee vorbei, aber nah genug, dass ich einen Blick drauf werfen kann. Im nächsten Tal stapeln sich dann die Touristenautorentner. Ich übe mich in Geduld. Klappt aber nicht so richtig gut.
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Dann geht es zur Unterkunft. Dies ist heute das Café am Schlossplatz in Wolfegg. Ich tauche leider erst nach der Öffnungszeit des Cafés auf, und stelle beruhigt fest, dass noch jemand da ist. Der Wirt wohnt im gleichen Haus und hat eine Einliegerwohnung hier in diesem schmucken Altbau vermietet. Die Nacht kostet 45 Euro mit Frühstück, was für die Region recht günstig ist. Ich gehe mir noch die Beine vertreten und jage mir in der Nachbarschaft noch ein Abendessen – mit Spätzle, natürlich! Zufrieden geht’s in die Kiste, trotz anfänglicher Schwierigkeiten war es ein runder Fahrtag, an dem ich mein Pensum übererfüllt habe. Ich fühle mich wohl auf der Yamaha und komme mit meiner Gepäcklösung gut zurecht.

Die tatsächlich Route sah etwa so aus:
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Fr 6.9. Allgäu-München

Morgens bin ich gut aus dem Bett gekommen und habe lecker im Café gefrühstückt. Als einziger Gast kriegt man sein persönliches Buffet an den Tisch gebaut. Das Allgäu steht heute auf dem Plan. Abends übernachte ich bei einem alten Freund, der jetzt bei München wohnt.
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Ich habe heute überwiegend leere Strecken in idyllischer Landschaft zu fahren. Aus irgendeinem Grund ist aber auch Mailand mitten auf der Route.
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Sehr schön der Riedbergpass, tolle einsehbare 90° Kurven und Belag. Sonst immer wieder Überführung, aber idyllisch. Insgesamt ein Tag, der einfach mal gut nach Plan läuft und entspannt.
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Und wenn mal Stau ist, dann von der ungewöhnlichen Sorte:
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Gut, dass ich kein Putzfetischist bin. Das wäre wegen Wetter aber eh nix geworden. Außerdem geht 3x die ABS-Leuchte der Yamaha an. Das ABS regelt dann auch wirklich nicht mehr. Man kann per Hinterradbremse den Motor abschalten. Die TCS regelt aber weiterhin. Stellt man die Zündung aus und wieder an, geht die Lampe aus und das ABS regelt wieder normal. Ich verdächtige die vielen Zusatzverbraucher: zwei Navis und die Heizgriffe.

Da es hin und wieder tröpfelt, stelle ich die TCS auf Stufe 2. Das spart nebenbei noch Reifen, denn das Profil am Hinterrad verdampft zusehends. Der CRA3 war noch von Frankreich übrig, aber ein Wechsel vor dem Urlaub hätte wenig Sinn gemacht, denn so eine Tour überlebt kein Reifen.

Unterwegs treffe ich zwei andere Passknacker: Vater und Sohn aus Gütersloh. Solche zufälligen Begegnungen sind sehr selten, bei 253 Teilnehmern und 703 Punkten alleine in Deutschland, an denen man in der Regel immer nur 2 Minuten verbringt.
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Insgesamt ist die Gegend sehr idyllisch, aber auch echt weit ab vom Schuss. Weil man nah an der Grenze zu Österreich ist, gibt es wenig Tankstellen, und teilweise nehmen sie Mondpreise. In einer Tankstelle wird sogar geraucht – Kulturschock. Es gibt immer mal wieder Strecken in die Berge rein, die Sackgasse sind und Maut kosten.

Abends besuche ich am Ende meiner 490 km-Tour einen Kommilitonen aus Bochumer Zeiten in München, auch zum Übernachten. Wir gehen nett essen und trinken unseren traditionellen Studenten-Drink von damals: White Russian. Aber nicht 0,1 l wie an der Schickimick-Bar, sondern aus Weizengläsern, wie in der seligen Wohnheim-Kneipe, in den Wochen bevor das Wohnheim abgerissen wurde, weshalb alles wegmusste. 3 Euro das Stück. Prost!

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Re: 19 Tage Höhentreffen und Frankreich über deutsche Passknacker

#2 Beitrag von blahwas » 8. Nov 2019 08:20

Sa 7.9. München-Brenner-Lavarone

Die Nacht war nicht so erholsam. Das Frühstück fällt heute aus, ich kriege nix runter. Also geht es halb 8 schon los, auf in den Süden. Der erste Wegpunkt ist der Brennerpass, bzw. die Stadt Brenner, also neben der Autobahn. Danach kommen ein paar Punkte in den nördlichen Dolomiten, bei denen ich noch nie war, und die außerhalb der Tagestour-Reichweite des Höhentreffens liegen. 550 km gesamt sind geplant.
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Zum Start ist es heute früh richtig kalt und es ist Dauerregen angesagt. Ich ziehe alles an, was ich habe, und merke leider erst jetzt, dass Kombi, Stiefel, Helm und Handschuhe über Nacht in einem ungeheizten, aber gut gelüfteten Raum verbracht haben. Also schützt mich die Kleidung zunächst nicht nur vor der 5° kalten Luft, die mit 100 km/h drauf einprasselt, sondern sie nimmt zunächst auch meine Körperwärme auf, bis sie zumindest von innen warm ist. Insgesamt ist das auf einem Naked Bike nicht ideal.

Die Strecke durch Deutschland ist unspektakulär. Ich habe keine deutschen Passknackerpunkte hier mehr offen, es geht auf schnellstem Weg südlich.

In Österreich fährt man etwas gesitteter, und bald bin ich in Innsbruck. Ich komme gut vorwärts. Das Navi nennt mir die vorletzte Tankstelle in Österreich - der Tank ist eh bald wieder leer, und in Italien ist tanken teuer und nervig (oft nur Automaten die kein Wechselgeld geben).

Mein Navi schickt mich trotz "Maustrecken (Vignette) vermeiden" auf die Brennerautobahn - ich meine aber, dass man dort nicht nur Streckenmaut bezahlen muss, sondern zusätzlich auch noch die Vignette braucht. Also wird umgeplant, was Zeit kostet und die Route verlängert. Den Ostteil der Route durch die Dolomiten halte ich mir als optional offen. Ich raste an einem Supermarkt, wo es ein Laugenbrötchen und einen heißen Kakao gibt - inzwischen ist mein Magen aufnahmefähig. Der Ort Brenner ist der einzige Passknacker in Österreich heute – ich hatte alles andere schon bei früheren Reise dieses Jahr erledigt. Das Wetter ist leider typisch Österreich…
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Kaum in Italien angekommen wechsle ich aus Zeitgründen auf die Autobahn. Vor der ersten Mautstation gibt es rund 5 km Rückstau. Nach der Mautstation überhole ich ein Motorrad, dass mir irgendwie bekannt vorkommt - richtig, den Typ kenne ich doch! Er erkennt mich auch, und wir winken uns eifrig zu. Wir haben heute das gleiche Ziel. Fortan folgt er mir unauffällig, auch als ich die Autobahn zwecks Passknacker-Route verlasse. Großes Hallo vor der Mautstation, und danach Abstimmung: Wir fahren zunächst mal zusammen los, und schauen dann wie es sich entwickelt.

Mein erster Passknacker ist ein Gasthof auf 1730 Höhenmetern, die Kiener Alm. Schon kurz nach dem Verlassen des Tals haben wir Sonne, und sehen die Wolken plötzlich von der Seite. Wunderschön! Es wird auch warm! Die Sonne habe ich heute noch nicht gesehen, und gestern auch nicht wirklich.
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Der Weg zum Gasthof hoch ist in asphaltiert und breit, aber in schlechtem Zustand. Ich hänge meinen Mitfahrer deutlich ab. Logisch, ich bin ja auch mit Gepäck leichter als er ohne, und er hat 4 Koffer/Taschen, ich dagegen nur eine. Wir gönnen uns mittags eine leckere Speckknödelsuppe, und teilen uns dann auf. Ich will weiter knacken, er will mit dem Gepäck nicht so kleine Strecken fahren. Das kann ich verstehen - und wir sehen uns ja noch die ganze Woche.

Ich fahre nun also alleine die Rodenecker Alm hoch. Das ist ein abgelegener, aber überraschend gut unterhaltener Pass nach Süden. Alles läuft gut, bis ich auf der Südseite schon am nächsten Berganstieg bei einem gemütlichen Kurvenausgang im zweiten Gang plötzlich eine 90° Schräglage einnehme. Eine spontane Betrachtung der Situation führt zur Feststellung, dass ich gerade mit dem Gesicht nach unten auf einer Holzbrücke liege. Nasses Holz ist wohl nicht sehr griffig. Ich habe ja schließlich Sportreifen montiert, und nicht Holzreifen. Eigentlich weiß ich sowas, ich war wohl gerade nicht wirklich bei der Sache und hier auf dem Holz mit der Kurve noch nicht ganz fertig. Kurzer Selbstcheck: Alles noch dran, nix tut nennenswert weh. Sogar die Regenkombi ist noch ganz. Das Motorrad liegt auf der rechten Seite - was schade ist, denn links lag sie ja beim Vorbesitzer schon. Ich kann sehen, dass der Handbremshebel komplett ab ist, weil der Lenker unterm Motorrad klemmt, und der Handprotektor ist völlig verdreht. Aber es sieht sonst alles gerade und vollständig aus. Sogar Topcase und Tankrucksack sind noch dran.
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Das müsste sich doch eigentlich retten lassen. Ersatzhebel habe ich schließlich immer dabei. Also zunächst Gepäck runter und von der Brücke getragen. Dann eine Minute gewartet, ob vielleicht jemand vorbeikommt, der mir beim Aufheben helfen mag - da kam aber keiner, es ist einsam hier. Das Motorrad liegt mit den Rädern leicht bergauf, also etwas über Kopf - ich versuche mich trotzdem alleine am Aufheben, Kraft meiner 75 kg auf 190 cm, und schaffe es tatsächlich. Ich habe zwar keinen Handbremshebel mehr, versuche aber trotzdem, reinzugriefen, als sie wieder steht. Ich habe auch vergessen, zuvor den Seitenständer auszuklappen. Ich stehe auf nassem Holz, und der Vorderreifen klemmt am Seitenteil der Brücke. Aber ich kriege das Motorrad gedreht und steige auf. Sitzend kann ich die Fußbremse benutzen, auch wenn der Hebel ein Wenig verbogen ist. Immerhin ist die Fußraste noch dran - davon habe ich je eine zuhause, wo sie mir wenig nützt, fällt mir gerade so auf. Das hintere Achs-Sturzpad hängt schief, weil sich die Gewindestange verbogen hat - da wurde also Kraft aufgenommen. Auch das Motor-Schutzpad (China) hat Gebrauchsspuren. Vom Handprotektor (China) ist leider die innere Aufnahme gebrochen. Ich habe aber Kabelbinder dabei, um ihm am Verdrehen zu hindern. Die Verschraubung am Lenkerende (Rizoma) sieht schief aus, aber sie hindert den Handprotektor noch am Verlorengehen. Das passt so.

Ich fummle das Topcase runter und hole das Werkzeug raus. Dann demontiere ich den Topcaseträger, um unter die Sitzbank zu kommen. Dort löse ich den Kabelbinder, mit dem der Ersatzbremshebel an den Rahmen gezippt ist. Dann löse ich den traurigen Rest des abgebrochenen Bremshebels - dafür braucht man oben einen Schlitz-Schraubendreher, und unten einen 10er Schlüssel. Ich habe 6 verschiedene Schlüssel dabei, aber keinen 10er - was soll das denn? Ach, vermutlich habe ich den vorgestern zum Batteriewechseln benutzt und daheim liegen lassen. Glücklicherweise geht es aber auch mit meiner hochwertigen Zange. Alles wieder zusammenbauen und aufräumen, fertig. Danach kann man auch noch das zweite Brötchen aus der Bäckerei mampfen.

So kann ich nun die Fahrt fortsetzen, und mit mehr Konzentration die restlichen vier Passknacker sammeln. Den weiteren Weg durch die östlichen Dolomiten habe ich gestrichen, was etwa 100 km spart. Es geht ab auf die Autobahn. Da es im Tal richtig warm und sonnig ist, fahre erstmals heute gänzlich ohne Regenkombi. Die Autobahn ist richtig öde und anstrengend mit einem Naked Bike, wenn man Versys mit Givi Airflow gewöhnt ist, aber die Aussichten im Etschtal entschädigen.

Die letzten Kilometer geht es einen Pass hoch. Ich laufe nach dem Tanken (schon wieder!) auf einen Traktor auf, und kann wegen Kehren nicht sofort überholen. Dabei läuft eine R1200GS auf mich auf, die mich im nächsten Ort überholt. Italienisches Kennzeichen. Na, dann zeig doch mal, was du kannst! Weniger als eine Minute später stelle ich ernüchtert fest: Der kann nicht viel. Kurven schneiden wie ein Weltmeister, am Kurvenende wippt er lustig mit dem Kopf nach innen, und Schräglage kann er auch ganz ok - aber ich komme nicht nur mir, ich langweile mich, trotz Sicherheitslinie. Einen Transporter überhole ich 1 Minute später als er, und nach 2 Minuten bin ich wieder dran. Wow. Das kriegt er auch irgendwann mit und lässt mich passieren. Ich fahre ein paar Kurven oberes Wohlfühltempo, auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass ich heute bereits einen Sturz hatte, und habe dann freie Sicht in den Spiegeln. Das sind so die kleinen Freuden des Bikerlebens ;) Dann ist Passknacker-Fotopause angesagt, er passiert, und wir winken uns freundlich zu.
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Auf dieser Strecke fährt man ständig auf oder neben einem nachträglich längs eingebauten Kanal, bzw. auf den Fugen zum Altbelag. Und, was soll ich sagen, bei allem Gemotze über das Fahrwerk der MT-09: Da fahre ich völlig entspannt rastenschleifend drüber und drauf rum, da arbeiten die Reifen, aber sonst passiert da gar nix!

Und dann bin ich auch schon in Lavarone! Obwohl es Samstag, 17:50 ist, hat ein Supermarkt offen, und ich kaufe ein Sixpack Wasser für die nächsten Tage. Direkt am Hotel du Lac angekommen, wo das Höhentreffen jetzt schon das 3. Mal wohnt, gibt es ein freudiges Wiedersehen mit bekannten Gesichtern, und einige sehe ich auch das erste Mal. Wir sind mehr Leute geworden. Mein Begleiter vom Mittag ist auch schon angekommen. So beginnt dann der gemütliche Teil des Abends.

Die Route heute waren 450 km, was bei Kälte auf der Naked ziemlich schlaucht. Der Windschutz ist so schlecht, dass sitzend oder stehend zu fahren nicht mal auf der Autobahn einen Unterschied macht.
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Re: 19 Tage Höhentreffen und Frankreich über deutsche Passknacker

#3 Beitrag von blahwas » 8. Nov 2019 08:24

So 8.9. Lavarone

Heute ist den ganzen Tag starker Regen bei eiskalten Temperaturen angesagt, und zwar von 8 bis 20 Uhr. Deshalb wird ein allgemeiner Ruhetag ausgerufen.
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Normalerweise ist mir Regen egal, aber nach dem TAg gestern spare ich mir das heute gerne. Ich bin ja noch lange genug unterwegs. Vormittags fahren drei Autos voller Motorradtouristen zum nahe gelegenen Forte Belvedere, einer Verteidigungsanlage aus dem ersten Weltkrieg. Wir sind gewarnt, dass es dort kalt ist, denn es war schon Ausflugsziel in einem der vorigen Jahre, und manch ein Teilnehmer hat sich dort einen Schnupfen eingefangen. Die Fahrt ist kurz, und dann muss man etwa 15 Minuten bei leichter Steigung zu Fuß den Berg hoch. Wir zahlen als Gruppe jeder 4 statt 5 Euro Eintritt. Dann ist man auch schon in der Anlage drin, die größtenteils oberirdisch angelegt ist. Sie ist ein Wiederaufbau, wird als Museum betrieben und ist daher sicher zu betreten.
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Es ist wie bei so vielen Weltkriegsbauten absolut bedrückend zu sehen, was damals los war. Man hat als Besucher schon nach einer Stunde ein beklemmendes Gefühl und will dringend wieder raus. So einfach war es für die damals dort stationierten Soldaten nicht. Die durften nicht raus, und sie waren auch nicht ganz freiwillig drin. Außerdem waren wir im Spätsommer dort, nicht das ganze Jahr über, es sind nur etwa 100 Leute drin statt über 2000, und vor allem schießt niemand mit 34 cm-Granaten auf uns. Glücklicherweise leben wir einer Periode, die von einer historisch beispiellos langen Zeit ohne Krieg gekennzeichnet ist. Möge sie noch lange dauern!

Treffpunkt nach dem Rundgang ist die Bar, wo ich mich bei einem Tee aufwärme. Ich hätte ruhig noch mehr warme Sachen anziehen sollen, und die wasserdichten Motorradstiefel statt der luftigen Turnschuhe. Hunger macht sich bei Teilen der Gruppe breit, also laden wir zunächst am Hotel die übrigen Leute aus und machen uns dann, 14:40, auf die Suche nach einer Möglichkeit zum Essen fassen. Das klappt nicht so gut, alle Restaurants und Pizzerien schließen um 14:00 oder 14:30. Schließlich bekommen wir in einem Hotel immerhin belegte Brötchen. Dort an der Bar erleben wir den Anfang des Formel 1-Rennens in Monza. Es gibt ein großes Hallo, wenn ein Ferrari in irgendeiner Aktion beteiligt ist. Das Rennen ist ungewohnt ereignisreich, aber wir fahren trotzdem wieder ins Hotel. Ich will mich heiß duschen.

Zurück am Hotel laufen sich zwei Trial Motorräder auf dem Parkplatz warm, die Robert freundlicherweise zusätzlich zu seiner Versys mitgebracht hat. Claudia und Mirko tragen Jethelme und lauschen gebannt den Anweisungen.
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Mir ist ziemlich kalt, ich will aber noch kurz nach meinem Motorrad schauen, vielleicht noch prüfen, wie fest das Lenkerendgewicht ist. Das ist ziemlich fest. Aber ich sehe Öl auf der rechten Motorseite am Schauglas außen? Oha! Es stellt sich heraus, dass das Sturzpad beschädigt ist. Es wird direkt auf den Motordeckel geschraubt. Da die mittlere Schraube nicht mehr wirklich festsitzt, mangels planer Auflagefläche, kann an ihrem Gewinde entlang Öl laufen. Gut, dass ich das gesehen habe. Bei näherer Betrachtung lassen sich die störenden Teile entfernen, und die Schraube könnte man ungehindert eindrehen - wenn sie nun nicht zu lang wäre. Der Blick schweift am Motorrad entlang, und bleibt an den Bobbins hängen (Montageständeraufnahmen an der Schwinge). Die haben ebenfalls M6 Innensechskantschrauben, und freundlicherweise sind sie genau passend kürzer. Fransjupp hat derweil aber auch schon ein Sortiment von Unterlegscheiben ausgepackt, aus dem ich mir hätte helfen können. Notfalls hätte auch eine Fahrt zum Baumarkt geholfen. Aber gut zu wissen, dass diese Sturzpads nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Immerhin sind sie deutlich günstiger zu ersetzen als die Motordeckel, und die übrigen beiden Schrauben bieten einen Restschutz. Künftig kommen die Original-Motorschrauben zusätzlich mit.

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Re: 19 Tage Höhentreffen und Frankreich über deutsche Passknacker

#4 Beitrag von blahwas » 8. Nov 2019 16:22

Mo, 9.9., Monte Baldo, Hochebene, Süden

Heute fahre ich alleine die Monte Baldo-Runde, weil ich mich lang nicht so wirklich entscheiden kann, was ich machen will. Klar ist, dass das Motorrad dreckig ist, dass es gewaschen werden muss, und dass es auf Schotter wieder dreckig wird. Also wird es diese Route, denn sie hat den höchsten Schotter-Anteil. Aber zunächst geht es runter zum Etschtal, immer am Fels entlang und manchmal auch mitten durch. Das ist fahrerisch interessant und auch anspruchsvoll, und wenn man rumbummelt, hat man auch was von der Aussicht.
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Dann geht es schnell wieder hoch zum Passo Bordala und Passo di Santa Barbara. Das sind eindeutig Motorradstrecken, und ich habe diverse deutsche Motorradfahrer vor mir, die alle wesentlich langsamer sind, und die teilweise haarsträubende Linien fahren, als wäre es eine Einbahnstraße. Zum Glück muss ich mir das nie lange anschauen, denn der 3-Zylinder verwandelt im Handumdrehen die Gegenwart in Vergangenheit, wenn man rechts dreht und halbwegs dran vorbei zielt. Mein China-Navi findet einen drolligen Weg hoch zum Monte Baldo, nämlich über Sano durch die Weinberge.
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Dann führt die SP3 bekannt und genial in die Höhe.
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Erster Stopp ist Bocca del Creer / Monte Baldo, wo man klettern könnte. Ich fahre weiter zur Bocca di Navene, und das hat einen guten Grund:
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Ich genieße hier einfach zu gerne eine heiße Schokolade mit dieser unverschämt guten Aussicht auf den halben Gardasee. Als ich mich zur Weiterfahrt vorbereite, kommt eine 5er Motorradgruppe an, die ich heute schon gesehen, aber nicht überholt habe - sie sind glücklicherweise nach 2 km abgebogen, die ich um Motoröl anschnorre. Ich habe nix dabei, denn ich fahre schließlich Japaner, aber Samstag hat sich wohl der eine oder andere Tropfen verabschiedet, denn nun bin ich am Minimum, und da fühle ich mich nicht wohl angesichts 14 weiterer Fahrtage. Einer hat Öl dabei und gibt es mir, ein anderer braucht Kettenspray, das gebe ich ihm - leider ist meine Mini-Spühdose damit leer, und so habe ich einen Eintrag auf dem Einkaufszettel.

Die Monte Baldo Höhenstraße fahre ich nicht bis zum südlichen Ende, sondern biege zuvor links ab und fahre via Avio zum Passo Fittanze della Sega. Erinnerungen kommen hoch an die Schlachten, die bei vergangen Höhenstraße hier geschlagen wurden: Als Guide dozierte ich oben am Pass, dass mein schöner Sportreifen in der letzten Kehre doch ein wenig gerutscht sei, worauf den restlichen Sportfahrern auf Tourenpneus alles aus dem Gesicht gefallen ist, weil sie seit der zweiten Kehre eigentlich quasi durchgehend am Rutschen waren.

Diese Passhöhe ist eigentlich weniger ein Höhenübergang als ein –eingang, nämlich zu einer Hochebene. Es folgen nun reichlich Kilometer auf einem prima ausgebauten Netz als breiten Schotterstraßen. Sehr früh überhole ich dabei 2 Enduros, Transalp und F650GS. Mit einer MT-09 (nix Tracer), vorne Sportreifen, hinten abgefahrener Sporttourenreifen. Da grüßt man doch besonders freundlich. Die MT-09 liegt hier unerwartet ruhig. Ob's am breiteren Hinterreifen liegt, am niedrigeren Schwerpunkt oder dem geringeren Gewicht gegenüber der Versys 650 weiß ich nicht, aber ich bin echt angetan und traue mich bis zu Tempo 60. Und dabei habe ich noch Zeit für die tollen Aussichten.
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Auch den abwegigen Abzweig zum Monte Tomba nehme ich unter die Räder, obwohl bei Passknacker extra vor einer Befahrung mit Straßenmotorrädern gewarnt wird - es war schon steiler und unebener, aber nicht wild. Die Wirtschaft oben wird wieder betrieben, also müssen hier auch Autos hoch und runter - zum Glück kommt mir keines entgegen, denn die Fahrlinie würde ich mir schon gerne selbst aussuchen. Die Aussicht von hier ganz oben ist Klasse!
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Im weiteren Verlauf folge ich einem 4x4-Pickup, wie sie nun mal typisch für diese Strecken sind. Es tauchen auch sehr große Pfützen auf, die ich artig umfahre. Dann folgt wieder Asphalt, ebenfalls mit tollen Aussichten, und mit einer anderen Art von Fahrspaß.
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Weiter südöstlich besuche ich die beiden neuen Passknacker San Bortolo delle Montagne und Passo Santa Caterina, bevor ich mich wieder nördlich in Richtung Basislager orientiere. Die Uhr tickt, und das Navi schätzt 17:00 Uhr als Ankunftszeit. Das klingt gut, aber mit Pausen wäre es etwas knapp, da es ab 19:00 Uhr Abendessen gibt, und man will sich ja noch frisch machen. Den Punkt Roccolo Rossata fahre ich an, und nehme mir vor, ihn künftig auszulassen. Auch der Passo Zovo liegt eher in der Zivilisation als außerhalb und bringt wenig Flair mit. Das bringen danach Passo Xon mit seiner irren Kurvenführung und Passo di Campogrosso, wobei ich heute aus routentechnischen Gründen nur einen davon auf beiden Seiten fahren kann. Da die Nordseite des Passo di Campogrosso dauerhaft gesperrt ist (außer man hat eine Genehmigung), fällt die Wahl nicht schwer. Die Nordseite des Passo di Campogrosso führt übrigens fast durchgehend bergab und ließe sich daher auch ohne Motor hinabrollen - das wäre zwar rücksichtsvoll, aber genauso verboten.

So oder so, man kommt zum Passo delle Fugazze, und dann zum Passo Xomo, trotz verwirrender "gesperrt bei Kilometer XY"-Beschilderung. Von hier nördlich zum Passo della Borcola hat man eine ganze Reihe von Kehren zu bewältigen, die mir heute richtig Spaß machen. Ende der Welt-Feeling und drohende Wolken sind eine nette Kombination für Abenteuer-Flair. Dazu wird es auch wieder ordentlich kalt. Andere Leute fahren dafür den Pordoi – ich habe hier noch mehr Kehren, aber die Straße für mich alleine.
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Über Serrada geht es endgültig zurück in Hotel-nahe Gefilde. Ich fahre sogar noch am Hotel vorbei, um die Yamaha zu waschen, und um sie dann wieder trocken zu fahren, sammle ich noch zwei Passknacker in der Nähe ein, nämlich den Passo del Cost und Spiazo Alto (viel besser bekannt als Kaiserjägerstraße).

So geht ein schöner Solo-Fahrtag zu Ende. Das einzige, was etwas Sorgen macht, ist das verdampfende Profil am Hinterreifen. Der muss dringend neu. Freundlicherweise ist unser Hotelwirt bereits im Kontakt mit einem Reifenhändler, der sogar einen CRA3 für mich hat. Nur für die Mitfahrerin Bea sind wird noch am Feilschen: Er hat keinen BT-023, schlägt stattdessen einen Pirelli Diablo Rosso 3 vor - oha, das ist aber was ganz Anderes, und für die Dame sicherlich übertrieben. Ich lasse nach Pilot Road fragen.

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Re: 19 Tage Höhentreffen und Frankreich über deutsche Passknacker

#5 Beitrag von blahwas » 8. Nov 2019 16:22

Di 10.09. Gardasee Herrenrunde

Mein Hinterreifen ist weiterhin Baustelle und droht mit den TWIs. Morgens meldet sich der Wirt bei mir, mit genauen Daten zu meinem geplanten Reifenwechsel: Es gibt einen CRA3 für mich, für 180 Euro, und für Bea einen Satz Michelin Road 5 für 290 Euro. Das sind vernünftige Preise für Italien. Leider ist der Termin erst um 15:30, so dass wir noch zwei Tage mit den Resten unserer Hinterreifen leben müssen. Um Profil zu sparen, fahre ich heute also nur kurz, und langsam, und schließe mich einer Herrenrunde an, die "Gardasee" als Ziel nennt.

Morgens geht es den Kaiserjägersteig hinunter nach Levico, durch den Ort und dann über weitläufige Serpentinen nach Compet hoch. Das kommt mir gelegen, denn das Ortsschild ist auch ein Passknackerpunkt, den ich sonst in keiner Route hätte. Das Foto gönne ich mir, jax als Tourguide hat dafür Verständnis. Dann geht es westwärts den Berg wieder runter, was wesentlich verschachtelter und unübersichtlicher ist.
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Dann näher wir uns dem Gardasee vom Nordwesten und haben den obligatorischen Kilometer Stau vor dem Kreisverkehr. Wir fahren die östliche Uferstraße entlang und suchen uns ein Café.
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Fündig werden an einem Yachthafen mit Surfschule. Als wir den Kaffee schlürfen, mit Aussicht auf den See und übende Surfer, nach einer philosophischen Diskussion, fällt uns etwas auf: Hier könnte man doch eigentlich auch prima Mittag machen. Gesagt, getan: 3x Pasta, 1x Lasagne. Eigentlich zu viel, aber hey, ist ja Schontag heute.
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Weiter geht es zum Monte Baldo. Da war ich zwar gestern schon, aber heute geht es über die Hauptstrecke statt über die Weinberge. Deshalb, und wegen der anderen Fahrweise, dauert es gefühlt doppelt so lange, und ich werde etwas unruhig. Das gibt sich aber schnell wieder, als wir Café mit Aussicht ankommen, wo Schoko und Chips schnabuliert werden.
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Jax führt uns danach auf schnellstem Weg zum Hotel zurück - und da sind wir auch erst kurz nach 17 Uhr. Passt also! Ich darf noch sein Motorrad testen: Er hat die neue Kawasaki Versys 1000 SE in Kawa-Grün, ein beeindruckend großes Motorrad mit allem Schnick und Schnack. Ich scheuche sie die Bergstrecken bis zum nächsten richtigen Pass rauf und wieder zurück. Es fällt sofort auf, dass sie sich viel leichter fahren lässt, als sie aussieht. Sie wiegt sagenhafte 65 kg mehr als meine MT-09, ist aber keineswegs träge. Dafür fühlt sich alles etwas indirekt an. Das könnte aber auch an den Reifen liegen. Zumindest vorne würde ein Sportreifen sicher guttun. Ich fahre mal im Sport-Modus, mal im Tour-Modus, merke da aber auf die Schnelle keinen Unterschied. Der Schaltassistent ist rauf und runter super, nur in Schräglage beim Beschleunigen sollte man nicht raufschalten.

Da Claudia schon morgen abreist, machen wir schon an diesem Abend das Gruppenfoto. Mein MO24-Kumpel Duck stellt sich als Fotograf zur Verfügung, er macht das schließlich öfters, und dann muss er nicht sein Gesicht ins Foto halten - er ist halt schüchtern. Die Idee zum Foto ist "Gediegener Debattierclub", da es draußen schon dunkel ist und weil es in der Garage nicht richtig hell wird. Das Ergebnis bringt den Charme des 1901 eröffneten und seitdem nur sorgsam modernisierten Hotels gut rüber.
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Re: 19 Tage Höhentreffen und Frankreich über deutsche Passknacker

#6 Beitrag von blahwas » 8. Nov 2019 16:37

Mi 11.9. Rund um Reifen

Bea und ich habe um 15:30 einen Termin beim Reifenhändler. Sie bekommt einen Satz Michelin Road 5, ich einen ContiRoadAttack 3 Hinterreifen. 15:30 ist eine etwas blöde Zeit, weil man danach nicht mehr wirklich etwas machen kann, und davor auch nichts Tolles. Also grasen wir die nächsten Pässe ab:
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Am Monte Baldo gibt es einen Kaffee, und in Brusago gibt es Mittagessen in einem dieser landestypischen Restaurants, wo sonst eher Handwerker und Rentner günstig essen gehen. Über den Passo Redebus geht schick…
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Und dann endlich nach Pergine, wo der Reifenhändler wartet. Bea lässt mir den Vortritt und lädt mich ein, ohne sie weiter zu fahren, weil sie meinen Tatendrang spürt - da sage ich nicht nein.
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Nach dem Reifenwechsel schiebt der Mechaniker mein Motorrad 3 Meter rückwärts aus der Halle, und dann kleben bereits Steinchen an der Oberseite des Reifens. Es ist einfach klasse, wieviel Grip der CRA3 schon hat, bevor man einen Meter damit gefahren ist. 100 km vorsichtig Reifen einfahren ist was für andere Fabrikate. Ich breche nun zum Manghen auf, weil er wegen einer Oldtimer-Rally ab Morgen bis Sonntag gesperrt sein soll. Meine Gashand holt alles nach, was sie die letzten Tage durch "Profil schonen" verpasst hat. Die Yamaha schnupft dabei reichlich Schnell- und Bundesstraßen auf, biegt dann flüssig erst rechts und dann links ab, und dann geht's richtig los: Gegenüber dem Vorjahr ist der Belag besser und die Fahrbahn in weiten Teilen auch breiter geworden. Das nimmt man wohlwollend zur Kenntnis. Dass der letzte Sturm auch reichlich Bäume flachgelegt hat, ist weniger schön, aber zumindest hat man jetzt auch Sicht auf die Landschaft - und die lohnt sich hier richtig.
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Es ist weniger Verkehr, die wenigen Autos vor mir lassen mich gerne passieren - auch wenn sie selbst schon fast auf zwei Rädern um die Ecken fahren. Bergauf kommt gegen ein Motorrad wenig an. Natürlich ist der Manghen keine Rennstrecke, denn das oberste Drittel ist weiterhin unter 4 Meter breit, und es stehen auch reichlich Kühe drauf, die man nicht erschrecken will. Oben angekommen bin ich froh, es geschafft zu haben, und begeistert von den Eindrücken.
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Außerdem war ich deutlich schneller als das Navi dachte. Da könnte man doch noch...? Die weiteren Tage sind eigentlich schon verplant, und da bleiben ein paar Pässe übrig. Coe und sein Nachbar Valico di Valbona, und auch weniger Kilometer jenseits des Kaiserjägers, vom Hotel aus gesehen, Passo di Vezzena. Also flugs das Navi programmiert, und siehe, Ankunft 18:30. Das ist etwas spät, aber mal sehen, wie viel schneller ich heute wohl sein werde.

Es folgt wieder Schnellstraße, und dann der Kaiserjäger. Da habe ich heute wenig Verkehr in meine Richtung, und in Gegenrichtung wundere ich mich etwas über andere Verkehrsteilnehmer. Wenn ein Motorrad in einem einspurigen Tunnel bergauf fährt, sollte man da eigentlich nicht mit einem Kleinbus reinfahren. Passt aber. Wenn man mit dem Auto um eine Kehre fährt, sollte man dabei eigentlich nicht die gesamte Straßenbreite reservieren. Ich rechne mit sowas, und bin eher amüsiert ob des Nichtkönnens als sauer oder gar erschrocken. Auch die Aussicht ist kult.
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Auf der Hochebene geht's links zum Passo di Vezzena, und auch hier kriege ich wieder bestätigt, dass eine durchgezogene Linie in einer nicht einsehbaren Kurve kein Hindernis sein muss, auch wenn die eigene Fahrspur reichlich breit ist. Ich weiche dem Übeltäter also aus und gucke etwas fragend. Schnell das Passknackerfoto am Passo di Vezzena geschossen, umgedreht, den Übeltäter von vorhin überholt und zurück nach Lavarone. Wer sieht etwas in diesem Bild?
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Aber noch nicht zum Hotel! Heute geht's recht weit durch die Ortschaften und endlich links zum Coe. Plötzlich kein Verkehr mehr und Idylle. Es fährt sich fast wie ein typischer Dolomiten-Pass.
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Weiter geht zum Valico di Valbona, an einer Schafsherde vorbei, die sich aber mehr fürs Gras neben der Strecke interessiert als für die Straße selbst. Am Valico di Valbona ist es heute ausnahmsweise nicht windig und feucht. Normalerweise kann man hier reichlich Wetter erleben.

Das war mein letzter Passknacker für heute, und ich steige erleichtert wieder aufs Motorrad. Ich fahre an, klappe den Helm zu, und würge ab! Scheiße, Fuß raauuuuuuu... nope, da ist kein Boden, ich stehe ganz am linken Rand einer deutlich überhöhten Rechtskurve. Und so begibt sie die Yamaha erneut auf den Weg in die Waagrechte, obwohl ich das verhindern möchte. Alleine, es gelingt mir nicht so gut. Zwar bleibt der Lenker in der Luft, aber hoch bekomme ich sie auch nicht mehr. So hänge ich halb über und halb unterm Mopped und gucke recht sparsam aus der Wäsche. Immerhin, der Motor ist schon aus, also klappe ich den Seitenständer aus und warte einfach mal auf Hilfe, denn mit zwei weiteren Händen geht das sicherlich sehr leicht. Die Hilfe erscheint in Form eines italienischen SUV mit 3 Damen und einem Herrn mittleren Alters, die meiner misslichen Lage mitfühlend gegenüberstehen. Der Herr versteht schnell was ich will und hilft mir hoch. Die Donnas sind eher besorgt um meinen Gesundheitszustand. Es könnte sein, dass ich sie vorhin überholt habe, und dass sie von einem Sturz während der Kurvenfahrt ausgehen - wer steht denn schon sonst mitten in der Kurve, außen, entgegen der Fahrtrichtung. Ich spreche praktisch Null Italienisch und erkläre halb lautmalerisch "Pausa, Foto, Foto, a la Moto, *rechte Hand Gasgriff drehen* bröÖÖöppp *kopf nach vorne* uiuiiuuuiii *umfallen andeuten*. Tutto bene!" Dann will sie mir noch den Weg irgendwohin erklären, was ich gekonnt mit "capiche niente" kontere. Ich bedenke mich erneut, und so ziehen wir unserer Wege. Ich rolle vorsichtigst zum Hotel zurück und hechte unter die Dusche, um 19:00 pünktlich zum Abendessen zu sein. Bea ist schon längst da und begeistert bis verwirrt von ihren neuen Reifen. Beim Abendessen fällt dann allgemein auf, dass es irgendwie anders ist, jetzt ohne Claudia, die problemlos den ganzen Tisch unterhalten kann.

Die Route nach dem Reifenwechsel:
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Re: 19 Tage Höhentreffen und Frankreich über deutsche Passknacker

#7 Beitrag von fransjup » 8. Nov 2019 17:32

Danke für die tolle Zusammenfassung
Macht wie immer Spaß deinen Bericht zu lesen
Wenn du ein Foto von deinem Kumpel Duk benötigst
ich habe bestimmt was in der Sammlung
gruß fransjup

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Re: 19 Tage Höhentreffen und Frankreich über deutsche Passknacker

#8 Beitrag von versys1000GT » 8. Nov 2019 20:52

Sehr schöne Zusammenfassung. Blahwas seine Berichte machen immer wieder Spaß zum Lesen.
Geiz ist nicht geil. Viele Menschen sparen und sparen, damit sie eines Tages die Reichsten auf dem Friedhof sind !

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Re: 19 Tage Höhentreffen und Frankreich über deutsche Passknacker

#9 Beitrag von blahwas » 9. Nov 2019 10:50

Do 12.9. Dosso Alto, Maniva, Croce Domini

Die Dosso Alto Höhenstraße und die Nordseite des Passo Manivas im weiteren Verlauf sind meine absoluten Lieblingsstrecken dieser Region, und eigentlich auch überhaupt. Deswegen macht es mir auch nichts aus, jedes Jahr die gleiche Route zu fahren. Heute kommen Duck (Markus) und Mirko (Angstnippel) mit, die beide das erste Mal hier in der Region Motorrad fahren. Die können sich auf etwas gefasst machen! Angstnippel hat ein Handycap wegen eines ultraeckigen Vorderreifens, und Duck ist erst 2 Tage in Italien, daher gilt das Prinzip "lose Gruppe": Ich fahre mal vor, und warte dann vor dem Abbiegen.

Es geht zunächst auf den schnellsten Weg zum Gardasee, wo natürlich reichlich Verkehr und wenig Fahrspaß ist. Dann geht's zum Ledrosee, wo man mit erheblichem Einsatz immerhin Spaß beim Überholen findet. Mir fällt eine MV Agusta Brutale Dragster RR auf, deren Fahrer anscheinend bereits alles überholt hat, jetzt auf seine Gruppe wartet - die ich wiederum gerade überholt habe - und der mich bereitwillig vorbeilässt. Danach mache ich das Foto am Passo Ampola, warte auf die beiden Mitstreiter und rufe die Vormittagspause aus. Dafür steht ein Café direkt hinter der Kreuzung zur Tremalzo bereit.

Eigentlich könnte man hier zum Passo di Tremalzo hoch fahren, aber da sieht man nicht wirklich was, und man muss umdrehen, weil der eigentliche Höhepunkt nur für Radfahrer erlaubt ist. Aus Zeitgründen sparen wir uns das. Den Passo Ampola westwärts geht es die Schlucht entlang, sehr schick zu fahren, mit etwas Aussicht und launigen Überholmanövern. Wie immer hört der dichte Verkehr am Ledrosee auf. Die Leute scheinen den ganzen Tag zwischen Ledrosee und Gardasee hin und her zu fahren.

Den Idrosee entlang stelle ich fest, dass die Mitfahrer inzwischen die italienische Seite des Motorradfahrens an sich entdeckt haben. Schließlich biegen wir auf die Dosso Alto Höhenstraße ein. Die ist etwa 3 Meter breit und schraubt sich in diversen Kehren immer höher. An einer Kehre gibt’s Pippi-Pause mit Aussicht auf den See. Dann beginnt der wirklich hohe Teil der Strecke. Hier jagt eine Hammeraussicht die nächste und man weiß gar nicht, wo man überall für Fotos oder einfach zum Gucken anhalten soll.
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Als Passknacker gibt es noch drei Pflichtstopps. Schließlich weicht der Asphalt dem Schotter, der sich aber gut fahren lässt. Dann laufen wir auf eine MV Agusta Brutale Dragster RR auf, die mir verdächtig bekannt vorkommt. Er bemerkt uns und lässt uns passieren, sein vorausfahrender Freund auf 1200 GS ebenso.
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Markus gefällt’s:
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Mirko auch:
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Kurz danach erreichen wir den Passo Maniva und kehren ein. Die andere Gruppe auch – das trifft sich gut. Ich stehe auf die MV Agusta Brutale Dragster RR, die eigentlich meiner MT-09 recht ähnlich ist – aber nur von den Daten her.
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Die Nordseite des Maniva führt komplett jenseits der Baumgrenze an diversen Radiotelekospen vorbei zum Croce Domini. Das ist laut Landkarte eine gewöhnliche Straße. In echt ist sie ca. 10 km lang unbefestigt, aber breit, eben und nicht besonders steil. Nur der letzte Kilometer ist steil und löcherig. Für die Strapazen entschädigen allerdings mit die besten Aussichten, die ich überhaupt je im Sattel hatte.
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An der Passhöhe des Croce Domini erreichen wir wieder Asphalt und schwingen uns gemütlich durch die Natur ins Tal. Dabei wird noch mal eingekehrt, ist ja Urlaub hier, und man will die Umgebung aufsagen.

Zur Weiterfahrt starte ich mit der F800R von Markus, der sich stattdessen auf meiner MT-09 vergnügt. Natürlich ist die Sitzposition ganz anders, ich habe schließlich die „Street Rallye“-Sitzbank, also eine Supermoto-Sitzposition weit vorne und oben auf dem Motorrad, während man bei der F800R mehr weiter hinten und drin sitzt statt drauf. Der Twin schiebt bei niedrigen Drehzahlen sehr gut, aber danach passiert kaum noch was. Dagegen ist mein Triple eine Abrissbirne, die bei jeder Drehzahl einschlägt und einem den Boden unter den Füßen wegzieht, dass es eine wahre Freude ist. Markus mag die Sitzposition nicht, hätte aber gern den Motor. Nö, den behalte ich!

Zurück im Tal haben wir dann eigentlich nur noch Hauptstrecken vor uns. Umwege über Höhenlagen machen wenig Sinn, da würde die Route zu lang werden. Den ersten Abstecher zum Passo Daone sparen wir uns aus Zeitgründen. Ein Abstecher geht aber: Goletto di Cadino und Passo Barmone – dien sind aber auch eher für Passknacker-Fans.

Im späteren Verlauf haben wir noch einen Bundesstraßenstau, wo wir echt lange warten. Ich bin Ingenieur, und als Ingenieur kennt man Murphys Gesetz: Alles was schief gehen kann, geht auch schief. Das klingt negativ, aber man kann es positiv anwenden: Es wäre doch echt ärgerlich, wenn ich jetzt meine Handschuhe ausziehe und anfange am Handy rumzufummeln, und es dann plötzlich doch weiter geht. Dann müsste ich hektisch das Handy verstauen und die Handschuhe anziehen, um nicht den Verkehr aufzuhalten! Das wäre sehr unangenehm! Murphy kriegt das mit, ich ziehe die Handschuhe aus, halte kurz inne – gucke mich misstrauisch um – nichts passiert. Ich hole das Handy raus und entsperre es – sofort setzt sich die Kolonne vor uns in Bewegung. Ha! Wieder ein Sieg über das Schicksal! :) Anlass des Unfalls war ein Kreuzungsunfall zweier Autos, glücklicherweise offensichtlich ohne Schwerverletzte, daher regelt die Polizei den Verkehr wechselseitig.

Danach ging es wieder mit „Feuer frei!“ den Berg hoch, und zurück zum Hotel, wo wir alle ziemlich begeistert von dieser Tour waren. Der Passo Maniva hat einen festen Platz in meinem Herzen.

Die Route von heute, 345 km, weitgehend zur Nachahmung empfohlen:
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Re: 19 Tage Höhentreffen und Frankreich über deutsche Passknacker

#10 Beitrag von frieda » 9. Nov 2019 11:23

Toller Bericht, tolle Fotos, :clap:
und noch einer der Murphys Gesetze :think: :sabber: :pfeif: verstanden hat.
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Re: 19 Tage Höhentreffen und Frankreich über deutsche Passknacker

#11 Beitrag von blahwas » 9. Nov 2019 11:27

Fr 13.9. Dolomitenrunde mit Renate

Zu jedem Höhentreffen gehört für mich eine Dolomitenrunde. Andere verbringen in den Dolomiten eine ganze Woche, ich mache das an einem Tag. Dazu werfe ich mich morgens auf die Autobahn und klappere eilig und am besten alleine alles ab, was sich irgendwie auf eine Route zwingen lässt. Heute kommt aber Renate mit, der es sonst nicht schnell genug geht.

Ins Tal runter überholen wir eine S1000RR aus München, die ich glaube ich schon in unserer Hotelgarage gesehen habe. Dann folgt Autobahn, und dann die Mautstation an der Ausfahrt. Leider wird dort keine EC/Maestro/VPay/Wieauchimmerdasjetztschonwiederheißt-Karte akzeptiert, sondern nur VISA und Bargeld. Ich zahle mit VISA, aber Renate probiert es mit der deutschen Bankkarte. Ich kann leider nicht helfen, weil die Polizei direkt dahinter steht, und dahinter stehen LKW in 2er Reihe. Also warte und warte ich. Renate erhält derweil Hilfe vom Personal, u.a. muss ihr 20 Euro-Schein geglättet werden. Danach gibt es 16,80 Euro Wechselgeld in Münzen, und ab geht’s in die Berge!

Die Hauptwege in den Dolomiten sind leider voller Verkehr und Überholverbote. Ein Bauarbeiter droht mir mit der Schaufel, als er meint, mich beim verbotenen überholen gehört zu haben. Tsts! Auf der Hochebene wird getankt, das reicht dann hoffentlich bis zum Ende.

Die Strecken selbst sind wunderschön, aber da sind immer diese anderen Leute. Leider gibt es auch bei Motorradfahrern den Typ "Ich bin zwar langsamer als Du, aber VOR dir, und ich lasse dich nicht vorbei!". Gut, dass ich statt 64 PS jetzt 115 dabeihabe und mich von fetten Harleys oder BMW K1300S "Bayerbusa" nicht lange aufhalten lassen muss. Weniger schön dagegen ist der Schwund an Baumbestand.
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Die Passknackerpunkte wandern in den Köcher, und Renate braucht erfreulich wenig Pausen. Eigentlich brauche eher ich die Pausen. Eine Mittagspause machen wir dann erst bei der Ochsenhütte am Nigerpass.
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Da gibt es einen geschotterten Parkplatz, wo Autos stehen, und ich stelle mich halt dazu. Danach fällt mir erst auf, dass es reichlich steil ist, Renate hat ja nicht allerlängsten Beine. Es klappt aber. Später erscheint eine andere Gruppe deutscher Motorradfahrer. Beim Verlassen der Location sehe ich ihre Motorräder nicht - die stehen erst ganz unten, an der Straße. Alle Kennzeichen Essen (wie ich) und Ennepetal (wie der angrenzende Kreis). Grüße in den Ruhrpott!

Besonders schön wird‘s wieder am Rollepass, da rasten wir wieder, und zufällig treffen wir auf Markus/Duck, der heute alleine auf Fototour ist. Fotografieren geht hier natürlich auch toll.
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Der Passo Ghobbera ist wegen einer Rally leider gesperrt, aber der Brocon ist offen. Eine Gruppe K1600-Fahrer behindert den Verkehr leider schon im Tal, aber da kommt man noch gut vorbei. Fahrt doch lieber Cabrio. Oder Bus. Oder Kreuzfahrtschiff. Oder einfach mal Platz machen, kostet ja nix. Der Brocon ist wieder schön.
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Und mit der richtigen Linie braucht man auch keine Angst vor Gegenverkehr zu haben, den man hier eigentlich immer hat.
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Jenseits des Brocon will ich zum Cima di Campo und Forte Leone, aber meine beiden Navis finden keinen Weg dorthin. OSM zeigt mir den rechten Weg - die Straße gibt es einfach nicht auf meinen beiden Navis. Vielleicht ist sie zu neu. Man hat hier weitgehend seine Ruhe.
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Bei einer Rast passiert uns eine Viergruppe Dänen, alle winken, drei davon auf MT-09, und alle auf dem Hinterrad. Okay? Was ist denn hier los? Ist das der geheime MT-09-Gruß?

Der Schotterweg zum Forte Leone hoch ist noch harmloser, als ich ihn in Erinnerung hatte - besser als viele Parkplätze. Renate bummelt etwas und flucht über Kuhscheiße auf dem Hinterrad, ist oben aber umso stolzer. Ein toller Punkt hier! Das Fort selbst ist geschlossen, wird aber aktuell bearbeitet, um in Zukunft zugänglich zu sein. Es gehört zur gleichen Verteidigungslinie wie das Fort, das wir am Sonntag besucht haben.
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Zurück geht es jetzt auf schnellstem Weg. An der Schnellstraße gibt es noch Sprit, die Yamaha hat Durst, und dann den Kaiserjäger hoch. Da laufe ich auf ein Auto auf, das seinerseits an einem Lieferwagen nicht vorbei kommt. Als der Lieferwagen in einer Linkskehre zurücksetzen muss, erkenne ich meine Chance, hupe kurz und gehe innen durch. So eine Gelegenheit bietet sich so schnell nicht wieder! Leider fehlt von Renate danach jede Spur, und auch sonst kommt keiner mehr von unten hoch, als ich warte. Oha! Besser umdrehen. Sie kommt mir bald entgegen und dreht an ihrem linken Spiegel rum. Diagnose: Sie ist umgefallen, weil sie im entscheidenden Moment Angst vorm Lieferwagen bekommen und gezögert hat. Dann stand sie, und dann war zu wenig Straße unterm Bein. Innen in der Kehre ist es sehr uneben. Leistungsabruf und/oder Hupe hätte geholfen. Sie hat sich nichts getan, aber ihre Z hat Kampfspuren am Motordeckel (trotz Sturzpads), Lenkerendgewinde, Spiegel, und der Kupplungshebel ist an der Sollbruchstelle verkürzt worden. Da wurde am letzten Fahrtag also schnell noch etwas Schrott produziert, aber keine Verletzungen. War ja auch Freitag der 13.

Zurück am Hotel wird der letzte Abend des Treffens ausreichend gewürdigt, auch wenn von 16 Teilnehmern nur noch 10 da sind. Durchgehende Anwesenheit ist ja keine Pflicht. Alle sind zufrieden, auch die Erstbesucher. Auch Markus als BMW-Alien fühlt sich wohl. Morgen reise ich mit ihm weiter.

355 km heute und sehr zur Nachahmung empfohlen!
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Re: 19 Tage Höhentreffen und Frankreich über deutsche Passknacker

#12 Beitrag von Sorro » 9. Nov 2019 11:42

Einfach tolle Berichte, blahwas! Vielen Dank dafür!!! Man würde die Touren am liebsten gleich nachfahren!!!

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Re: 19 Tage Höhentreffen und Frankreich über deutsche Passknacker

#13 Beitrag von blahwas » 9. Nov 2019 12:44

Sa 14.9. Iseosee, Transfer nach Aosta

Heute ist allgemeiner Abreisetag vom Höhentreffen. Markus und ich reisen weiter nach Frankreich. Unsere Übernachtung ist heute im Aostatal, knapp vor der Grenze, noch in Italien, aber schon im französischsprachigen Teil. Zunächst fahren wir einen Bogen um den Gardasee und schnappen uns noch ein paar Straßen am Idrosee.
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Irgendwann ging es dann im Dorf rechts ab und länger steil abwärts auf einer sehr schmalen Straße.
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Sieht ja noch okay aus. Doch dann kamen Steine, …
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… und dann Waldboden. Ich halte an, um in OSM und im Navi nachzuschauen, was das soll. Geht es hier wirklich weiter? Zurück kommen wir nicht, wenn die Strecke noch schlechter wird.
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Dann erreicht uns ein Italiener auf einer Scrambler aus der Gegenrichtung. Er sagt, da geht es nicht weiter, nicht für uns, und nicht für ihn. Ich glaube ihm das, habe aber auch ernste Bedenken. Und dann kam der Panda. Klar, Italien geht nicht ohne Panda. Und Panda 4x4, natürlich das alte Modell, fährt jede Straße in Italien und jeden Maultierpfad. Und auch an den geparkten Moppeds oben im Bild vorbei ohne anzuhalten oder zu meckern – einfach mehr im Gebüsch. Wenn das die deutschen SUV-Fahrer wüssten!

Zum Iseosee ging es über den Passo Tri Termini, wo heute eindeutig die Einheimischen Supersportler regieren. Andere halten Radfahrer auf.
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Die goldene Ananas geht heute an den Fahrer einer KTM 1290 Super Duke GT, der vorbildlich Rasten und Knie schleift, dabei eine saubere Linie aufs Parkett zaubert, nicht zu laut ist, und der alle 7 Minuten am Cafe vorbei kommt, in das Markus und ich eingekehrt sind. Wir wollen uns vor der drohenden Autobahnetappe noch erholen und stärken, und außerdem die tolle Aussicht aufsaugen.
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Kehrseite der Lage: Ein Stück Käsekuchen, ein alkoholfreies Bier und eine Cola kosten zusammen schlappe 18 Euro. Dann kommt der öde Teil, 255 km Autobahn in der Poebene. Die Sonne knallt, es ist sehr warm. Rastplatz muss auch mal sein.

Die echte Autobahn durch das Aostatal kostet ziemlich viel Maut, entsprechend viele Leute sparen sie sich und fahren die Landstraße, die auch durch Ortschaften führt. So auch wir. Immer wieder schön ist die StVO für Motorradfahrer in der autonomen Region Aosta. Das hier ist rechtlich Italien, kulturell Frankreich, und im Straßenverkehr macht eigentlich jeder was er will. Wir stehen irgendwann neben einem Golf R vorne an der Ampel und lassen uns überraschen. Innerorts auf breiten Straßen wird anscheinend Autobahntempo gefahren. Fahrspuren sind gar nicht erst markiert. Es ist eigentlich durchgehend Tempolimit 50 oder 70 und Überholverbot, aber die einheimischen Motorradfahrer kommen außerorts auf ein deutlich dreistelliges Durchschnittstempo. Völlig krank aus deutscher Sicht, funktioniert aber irgendwie. Vielleicht gönne ich mir nächstes Mal die Autobahnmaut, denn es ist doch recht aufregend und damit anstrengend.

Zur Abwechslung hatten wir einen Umweg über zwei Pässe eingebaut: Raus aus dem Aostatal, rauf zum Colle Tzecore, weiter zum Colle di Joux. Zwischendurch bemerke ich Kräftesalat beim Einfedern, da das Topcase ein Eigenleben entwickelt. Die Trägerplatte ist mit je einer Schraube an den beiden Trägern fest und liegt auf der Sitzbank auf. Leider hat sich eine Schraube gelöst, so dass sich die Grundplatte und damit das Topcase um die andere Schraube verdrehen kann. Das war so nicht vorgesehen, aber die lose Schraube ist noch da, und auch sonst ist kein Teil verloren gegangen. Die Schraube wird festgezogen, der passende Inbus liegt schließlich griffbereit. Das mache ich jetzt wohl besser täglich. Auf der Fahrt muss man auf die Streckenführung achten. Dabei die Aussicht nicht ignorieren und auf die Kühe aufpassen.
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Im Tal dämmert es schon und Nebel steigt auf. Da müssen wir gleich wieder runter.
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Der Tag neigt sich dem Ende zu, lange Schatten drohen, aber es sind noch 1,5 Stunden Route übrig, und der Hunger meldet sich auch schon wieder. Dazu sind wir reichlich platt. Also fahren wir gemächlich den Pass runter, ordnen uns in den fließenden Verkehr ein, und kehren bei der letzten Pizzeria auf der Hauptstrecke ein, 4 km vor dem Ziel. Wir wären wohl beide nicht mehr aufgebrochen, hätte wir erst mal die Klamotten ausgezogen. Die Pizza schmeckt gut, für mich mit Würstel (Frankfurter - wirklich typisch Italienisch, übrigens).

Danach geht's mit dem letzten Rest Tageslicht zur Ferienwohnung ins Dorf. Leider hatte ich den Zielort nicht genau genug in die Route gepackt, oder das Navi war großzügig mit der Interpretation. Jedenfalls suchen wir das richtige Haus eine Weile. Dunkelheit und Hausnummern sind keine Freunde, aber die Gastgeberin steht an der Straße und hilft uns. Die Ferienwohnung war früher eine Scheue und wird anhand der liebevollen und umfassend alltagstaublichen Ausstattung offenbar auch vom Eigentümer reichlich genutzt. Es gibt Wii, Sky, reichlich DVDs und Bücher, ein hochwertiges Bad. Für mich ein Doppelbett, für Markus eine Schlafcouch - das war der Deal, weil ich mich um alles kümmere. Heute war viel Autobahn und Hitze, die nächsten Tage werden besser!

Heute waren es 550 km, als Transfertag extralang und nicht mit Highlights gespickt. Man hätte hier auch zwei bis drei Tage verbringen können und sich die Schweizer Grenze und die anderen Seen entlang hangeln können, aber das fand ich weniger attraktiv als 1-2 Tage zusätzlich in Frankreich. Es ist auf den Hauptstrecken sehr voll da, und auf den Nebenstrecken kommt man kaum vorwärts.
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Re: 19 Tage Höhentreffen und Frankreich über deutsche Passknacker

#14 Beitrag von blahwas » 9. Nov 2019 20:07

So 15.09. Nach Frankreich übersetzen

Nach einer erholsamen Nacht kriechen wir aus den Betten und auf die Moppeds. Flugs das Frühstück gekauft und dann über den kleinen St. Bernhard nach Frankreich gewechselt. Ein toller Pass, man hat viel zu gucken, auf beiden Seiten.
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Wir frühstücken unterhalb der Passhöhe von 2188m, mit einer Mauer als Tisch.
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Kaum in Frankreich im Tal angekommen geht’s rechts zum Lac de Roselend. Das ist zwar ein künstlicher Stausee, aber guckt einfach selbst…
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Der Tag war an diesem Punkt schon besser als der letzte. Wir waren hier schon mal vor geraumer Zeit, aber so genau wussten wir nicht, wo. Das vor meiner Passknackerzeit und dem damit verbundenen Dokumentationsfimmel. Dank Sonntag und gutem Wetter haben wir auch andere Motorradfahrer vor uns, und manchmal sogar auch hinter uns. Die Franzosen wissen eben, wie es geht! Richtig hoch wird’s dann wieder am Col de July – 1989m.
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Danach folgt eine Schleife über diverse kleine Pässe im äußersten Norden, die man jederzeit abkürzen könnte – und das haben wir auch. Ist ja Urlaub hier! Ich verachte sogar den Col du Merdassier, den mein Navi über irgendeinen doofen schlammigen Feldweg anfahren will. Ich interessiere mich mehr für diese Rundstrecke hier:
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Das ist ein „Pump Track“ für BMX- und MTB-Fahrer, die dort nur durch aufrichten und buckeln Tempo aufbauen können. Leider reichte die Bodenfreiheit der MT09 nicht. Wir wuseln stattdessen weiter quer durch die Passknackerpunkte, grob Richtung Süden. Ja, DA lang!
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Wir hatten heute viel Fahrspaß, auch wenn die Straßen nicht alle super breit ausgebaut waren, manche sahen eher so aus:
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Nach der Pause sehe ich, dass mein Topcase stark nach hinten geneigt ist. Was'n da los? Hat mir einer das Mopped umgefahren und wieder aufgerichtet? Eine eingehende Fehlersuche fördert zu Tage, dass die Gelenke nicht mehr richtig fest sind. Weil der Schwerpunkt des Topcase hinter den Gelenken an der Unterseite der Halteplatte sitzt, kann das Topcase nach hinten wegklappen, wenn es gerade nicht auf der Sitzbank aufliegt, z.B. wenn das Hinterrad gerade ausfedert. Als Gegenmaßnahme zurren wir zwei Gurte fest zwischen den Packösen (die an der Sitzbankunterseite fest sind) und der Halteplatte, so dass die Halteplatte auf der Sitzbank bleibt. Ich zweifle etwas an der Haltbarkeit, aber es das Problem trat danach tatsächlich nicht mehr auf.

Unsere Gîte (Fewo) liegt in heute Aiguebelle, südlich von Albertville. Sie ist funktional eingerichtet. Für mich gibt es ein Doppelbett, für Markus wieder eine Schlafcouch.

Wir finden noch ein offenes Restaurant in Spaziergang-Entfernung, wo wir liebevoll bedient werden. Für uns gibt es sehr reichhaltige Salatteller. Markus trinkt im Unterschied zum Vorjahr nicht mehr jeden Abend die Bar leer. So finden wir auch nüchtern in den Schlaf nach einem tollen Start in Frankreich!

Tagesroute 337 km
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Re: 19 Tage Höhentreffen und Frankreich über deutsche Passknacker

#15 Beitrag von blahwas » 9. Nov 2019 21:28

Mo 16.09. Madelaine, Iseran, Galibier

Auf schnellstem Weg zum Col de la Madelaine. Der "richtigen", 2000 Meter hoch (davon 7 Meter aufgeschüttet). Dort wird dann gefrühstückt. Da wir früh dran sind, können wir den Passschildaufbau als Tisch benutzen.
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Der Col du Tra lag am Weg, den nimmt man mit, so als Abwechslung. Da gibt’s Kehren, wo man seinen Mitfahrer elegant im Auge behalten kann. Nicht dass der da hinten heimlich eine dreckige Linie fährt!
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Wir kommen wieder durch Bourg-Saint-Maurice, da waren wir auch schon gestern. Dann geht’s Richtung Col de Iseran. Er liegt auch sehr abgelegen hinter Val-d'Isère. Man kann nicht mal eben irgendwo anders hin abbiegen – man fährt ihn ganz oder gar nicht. Deshalb war ich vermutlich noch nie da. Auf dem Weg dorthin lange nix außer Landschaft. In eine Galerie (seitlich offener Tunnel) wurde extra eine Ampel mit Wartezeitanzeige gebaut, damit man auch in Ruhe ein Foto davon machen kann. Vorbildlich, diese Franzosen!
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Der Iseran ist der landschaftlich beeindruckendste Pass, den ich bisher gefahren bin. Das hat sich gelohnt!
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Außerdem ist er nach mancher Defintion der höchste "überfahrbare" Gebirgspass der Alpen - höher als Col de Bonette (und niedriger als Cime de Bonette, die eigentlich kein Pass ist). Markus und ich verlieren uns einige Minuten aus den Augen, aber Markus wartet dann halt weiter vorne mit der Mittagspause. Dann machen wir noch einen ganz kurzen Abstecher zum Col du Mont Cenis Richtung Italien. Dann geht es tatsächlich mal ohne Höhepunkte 40 km das Tal entlang, bis wird auf die Route des Grade Alpes (RDGA) einbiegen. Statt den Télégraphe nehmen wir heute den Col d'Albanne. Der ist etwas westlicher und den kennt kein Mensch. Das ist eigentlich eine Sackgasse, aber man kann per Schotter nach Süden weiter auf die RDGA. Die Strecke ist total seriös und kein bisschen gefährlich.
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Die RGDA Richtung Süden kommt der Galibier. Das ist einer der Klassiker im Radsport und auch auf der RDGA. Es gibt einen Tunnel auf 2556m, aber ohne Schnee kommt man auch über die Passhöhe von 2642m. So oder so ist man jenseits der Baumgrenze.
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Es gibt noch einen kleinen Snack am Cafe am Col de Lautaret, am südlichen Ende des Galibier. Wir sind die letzten Gäste heute. Zuletzt fahren wir den Col de Granon. Das ist eine Sackgasse mit mäßigem Straßenzustand, aber toller Landschaft und beeindruckenden Farben.
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Weiter geht es nur mit Ausnahmegenehmigung, weil Militärgebiet. Man sieht schon diverse historische Anlagen vom Col aus. Es ist nach 18 Uhr und Zeit, hurtig zum Hotel zu kommen. Wir müssen durch Briancon und dann noch etwas Bundesstraße fahren.
Wir haben heute zwei Einzelzimmer. Markus hat sogar drei Betten. Zum Abendessen gibt’s Burger direkt im Hotelrestaurant, nach dynamischen Spaziergang.

Wir hatten 375 km heute und jeder davon war genial!
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Re: 19 Tage Höhentreffen und Frankreich über deutsche Passknacker

#16 Beitrag von blahwas » 9. Nov 2019 22:00

Di 17.09. Italien, Izoard, Vars, Bonette

Morgens sind wir im Hotel aufgebrochen, um den kleinen Schotterpass Col de la Pousterle in der Nähe gefahren, und zwar ohne Gepäck! Das tut doch mal wieder gut. Der Pass an sich war nichts besonders und weder besonders schwer noch schön noch lang. Immerhin fahren wir das erste Mal durch eine Elektroschranke.
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Danach wieder zum Hotel, eingeladen und ausgecheckt. Markus nimmt mir etwas Gepäck ab (Vakuumbeutel mit sauberer Wäsche). Das ist der größte Freundschaftsdienst, den ich mir bei einer Rundreise vorstellen kann - Danke, Mann! Nebenan kaufen wir Frühstück ein und los geht die Tour! Der zweite Punkt heute ist der Col de l'Echelle. Da fährt man reichlich Kilometer ein Hochtal entlang, biegt rechts ab, und kommt dann irgendwie nach Italien rüber, und zwar nach Bardonecchia. Wir frühstücken aber erst, und fahren dann lieber wieder zurück und zum Montgenèvre, weil wir lieber in Frankreich als in Italien fahren, und weil ich nicht glauben konnte, dass es da durchgeht. Über den Montgenèvre geht es nach Italien. Eigentlich wollte ich die Asietta-Höhenstraße fahren, aber mit dieser Topcase-Konstruktion wird das nichts. Auch Markus war nicht ZU begeistert von der Vorstellung, 50 km Schotter zu fahren. Also hatte ich umgeplant und schnappe in Italien ich nur einen Passknacker, den Colle del Sestrière mitten in einem Ort, und dann sonst nur die Kurvenstrecken rundum. Das klappt gut um macht Spaß. Und Spaß muss ja auch mal sein.
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Zurück über den Montgenèvre geht es wieder nach Frankreich, schweizer Motorradfahrer jagen, die italienische Sitten beherrschen. Wer fährt denn sonst bitte Yamaha FJR mit Brülltüten und fährt auf einer Kurvenstrecke mit Tunneln im Hochgebirge, als wäre es ein Computerspiel?

Dann geht es wieder auf die Route das Grande Alpes. Über den Izoard geht es mit reichlich Fahrspaß. Die Landschaft ist auch beeindruckend, aber man ist es inzwischen fast schon gewohnt. Abwärts kann man rechts zum Col de Furfande abbiegen, einem Schotterpass, der nur von einer Seite befahrbar ist. Es sind 29 km bis zum Gipfel. Da die Yamaha schon seit 15 km auf Reserve fährt und die nächste Tanke 27 km entfernt ist, bei einer vermutete Reservereichweite von 45 km, habe ich Bedenken, diesen Schotterpass jetzt zu fahren. Man könnte zuerst tanken fahren, was ein großer Umweg und Zeitverschwendung ist. Man könnte Benzin bei Markus abzapfen - einen Schlauch habe ich, aber kein geeignetes Gefäß. Plastikflaschen werden von Benzin ruckzuck aufgelöst. Man könnte bei Anwohnern hausieren gehen, wobei das hier ja kein echter Notfall ist. Wie ich so sinniere kommt Markus mit dem größten Vorschlag aller Zeiten um die Ecke: Ich kann mir sein Motorrad leihen. Er hat ja deutlich mehr Reichweite. Wow. Da bin ich baff. Sein Motorrad zu verliehen fällt niemanden leicht. Mir ein Motorrad zu leihen, wenn man weiß, dass ich alles außer langsam bin, ist eine andere Hausnummer. Und für den explizierten Wunsch, einen Schotterpass damit zu fahren, ein Straßenmotorrad zu verleihen, das zeugt von Vertrauen, das als Selbstaufgabe grenzt. Da kann ich gar nicht anders, als ECHT?! JA KLAR! zu sagen. Markus will derweil sein gewerkschaftlich garantiertes Mittagsnickerchen halten - ob er da ein Auge zubekommt?

Nun denn, auf geht's mit einer F800R auf Pirelli Angel GT einen Schotterpass hoch. Das Gepäck haben wir extra abgebaut. Die Kehren sind betoniert, die Geraden lose. Es sind Furchen drin und auch Steine bis Golfballgröße. Der 1. Gang ist sehr lang übersetzt, der Motor schiebt ganz unten aber gut, die Sitzposition ist tief und hecklastig, aber das klappt eigentlich alles sehr gut. Ich mache zwei Pausen für Konzentration und Handgelenke auf 8 km. 2 km vor dem Ziel warnt ein Schild vor den Herausforderungen des letzten Abschnitts und empfiehlt, hier zu parken. Ich beiße mich natürlich durch bis ganz oben. Geschafft! Hier geht’s nicht mehr weiter.
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Und da oben stehen dann Autos. Panda, natürlich, aber nicht 4x4 aus 1983, sondern das aktuelle 0815-Modell, und auch sonst normale Autos. Andere Wege hierher gibt es nicht. Okay, die Locals sind also recht schmerzfrei. Oder Touristen mit Mietwagen. Offenbar hat denen noch niemand gesagt, dass man einen SUV mit Allradantrieb und 2 Tonnen Masse für solche Wege braucht.

Im Display der F800 steht "Lamp". Tatsächlich, das Rücklicht hängt schief. Es ist rechts und links mit einer Schraube fest, und die rechte ist nicht mehr im Gehäuse drin. Clever, der Bordcomputer! Ich verwende die noch montierten Rokstraps, um das Rücklicht mittig zu fixieren, damit es nicht ganz verloren geht. Den Pass runter geht es einfacher als hoch, mit Angst vorm ungebremsten Absturz statt Angst vorm Abwürgen und Umkippen im Stand. Am Parkplatz angekommen ist Markus putzmunter und am Telefonieren. Er guckt sich das Rücklicht genauer an und fixiert es mit Kabelbindern. Ich stopfe das abgebrochene Massekabel wieder in den Kabelschuh, damit es wieder ordnungsgemäß leuchtet. Voila, sieht auf den ersten und zweiten Blick normal aus und hält 100 Jahre, oder bis zum Morgen vor der nächsten Fahrt zum TÜV.
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Danach geht es zur nächsten Tanke. Dank Google finden wir eine Tanke in 12 km Entfernung, und dann geht's euphorisch den Col du Vars hoch. Das macht ja mal richtig Laune! Dort wird auch mal eingekehrt und Eis und Kaffee genossen. Meine Yamaha freut sich über ein kleines Familientreffen.
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Dann geht's spaßig nach Jausieres zu unserer bescheidenen Unterkunft, doch dazu später mehr. Jetzt gilt es keine Zeit zu verlieren, wenn wir haben noch einen Plan: Die Cime de la Bonette liegt nur 12 km die Straße rauf. Die höchste "Passstraße" Europas. Nur warten darf man nicht, denn es wird bald dunkel. Die Fahrt ist einfach wunderbar! Man hat 18 Uhr fast alles für sich alleine. Bei bestem Wetter und Fernsicht.
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Da uns das noch nicht genügt, biegen wir abwärts scharf links ab und Col de la Moutière. Einfach hier scharf links fahren. Da fährt man 3 km Schotter und landet bei einem Bunker. Auf die Strecke kann man vom Bonette oben hinabblicken. Die Murmeltiere wundern sich über die späte Störung. Wir freuen uns über die Landschaft und das Abenteuerfeeling.
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Zurück in Jausiers schnappen wir uns das Abendessen am See. So kann der Tag ausklingen. Zurück zum Hotel mache ich die erste Fahrt mit der Yamaha beim Dunkelheit und bin vom LED-Licht begeistert: Das Licht liefert eine komplett einheitliche Ausleuchtung eines klar abgegrenzten Bereichs, der geradeaus auch perfekt reicht. In Kurven sieht man eher weniger, weil sie vorne weiter einfedert als hinten. So kommen wir wieder an der Unterkunft an, der vielleicht schönsten auf dieser Reise.
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Nein, wir haben nicht das ganze Schloss, nur ein 30 qm-Zimmer mit sehr getrennten Betten, Platz für vier Leute und Balkon. Unser Hotelzimmer riecht inzwischen sehr nach dem Käse, den wir jetzt zwei Tage spazieren fahren, den wir vor der Abendrunde hier abgelegt haben. Dafür haben wir einen Balkon zum Tal und können am Himmel 1 Million Sterne sehen. Lichtverschmutzung gibt es hier nicht wirklich. Sehr zufrieden geht’s ins Bett.

317 km heute mit besonders schönen Hotspots
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Re: 19 Tage Höhentreffen und Frankreich über deutsche Passknacker

#17 Beitrag von karklausi » 9. Nov 2019 23:13

Super Bericht. Mich interessiert der Vorteil des angebastelten Topcases ggü einer wasserdichten Tasche auf der Rücksitzbank?
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Re: 19 Tage Höhentreffen und Frankreich über deutsche Passknacker

#18 Beitrag von blahwas » 10. Nov 2019 20:26

Mi 18.9. Westwärts, Drôme

Früh geht es raus aus dem Apartment. Wir müssen erstmalig unseren Müll selbst wegbringen. Dann wird zunächst mal Strecke gemacht, denn hier in der Region war ich ja schon dieses Jahr. Im Supermarkt in Barcelonette kaufen wir Frühstück und Getränke. Dann wird weiter die Bundesstraße vom letzten Urlaub gefahren, wobei wir eine Gruppe gar nicht so langsamer Holländer aufschnupfen.
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An der Staumauer des Lac de Serre-Poncon geht’s rechts hoch, und dann wieder zu dieser 1a-Frühstückslocation (siehe auch anderen Reisebericht), wie für uns gemacht. Dort auch netter Schwatz mit deutschem Solo-Fahrer (trotz BMW GS).
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Dann fahren wir weiter westwärts. Tagesbefehl: Alle Passknacker abgrasen, die ich in den letzten Frankreich-Urlauben liegenlassen habe. Und alle die am Weg liegen oder besonders schön sind, natürlich.
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Außerdem fingere ich endlich mal den langen Inbus aus meinem Reisewerkzeug (unten im Tankrucksack), um den Topcaseträger rrrichtig festzuziehen, und nicht das kurze Ikea-Dings, das man mir kurz vor Abreise gereicht hat. Das Ergebnis nehme ich vorweg: Ich musste den ganzen Tag nicht mehr nachziehen. Dafür war das Tanken war wieder mal knapp, nach 40 km Reserve gehen 13,2 Liter in den 14 Liter-Tank. Es ist sehr dünn besiedelt hier und es sind auch wenig Touristen unterwegs.
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Die Einheimischen haben aber reichlich Pass-Schildern aufgestellt, und das Passknacker-Team hat sie in seine Datenbank aufgenommen, also muss ich da jetzt „leider“ entlangfahren. Die Einheimischen danken es, und halten die Schilder heute extra für uns instand.
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Mangels Höhenmetern ist es sehr warm heute. Daher wählen wir einen neuen Modus: Markus wartet nicht mehr wenn ich Fotos mache, sondern lässt sich die weitere Fahrtrichtung zeigen und rollt dann vor, um den Fahrtwind zu genießen. Wir sind ja beide mit Membran angezogen, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Manchmal sucht er sich auch ein schattiges Plätzchen oder fängt an, Grashalme zu knipsen. Auch wenn ich einen Abstecher fahre rastet er derweil gerne. So kann er sich erholen, und ich kann mich verausgaben. Mittags machen wir eine längere Pause in einem 10 Seelen-Dorf. Es fehlt an touristischer Infrastruktur, daher wählen wir einen Spielplatz. Dort gibt es Schatten, Schaukeln, Bank, Zweitbank, fließend Wasser, Mülleimer, reichlich Ruhe, und natürlich LTE.

Wir fahren jetzt zwar noch durch verhältnismäßig flaches Land, aber je mehr wir uns dem Vercours näher, desto felsiger wird es, und bald fahren wir durch Schluchten.
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Dort habe ich ein Schreckmoment mit einem Wohnmobil von rechts, das eigentlich warten müsste, dessen Fahrer aber komplett von seiner A-Säule verdeckt ist. Die Beifahrerin kann ich sehen, aber sie dreht sich zur anderen Seite. Klarer Fall: Vollbremsung! Ich komme rechtzeitig zum Stehen, bzw. kann die Bremse wieder lösen, denn das Wohnmobil wartet dann doch, und Markus fährt nicht auf - also alles gut!

Wir machen die zweite lange Pause in einem richtigen Eiscafé in einem Dorfzentrum – das gehört ja auch zur Motorradtour. Dort gibt es selbstgemachtes Eis, das zwar 3 Euro pro Kugel kostet, was mich aber gerade nicht abschreckt. Außerdem gibt es eine echt fröhliche Mitinhaberin. Ist klar, die darf ja auch den ganzen Tag lecker Eis essen! Das kommt auf meine „Ideen für den vorgezogenen Ruhestand zwecks Geldwäsche“-Liste.

Die Schatten werden schon wieder länger und wir machen noch etwas Strecke. In Sichtweite des Vercours biegen wir von der Bundesstraße ab in ein verschlafenes Nest. Dort haben wir heute eine „Ferienwohnung“, die eher ein ganzes Haus ist. Es geht über zwei Etagen, wir haben zwei Schlafzimmer, eine große Wohnküche und ein riesiges Bad. Im Erdgeschoss ist alles recht rustikal, im 1. Stock aber topmodern. Die Türschlösser erinnern mich an die Vorkriegswohnung meiner Großeltern mit ihren Hebeln, Riegeln und 15 cm langen Schlüsseln. Leider müssen die Motorräder an der Dorfstraße stehen, aber hier kommt augenscheinlich niemand je vorbei. Die Unterkunft ist so abgelegen, dass das Handynetz erstmals schwächelt, aber das WLAN ist gut. Nach dem Hochladen der heutigen 22 Passknacker-Nachweise bin ich in der Rangliste auf Platz 4 aufgestiegen. Heute bin ich meinen 1000. Passknacker dieser Saison gefahren!

Da kein Restaurant in der Nähe ist, schlachten wir die Vorräte, was auch mal gemütlich ist – back to Basics. Im letzten gemeinsamen Urlaub haben wir noch mit Campingkram gekocht. Nach dem Abendessen bin ich nur noch Platz 6 der Passknacker-Rangliste, weil die anderen eben auch noch gefahren sind, oder zumindest ihre Nachweise hochladen.

Ich gehe noch spazieren. Der Nachthimmel ist hier am Ende der Welt natürlich nicht von schlechten Eltern. Im Dorf bellt mich ein sehr großer Hund an, der aus seiner Hütte auf mich zu rennen will, aber altersbedingt Mühe hat, aufzustehen. Man sollte ja allgemein nicht versuchen, Tieren mit vier Beinen davonzurennen, aber hier hätte es vielleicht funktioniert. Stehen bleiben erscheint mir trotzdem klüger. Der Hund bellt weiter, kommt im Halbkreis langsam auf mich zu, bellt immer unentschlossener, schnüffelt etwas an mir rum und beschließt dann, dass ich cool bin. So kann ich beruhigt ins Bett gehen.

Heute waren es 354 km, und die Route war arm an super-spektakulären Höhepunkten, aber man kam gut voran, hatte reichlich Kurven und die Welt so ziemlich für sich alleine.
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Re: 19 Tage Höhentreffen und Frankreich über deutsche Passknacker

#19 Beitrag von blahwas » 10. Nov 2019 21:02

Do 19.9. Vercours, Chartreuse

Wir verlassen unser Haus gegen 8:30. Die Reise führt ab jetzt stetig Richtung Norden, und damit neigt sie sich irgendwie dem Ende zu, auch wenn wir uns erst Sonntag trennen werden. Heute wird nur der Vercours befahren, und nördlich davon, jenseits von Grenoble, auch die Region Chartreuse. Als erster Pass steht heute der Col de Russet auf dem Programm. Den hatte ich zwar schon im Juni, aber es ist der schönste Pass weit und breit, den will ich Markus natürlich nicht vorenthalten. Außerdem ist es der schnellste Weg ;) Heute früh ist es noch frisch mit 12°C. Das war die letzten Tage morgens öfters so, aber heute bleibt es frisch. In den Vercours hoch wird es eher kühler als wärmer. Wir freuen uns darüber nach der Hitze gestern. Der Col de Russet ist noch immer eine Kurvenorgie erster Güte, die wir sehr genießen.
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An der Passhöhe gibt es das Frühstück. Wir haben Würste, aber nur auf den Reifen.
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So kann der Tag beginnen. Weiter im Vercours geraten wir in Nebel - oder in eine Wolke? Zwei mal Links abbiegen, und die Sonne ist wieder da. Aber seht selbst...
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Danach folgen viele verschiedene kurvige Ministraßen bei eitel Sonnenschein, leider teilweise mit Gravillons. Tolle Aussichten. Es ist eher kalt. Interessant ist noch, dass es immer wieder Hammer Aussichten gibt.
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Und dass eine Straße zwischen Felsen scheinbar ins nichts führt… und dann ist da ein Loch im Felsen, und man fährt 500 Meter durch einen einsamen Tunnel. Für wen wurde der gebaut? Na, für uns natürlich!
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Durch das dicht besiedelte Tal Isère-Tal kommen wir ohne große Umstände, und dann schwingen wir uns ins Chartreuse-Gebirge ein. Leider werden wir öfters von Schotter auf der Strecke ausgebremst – Gravillons! Das zerrt an Laune und Durchschnittstempo. Am Osthang kommt noch reichlich Touristenverkehr dazu (Gleitschirmflieger usw.), was den Effekt verstärkt. Dafür entschädigen die Aussichten teilweise. Markus sieht glücklich aus.
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Wir haben zwei Einzelzimmer im Hotel. Ein Restaurant ist im gleichen Haus, aber als wir um 20:30 dort Abendessen wollen, werden wir abgewiesen, da es ausgebucht ist. Das ist schade. Der Hotelwirt leidet mit uns, eigentlich sogar mehr als wir, denn richtig viel Hunger haben wir beide nicht. Der Wirt telefoniert und findet leider nichts Offenes in der fußläufigen Nähe. 7 km Motorrad fahren wollen wir nicht. Da hat er die Idee, das Frühstücksbuffet zu plündern, und deckt uns einen Teller mit Schinken und Käse, zum Genuss auf dem Zimmer. Brot haben wir ja noch: Einen Rest Baguette und Markus‘ eiserne Reserve Schwarzbrot, die er sicherlich auch nicht wieder zurück nach Deutschland fahren will, nachdem er ihr schon den Autoreisezug, Österreich, Italien und Frankreich gezeigt hat. So tafeln wird dann auf meinem Zimmer je einem 3 cm dickes Brot, davon 2 cm Schinken, und der Rest Käse und Brot. Das macht reichlich satt und ich gehe noch spazieren. Warum das Hotel nur 2 Sterne hat, verstehe ich nicht, da wären auch 3 angebracht. Die Zimmer und Bäder sind geräumig, modern und sauber. Das WLAN ist offen und schnell. Es gibt einen Parkplatz mit abgesperrtem Tor. Allenfalls ein paar mehr Steckdosen am Zimmer wären nett.

Wir hatten heute 414 km, die in Summe doch anstrengend waren. Ein paar Highlights waren dabei, aber im Chartreuse war der Straßenzustand wegen Garvillons leider eher schlecht. Dafür habe ich viel Neues gesehen und mein Passknacker-Lebenswerk gepflegt.
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Re: 19 Tage Höhentreffen und Frankreich über deutsche Passknacker

#20 Beitrag von blahwas » 10. Nov 2019 21:27

Fr 20.9. Französischer Süd-Jura

Wir reißen heute zwar ohne Frühstück ab, aber nicht ohne zu bezahlen. Unser Abendessen wurde nicht berechnet – wow! Das war extra-nett vom Wirt. Wir fahren insgesamt weiter nach Norden, nehmen aber reichlich Passknacker mit.

Die Route führt heute Zick-Zack durchs Hinterland. Da lohnt vorher ein Blick aufs Navi für die Tankstellenplanung. Die Tanks sind noch recht voll von gestern, also eigentlich kein Problem? Denkste, nächste Tanke in 293 km - auha, mein Tank reicht nur 220 km. Da muss dann Google ran, und Google findet eine Tanke 4 km von der Route entfernt, etwa zur Hälfte der Strecke. Gut, dass wir verglichen haben! Bald merken wir, dass der steht leider unter keinem besonders schönen Motto Tag, nämlich:
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f*ck Gravillon! Das kostet Fahrzspaß und Zeit und frisst dabei noch Reifen – total unfair! Irgendwann unterwegs weiße ich Markus auf einen "Ast" an seinem Motorrad hin. Okay, es war ein langer Strohhalm, aber das Wort fiel mir gerade nicht ein. 10 Minuten später steht Markus kichernd neben mir an der Kreuzung und weißt mich auf einen "Ast" an meinem Motorrad hin. Ich gucke und staune nicht schlecht.
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Im weiteren Verlauf haben wir wieder einen sonnigen Fahrtag mit vielen Kurven, und leider oft schlechten Straßen.
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Aussichten sind leider eher selten, weil viel Wald rumsteht. Umso schöner, wenn’s doch mal klappt.
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Wir haben ein Appartement in Gex, unten im Tal. Die Strecke runter ist nett und macht Laune.
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Hier kommen uns auch die ersten Sport- und Luxusautos mit Schweizer Nummernschildern entgegen. Wir checken ein in ein Appartement in einem großen Haus aus der 80ern, und suchen uns nach der Dusche eine Pizzeria

Heute waren es 320 km, die wir recht glatt abgerissen haben. Die Luft ist ein wenig raus und das Ende droht…
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